Sabine Köhler – Vorsitzende der Albert-Schweitzer-Schule in Santiago de Chile

«Wir sollten die Spiritualität neu entwickeln»

Sabine Köhler ist Vorsitzende der Albert-Schweitzer-Schule in Santiago de Chile
Sabine Köhler ist Vorsitzende der Albert-Schweitzer-Schule in Santiago de Chile

Die gelernte Psychologin setzt sich seit knapp zwei Jahrzehnten für Kinder und Jugendliche aus dem südlichen Teil der Región Metropolitana ein, die aufgrund ihrer Familienumstände Gefahr laufen, auf die schiefe Bahn zu geraten. Wie man so eine knifflige Aufgabe in Angriff nimmt, verriet sie dem Cóndor im Gespräch.

Von Walter Krumbach

Es war um die Jahrtausendwende, als Sabine Köhler bei Sename (Servicio Nacional de Menores) arbeitete. «Damals hatten wir große Schwierigkeiten, für die Kinder, die aus ihrer Schule ausgewiesen wurden, eine neue Erziehungsanstalt zu finden. Diese Kinder standen dann auf der Straße, weshalb das Risiko, dass aus ihnen Verbrecher werden konnten, sehr groß war», erinnert sie sich. Die lapidare Diagnose brachte sie auf den Gedanken, «eine Schule zu gründen, aus der die Kinder nicht rausfliegen können».

Damals war Walter Brien der Vorsitzende des Kirchenvorstandes der Erlösergemeinde. Er schlug vor, ein Sozialprojekt in Angriff zu nehmen, um eine neue Schule zu gründen, die sich dieser Sozialfälle annehmen könnte. In Bajos de Mena im Stadtteil Puente Alto stellte Serviu der Kirche ein Grundstück zur Verfügung, auf dem das Schulgebäude in den darauffolgenden Jahren entstehen konnte. Die Kirche gab der Gesellschaft den nötigen rechtlichen Rückhalt und die von Joachim Barentin geleitete Fundación Luterana «übernahm sehr großzügig die Dokumentenerstellung». Bereits 2003 konnte das Colegio Albert Schweitzer – genannt nach dem großen Theologen, Philosophen, Arzt, Organisten und vor allem Humanisten, der 1952 den Friedensnobelpreis erhielt – in Betrieb genommen werden.

Vorsitzende der Corporación Albert Schweitzer

Seit dem Jahr 2000 ist Sabine Köhler die Vorsitzende der Corporación Albert Schweitzer. Die gelernte Psychologin betrachtet heute den Gedanken, ohne weiteres Kinder aufzunehmen, die potentielle Verbrecher sind, als «eine schöne Herausforderung, sonst würden wir es ja nicht tun». Tatsächlich «war es am Anfang das absolute Chaos», erzählt sie, «wir mussten daraus auch erst einmal lernen, und heutzutage funktioniert es supergut». Wie konnte man dem Chaos Herr werden? «Das geht eigentlich nur, indem man mit den Kindern etwas entwickelt, was man eine emotionale Bindung nennt», weiß sie. «Das bedeutet: Die Kinder spüren, dass wir uns wirklich für sie interessieren. Wenn ein Mensch Liebe und Zuwendung bekommt, dann kann er auch langsam seine emotionalen Wunden heilen. Diese Kinder haben ja eigentlich keine Bindungen, und wenn ich keine Bindungen habe, dann ist mir alles egal und dann kann ich auch den Anderen misshandeln».

Heute können Vorstand und Schulleitung vertrauensvoll in die Zukunft blicken: «Es läuft jetzt, den Verhältnissen entsprechend, sehr gut. Unsere nächste Herausforderung ist, die Schule bis zur 12. Klasse auszubauen». Das bedeutet, Genehmigungen zu beantragen und Geld unter freundlichen Spendern zu sammeln. Das Ziel ist, bereits 2021 die Erweiterung einweihen zu können.    

Verbindungen schaffen, die Welt ein bisschen heilen

Während des langen Zeitraums, in dem Sabine Köhler für die Schule in Bajos de Mena tätig gewesen ist, wurde ihr der ständige Einsatz zu einer Art Lebensaufgabe: «Für mich ist es im Leben wichtig, dass ich dazu beitragen kann, Verbindungen zu schaffen, und die Welt ein bisschen zu heilen. Es ist wichtig, dass die Menschen in unserem Land begreifen, dass wir eine Gesellschaft sind» – und sie betont dabei das Wort «eine» – «und dass wir als Gesellschaft wachsen oder eben gar nicht wachsen. Dazu ist der soziale Frieden superwichtig».

Nachdem sie ihr Studium beendet hatte, heiratete die junge Psychologin Bernd Oberpaur, der als junger Arzt an das Krankenhaus von San Javier bestimmt wurde. Dort begann sie zu arbeiten, wobei sie feststellen musste, «dass ich nicht die nötigen Werkzeuge dazu besaß». Später, nachdem sie wieder nach Santiago zurückgezogen war, widmete sie sich erfolgreich ihrer Fortbildung. Gleichzeitig wuchs ihre Familie. Heute hat sie drei erwachsene Kinder. Rückblickend meint sie: «Es ist eine schöne Etappe, Kinder zu haben, aber es ist auch eine schöne Etappe, wenn man sich wieder sich selbst widmen und eigene Projekte auf die Beine stellen kann». Ihr nächster Plan ist, eine Stiftung mit dem Namen «Bildung Albert Schweitzer» zu gründen. Ziel dabei ist, Lehrer mit der angewandten Methodik auszubilden, um anderen Schulen helfen zu können, deren Leistungen noch ungenügend sind. Die aktuelle Statistik besagt, dass zurzeit um die 400 Schulen dieser Kategorie zuzuordnen sind!

Positive Psychologie

In ihrer – nicht allzu großen – Freizeit widmet Sabine Köhler sich bevorzugt geistigen Dingen. Sie singt im Ehemaligenschüler-Chor der DS Santiago und liest viel. Dabei hat sie in der Psychologie «faszinierende Dinge entdeckt, wie die sogenannte positive Psychologie. Sie untersucht, weshalb die Menschen glücklich sind und wie andere davon lernen können. Das hat mit guten Beziehungen und mit dem Sinn im Leben zu tun». Die Psychologie trifft sich mit der Spiritualität, was eine Psychologin wie Sabine Köhler, die sich schon seit ihrer Jugend ständig mit geistigen Dingen beschäftigt hat, nachhaltig beeindruckt hat: «Dies gibt alledem, was ich tue, einen Rahmen», stellt sie fest, «und ich denke, wir sollten die Spiritualität im 21. Jahrhundert neu entwickeln». Die Frage ist, «wie können wir eine Spiritualität leben, in der meine Kinder und Enkel mit inbegriffen sind». Eine Riesenaufgabe, die in einer Zeit gestellt wird, in der die Medien die junge Generation gnadenlos mit Botschaften über die Vorzüge des materiellen Wohlstands bombardiert. 

Print Friendly, PDF & Email

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.