Roland Klagges: Akademiker, Naturfreund, Musikfan

Roland Klagges: «Wir hüten den Naturwald, soweit wir können.» Foto: Walter Krumbach
Roland Klagges: «Wir hüten den Naturwald, soweit wir können.» Foto: Walter Krumbach

 

Der Männerchor «Frohsinn» aus Santiago ist einer der langlebigsten der Welt. 1885 gegründet, ist er bis heute in der deutsch-chilenischen Gemeinschaft Santiagos allgemein bekannt und aufgrund seiner Auftritte bei feierlichen Anlässen in Kirchen, Seniorenheimen und Schulen beliebt. Roland Klagges singt seit acht Jahren im «Frohsinn».

 

Von Walter Krumbach

Auch sein Vater war Mitglied dieses Gesangvereins: «Er war über 50 Jahre mit dabei und hat dafür die goldene Sängernadel bekommen», erzählt sein Sohn. Heute ist er der erste Vorsitzende des Chorvorstands. Die Musik hat in dieser Familie schon immer eine herausragende Rolle gespielt. Das stellt man beim Besuch seiner geräumigen Wohnung fest, in der zwei Klaviere stehen.

Roland Klagges wurde in Santiago geboren. Er absolvierte die Deutsche Schule Los Leones, besuchte anschließend als einer der letzten Jahrgänge die alte Schule an der Almirante Barroso, um die Oberstufe schließlich im neuen Gebäude in Antonio Varas im Jahr 1954 zu beenden. Zweimal erhielt er den zweiten Preis unter den Klassenbesten, «aber ich war mir gar nicht bewusst, dass ich einer der Tüchtigsten war», meint er dazu belustigt.

Ausschlaggebend für diese Auszeichnung war sicherlich ein Preisausschreiben, an dem Roland Klagges in einem seiner letzten Schuljahre teilnahm und zu dem die Burschenschaft Araucania eine Prämie gestiftet hatte: «Ich fragte meinen Vater zum Thema der Einwanderung unserer Familie aus und schrieb darüber einen Aufsatz.» Der fand großen Anklang, Roland siegte und erhielt ein Studentenliederbuch der Verbindung.  

Bald kam die Zeit der Berufswahl, «wobei man meistens nicht sehr gut orientiert ist», wie er meint, «aber ich hatte immer schon Zugang zu deutschen Zeitschriften wie ‚Kosmos‘ und ‚Orion‘ gehabt. Anhand der Kenntnisse, die ich mir dabei aneignen konnte, entschied ich mich für Kybernetik. Ich habe mich aber nicht getraut, meinem Vater diesen Wunsch vorzutragen», lacht er, «zu dem Studium hätte ich nämlich in die USA reisen müssen».

Der Vater hatte einige Jahre vorher begonnen, in der Forstwirtschaft zu investieren, weshalb Roland mit einem Forstwirt Kontakt aufnahm, der gerade sein Studium beendet hatte. Diese Universitätslaufbahn war damals ein Novum. Was der junge Absolvent zu erzählen hatte, war derart anregend, «dass ich das Abitur in Mathematik gemacht und mich an der Universidad de Chile angemeldet habe», erinnert er sich.

Während des Studiums trat er in die Burschenschaft Andinia ein. Diese Entscheidung sollte sich als überaus vorteilhaft herausstellten. Nicht nur, dass er über mehrere Jahre die verantwortungsvolle Aufgabe des Kassenwarts übernehmen, sondern sich regelmäßig in der Kunst des öffentlichen Redens üben musste, wofür er der Verbindung heute noch dankbar ist.

Im Jahr 1960 machte er seine Diplomarbeit. Damals löste sein Vater ein Versprechen ein, mit der Mutter eine Deutschlandreise zu unternehmen, weshalb Roland während der Abwesenheit seiner Eltern die Forstbetriebe übernahm. Damit nicht genug, bewarb er sich beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) um ein Stipendium. Der Antrag hatte Erfolg, sodass er nach Deutschland fliegen konnte.

Damals war im zivilen Flugverkehr noch nicht die Zeit der Düsenflieger angebrochen, weshalb Roland in einer Propellermaschine eine 36-stündige Reise antreten musste: «Es ging über Montevideo, Buenos Aires, São Paulo, Rio de Janeiro, Liberia und Lissabon nach Zürich. In der Schweiz stieg ich dann in einen Zug nach Freiburg. Es war anstrengend, aber damals waren die Sitze im Flugzeug angenehmer, mit ausreichend Platz, nicht wie heute», schmunzelt er.

Ein Jahr studierte Klagges in Deutschland. Nach seiner Rückkehr erhielt er ein Angebot der Universidad de Chile, eine Professur zu übernehmen. Die drei Jahre, die er als Assistenzprofessor tätig gewesen war, wirkten sich nun darauf aus, dass er diese aussichtreiche Stellung antreten konnte.

Akademiker bilden sich bekanntlich zeitlebens weiter, weshalb sich Roland Klagges auch weiterhin für Lehrgänge im Ausland bewarb: «Später habe ich ein Humboldt-Stipendium gewonnen und verloren», erzählt er. «Es gab damals zwei Stipendien für Chile. Ich bekam eines davon. Einige Zeit später erhielt ich einen Brief, indem man mich benachrichtigte, dass es verschoben wurde. Dann kam ein dritter Brief, in dem es hieß, dass ich aufgrund der großen Menge Anwärter das Stipendium nicht wahrnehmen könnte, aber ich könnte mich ja noch einmal bewerben».

Diese unvorhersehbare Lage rief einigen Ärger in der Botschaft und im Goethe-Institut hervor. Es war jedoch nichts zu erreichen, denn der eigentliche Grund für die Absage hatte einen politischen Ursprung: Willy Brandts Ostpolitik hatte veranlasst, dass im gleichen Jahr eine große Anzahl Anwärter aus osteuropäischen Staaten ihre Bewerbungen einreichten. «Das waren Professoren, die schon 20 Jahre lang Bücher geschrieben hatten und daher bevorzugt wurden», glaubt Klagges. «Trotzdem hat sich die Kommission in Chile in Bewegung gesetzt und den DAAD überredet, mir eine Studienbeihilfe für ehemalige Stipendiaten zu geben. Diese Studienförderung stellte sich als sehr gut heraus und ich konnte dabei anfangen, meine Promotionsarbeit auszuarbeiten.»

Man schrieb das Jahr 1968, «und als ich zurückkam, sagte man mir gleich am ersten Tag, du musst in die Reform-Kommission gehen. Es ging drunter und drüber, wir haben ein Jahr lang Sitzungen abgehalten und dabei versucht, die Universität umzudrehen». Es war überaus komplex und mühsam. Roland Klagges runzelt die Stirn: «Man musste sich in den Fluss werfen und mitschwimmen, denn sonst hätten die zahlreichen radikalen Elemente zu viel Unfug getrieben».

Nach wenigen Tagen wurde der junge Professor zum Leiter eines Unterausschusses ernannt, nach wenigen Monaten war er bereits der Vorsitzende einer Kommission, weil der Präsident ins Ausland gegangen war und «nach einer weiteren Zeit saßen wir in der Hauptniederlassung der Universidad de Chile am Verhandlungstisch».

Als sich der Sturm gelegt hatte und wieder ernsthafte Arbeit geleistet wurde, trat Klagges in die Vereinigung der Diplomforstwirte ein. Ab 1963 war er 28 Jahre Vorstandsmitglied, darunter zehn Jahre erster Vorsitzender. An der Universidad de Chile war er um die 35 Jahre tätig. In den 1990er Jahren gab er seine Stellung auf.

Nun konnte er sich vollends auf das Familienunternehmen konzentrieren. Zwischen Linares und Parral sowie bei Coihueco (Chillán) betreibt Roland Klagges verschiedene Ländereien, auf denen er größtenteils Kiefern sowie Eukalypten zieht. Außerdem «hüten wir den Naturwald, soweit wir können».

Roland Klagges ist jedoch nicht nur ein erfolgreicher Unternehmer, sondern auch ein begeisterter Musikliebhaber. Seit etwa 15 Jahren besucht er mit seiner Familie die Musikwochen Frutillar. Seine Frau Soledad und er sitzen garantiert in jedem Konzert und die drei Kinder wirken als Platzanweiser und Umblätterer mit. In den letzten Jahren mussten sie diese Aufgaben jedoch zum Teil aus Studiengründen aufgeben.

Im kommenden Jahr, zum 50. Jubiläum des Musikfestivals, wird Vater Roland auf der Bühne stehen. Der Chor «Frohsinnn» ist eingeladen worden, aus dem besonderen Anlass an der Veranstaltung teilzunehmen. Der Hintergedanke der Organisatoren war, im Gedenken an Artur Junge, der die jährliche Zusammenkunft am Llanquihue-See als Chortreffen gründete, die Tradition des Chorgesangs wieder aufleben zu lassen.

Die Begeisterung für Frutillar ist in der Familie Klagges so fest verwurzelt, dass Tochter Sofía, die gegenwärtig in Paris studiert, «es irgendwie einrichten wird, um zu kommen, obwohl die Semanas Musicales mitten in ihrem Semester stattfinden». Der Vater sagt es, und ein gewisser Unterton des Stolzes ist nicht zu überhören.

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