Rolf Schulze: Deutscher Botschafter in Chile

Von Petra Wilken

Je weiter man von zuhause weg geht, umso wichtiger wird die eigene Herkunft. Die Bindungen werden nicht schwächer, sondern enger. Wenn ich heute Landsleute aus Baden treffe, freue ich mich sehr. Ich stamme aus dem Nordschwarzwald, aus einer typischen Familie des Mittelstands, mein Vater war Architekt und meine Mutter Lehrerin.

Mit 18 wurde mir die Heimat zu eng. Zusammen mit einem Freund bin ich nach Frankreich gegangen. Meine Mutter stand weinend in der Tür, aber ich wollte die Fesseln sprengen. In Paris habe ich ein Jahr lang als Nachtportier in einem Hotel am Nordbahnhof gearbeitet, habe Französisch gelernt und an der Sorbonne französische Literaturwissenschaften studiert.

Meine Alma Mater ist Freiburg. Dort habe ich klassische Philologie – Griechisch und Latein – studiert. Es war ein «Ritt über den Bodensee», was als Bild für ein gefährliches Unternehmen steht. Gefährlich insofern, als dass es schwierig ist, damit einen Lebensunterhalt aufzubauen.

Es war ein extrem heißer Julitag im Jahr 1979, als mir ein Freund eine Stellenanzeige zeigte und sagte, ich werde Diplomat. Ich war gerade mit einem DAAD-Stipendium in Cambridge gewesen, als in England der Holocaust-Film herausgekommen war, und ich habe erlebt, wie Deutschland im Ausland gesehen wird. Da wusste ich plötzlich, dass ich Diplomat werden wollte, habe mich in Politologie, Volkswirtschaft und Völkerrecht eingearbeitet und um den höheren Dienst beworben.

Meine Familie und ich waren 28 Jahre im Ausland, davon 16 Jahre in Asien. Wir waren in Madrid, Trinidad und Tobago, Japan, China, Vietnam und Thailand. Als wir zuletzt in Bangkok waren, wünschte sich meine Frau, Petronella Schulze-Ganzeboom – sie ist Holländerin – in einen Kulturkreis zu gehen, in dem wir stärker integriert sein würden. Sie hat mich auf meiner gesamten Berufslaufbahn begleitet. Der Fairness halber habe ich Rücksicht auf sie und unsere drei Kinder genommen und wir sind hierhergekommen.  

Chile hat uns mit offenen Armen empfangen. Der Unterschied zu Asien konnte nicht größer sein. Mentalitätsmäßig ist Chile sehr europäisch geprägt. Meine Frau hat sich hier sehr wohl gefühlt. Mein jüngster Sohn hat sich regelrecht in Chile verliebt. Er wird sein VWL-Studium an der Humboldt-Universität in Berlin beenden, und danach will er nach Chile zurückkommen. Ich unterstütze ihn aus Überzeugung bei seinen Plänen.  

Ich habe alle Hochachtung vor diesem Land. Was Chile in den vergangenen zehn bis 20 Jahren erreicht hat – davor kann man nur den Hut ziehen. Chile hat eine funktionierende Demokratie. Wir leben in einer Welt, wo das nicht überall der Fall ist. Was die makroökonomischen Daten angeht – Haushaltsdefizit, Staatsverschuldung, Devisenreserven, Inflation, Arbeitslosigkeit – da wäre mancher Euro-Zonen-Staat neidisch.

Es gibt auch hier Baustellen. Aber ist das bei uns zuhause anders? Chile ist für Deutschland ein Like-Minded-Staat. In Lateinamerika ist es das Land, das den Wertvollstellungen der EU und Deutschlands am ähnlichsten ist. Der deutsche Außenminister ist mit dem chilenischen Außenminister in regem Telefonkontakt.

Die deutsch-chilenische Gemeinschaft hat ein institutionelles Gefüge aufgebaut, das Seinesgleichen sucht. Wenn man sich als deutscher Botschafter vorstellt, treten einem die Leute mit Achtung entgegen. Das hat mit der Leistung der Deutsch-Chilenen zu tun. Der Club Manquehue, der DCB – das ist einfach nur großartig.

Es wird ein doppelter Abschied – von Chile und vom Berufsleben. Das wird nicht einfach, aber ich freue mich auf die Kinder. Wir werden in Potsdam leben, aber ich habe auch vor, oft nach Chile zu kommen.

Großes Faszinosum

«Für mich ist es ein großes Faszinosum, was Chile landschaftlich zu bieten hat. Ich habe das Land von der Atacamawüste bis zur Antarktis bereist. Wein, Land und Leute, Astronomie und Reisen – das hat mich in Chile sehr stark ausgefüllt.»

Chilenischer Carménère

«Ich weiß nicht, ob ich das sagen darf, aber für mich ist der chilenische Carménère der beste Wein der Welt. Ich habe auf meinen Reisen keine Gelegenheit verpasst, Weingüter zu besuchen.»

Der Cóndor

«Die Deutsch-Chilenen und selbst auch chilenische Patrioten sind der deutschen Kultur und Sprache sehr verbunden und haben Interesse an einem solchen Presseorgan. Ich kann nur hoffen und an alle appellieren, den Cóndor weiter am Leben zu halten.»

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