Sein Mittelpunkt ist die Familie

Was kann einen begeisterten Bergsteiger glücklicher machen als den Everest zu erklimmen? Felipe Recart war mit seinem Vater im Himalaja-Gebiet, wo er den höchsten aller Berge nicht nur aus der Nähe betrachten konnte, sondern auch den Versuch unternahm, ihn zu besteigen.

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Sie kamen bis zum Basislager auf 5.500 Metern Höhe. «Es war eine einmalige Erfahrung», erzählt Recart, «nicht nur, dass die landschaftliche Kulisse einen in Staunen versetzt, sondern auch die Menschen in ihrer entgegenkommenden Art haben uns mit ihrer Sympathie und Bescheidenheit beeindruckt. Dort ist man darauf angewiesen, den ganzen Tag zu gehen. Kraftfahrzeuge gibt es nämlich keine. Und so lernt man Menschen kennen».

Fast zwei Monate blieben sie in der Gegend. Als die Hochzeit von einem seiner Brüder unmittelbar bevorstand, wurde es Zeit, die Heimreise anzutreten. Felipe Recart flog nach Santiago zurück, um ein gutes Quäntchen Lebenserfahrungen reicher. Nicht nur die Himalaja-Bergwelt hatte ihm unvergessliche Erlebnisse beschert. Vorher hatte er Deutschland kennengelernt – eine völlig andere Welt als die seiner Kindheit und Jugend in Chile.

Felipe Recart ist in Santiago geboren und aufgewachsen. Er und seine beiden Brüder besuchten die Grange School, «und mein Deutsch habe ich meinen Großeltern zu verdanken, der Ulla und dem Otto». Recarts Großvater ist der unvergessene Architekt Otto Balze, der zahlreiche stilvolle Häuser entworfen und gebaut hat, von denen etliche noch heute bewundert werden können.

Während seiner Schulzeit interessierte sich Felipe am meisten für die wissenschaftlichen Fächer. Eine wirksame berufliche Orientierung erhielt er von seinen beiden älteren Brüdern, die Ingenieurwesen studierten. Er ließ sich von ihnen überzeugen, dass diese auch die richtige Laufbahn für ihn sei. So kam es, dass er ebenfalls diese berufliche Richtung einschlug.

Er studierte an der Universidad Católica in Santiago und entschied sich für das Fachgebiet Wirtschaftsingenieurwesen in Hydraulik. Einige Monate nach seinem erfolgreichen Abschluss reiste er nach Deutschland. Felipe wollte nicht nur in einem fremden Land Erfahrungen sammeln, sondern auch sein Deutsch vervollkommnen. Sein Vater exportierte damals Früchte nach Deutschland und konnte dadurch die nötigen Verbindungen knüpfen, damit sein Sohn in Hamburg einen Job bekam. «Ich war der Botenjunge im Büro», erzählt er, «ich musste die Fotokopien machen, die Gänge erledigen, das heißt, ich erfüllte wegen meiner sprachlichen Einschränkung die einfachsten Aufgaben».

 

Sechs Monate in Hamburg

Sechs Monate lebte er in Hamburg. Morgens ging er zur Arbeit und nachmittags lernte er Deutsch. Der Anfang war denkbar schwer: «Ich war total allein, kannte niemanden und hatte große Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache». Es kam vor, dass man ihn auf Englisch ansprach, um ihm die Verständigung zu erleichtern «aber da ich dickköpfig bin, habe ich dann immer auf Deutsch geantwortet. Die ersten Monate waren sehr anstrengend, bis es mir gelungen ist, mich auf Deutsch verständlich zu machen». Er lernte andere Menschen kennen, nahm Kontakt zu einem Cousin auf «und schließlich lief alles bestens». Es lief in der Tat so gut, dass es ihm schwerfiel, nach Chile zurückzureisen.

An seinem Arbeitsplatz konnte er verschiedene Freundschaften schließen. Er ist diesen zuvorkommenden Menschen heute noch dankbar, weil er gespürt hat, dass sie ihn aufnahmen, als er zu Beginn seiner Tätigkeit wegen seiner sprachlichen Einschränkung keinen guten Draht zur Belegschaft hatte: «Sie forderten mich auf, zusammen Mittag zu essen, haben mich später zu sich nach Hause eingeladen und mir ihre Familien vorgestellt. Dass war für mich sehr wichtig, denn es hat mich gelehrt, dass ein Mitarbeiter, wenn er auch aus welchen Gründen auch immer noch so weit unten ist im Unternehmen, genauso wertvoll ist wie alle anderen».

Nach dieser positiven Erfahrung in Deutschland nahm er sich einige Monate frei. Er wollte das schöne Europa bereisen, stellte jedoch fest, dass dies eine teure Angelegenheit ist und beschloss daher, nach Nepal und Tibet zu fahren.

Nach der unvergesslichen Everest-Erfahrung hieß es, eine Stellung anzutreten und in der chilenischen Arbeitswelt einen Platz zu suchen. Er bewarb sich erfolgreich bei Ultragas, wo er zunächst in einer Abteilung tätig war, die sich mit dem Transport zwischen Santiago und Punta Arenas befasste. Später sollte er diesen Service leiten. «Es war eine gute Zeit», meint er, «ich habe die besten Erinnerungen an diese Stellung. Dort konnte ich viel lernen, und es hat mich beeindruckt, wie man in diesem Unternehmen mit den Mitarbeitern umgeht».

 

Kurswechsel

Diese überaus positive Arbeitserfahrung fand ihr Ende, als Felipe Recart für sein Leben einen Kurswechsel vornahm. Er heiratete und flog frisch vermählt in die USA, um an der Colorado-Universität einen MBA zu machen. Zwei Jahre lebte das junge Paar in Nordamerika: «Wir konnten verschiedene Freundschaften fürs Leben schließen. Im Mai sind wir nach Nordamerika geflogen und haben verschiedene von ihnen besucht. Es war einmalig, denn sowohl wir als auch sie haben inzwischen Nachwuchs bekommen. Die Kinder haben sich kennengelernt und zusammen gespielt!»

Mit dem Rückhalt seiner Fortbildung unternahm Felipe Recart nach seiner Heimkehr den Versuch, beruflich unabhängig zu werden. Er arbeitete ein Projekt aus, in dem er LED-Lampen, die bekanntlich im Konsum äußerst sparsam sind, Firmen anbot. «Leider hat es aus verschiedenen Gründen nicht geklappt», bedauert er, «also sah ich mich in der Industrie um, die in der Energie-Branche eine Rolle spielt, und daher bin ich hier gelandet».

So kam Felipe Recart im Jahr 2011 zum Unternehmen Transelec, bei dem er bis zum heutigen Tag arbeitet. Transelec ist der Inhaber von circa 85 Prozent der elektrischen Leitungen des Landes. Projekte, die den Konsum angehen, erhalten daher in der Regel bei Transelec einen Anschluss. Felipe Recart betreut die Kunden, nachdem besagter Anschluss erfolgt ist. Er gibt acht, «dass alles durchgeführt wird, wie es im Vertrag steht und außerdem kümmere ich mich um die Zahlungen, die zwischen den verschiedenen Firmen und Transelec erfolgen müssen».

Es ist ein verantwortungsvoller Job, den der dynamische Mann ausübt, «aber er ist unterhaltsam, und die Leute sind hier sehr entgegenkommend. Ich habe daher über das Elektrogeschäft eine Menge lernen können».

Felipe Recarts Freizeit ist ohne seine Frau und seine beiden Kinder undenkbar. Er definiert sich als Familienmensch. Gern zurrt er seinen Sohn auf seinem Rücken fest, um mit ihm in die Berge zu gehen. Oft klettert er mit ihm den Manquehuito hinauf, «der nicht besonders anstrengend und deswegen kinderfreundlich ist. In der Tat trifft man dort ganze Familien.»

Dieser Sinn für das familiäre Beisammensein ist ihm als Kind von seinen Eltern und Großeltern vorgelebt worden: «So etwas bleibt für das ganze Leben», weiß er, «und man merkt erst, wie gut so etwas ist, wenn man Fälle kennenlernt, wo es leider ganz anders läuft…»

 

Walter Krumbach

 

 

Texto foto: Felipe Recart: «Mein Deutsch habe ich meinen Großeltern zu verdanken.»

 

Foto: Walter Krumbach

 

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