Raphael Quandt, Evangelischer Pfarrer

Raphael Quandt (33) kommt gebürtig aus Wuppertal und war während der vergangenen drei Jahre als evangelischer Pfarrer in der IELCH tätig, wohin ihn die bayerische Landeskirche entsandt hatte. Von seinem Wohnort mitten im Zentrum von San Bernardo aus hat er in den Basisgemeinden in San Bernardo und in der población La Bandera (San Ramón) gearbeitet, wo die Gemeinde auch einen großen Kindergarten mit Gemeindezentrum unterhält. Zudem war er während des Jahres 2013 als Vertretungspfarrer für die Versöhnungsgemeinde (Las Condes) verantwortlich. Seit Anfang 2013 unterrichtet er außerdem systematische Theologie am evangelischen theologischen Seminar Santiago CTE. Nach drei sehr abwechslungsreichen und bereichernden Jahren heißt es nun Rückkehr nach Deutschland, wo er ab September die Stelle des evangelischen Studierendenseelsorgers in Bamberg antreten wird.

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1.Was wollten Sie als Kind werden?

Kapitän großer Schiffe – das Meer hat mich immer fasziniert, ebenso wie das Entdecken neuer Ziele.

 

2. Wenn Sie wieder auf die Welt kämen, würden Sie den gleichen Beruf ergreifen?

Ja, warum nicht? Heute wäre es mir gerade auf einem Frachtschiff viel zu einsam und eintönig. Da bin ich eher froh, einen Beruf zu haben, in dem kein Tag dem anderen gleicht und wo man ständig von Menschen in ganz unterschiedlichen Situationen umgeben ist.

 

3. Wer war und ist Ihr Vorbild?

«War» und «ist» sind ja zwei verschiedene Fragen. Heute nach meiner theologischen Ausbildung und meiner Arbeit in Lateinamerika entdecke ich in den großen Theologen der Befreiungstheologie Vorbilder, zum Beispiel in Sobrino, Boff, Romero, weil sie den Mut hatten, deutlich für ihren Glauben und für Menschenrechte einzustehen – und das in einem politischen Umfeld, in welchem sie sich dafür in Lebensgefahr begeben mussten.

 

4. Wofür sind Sie Ihren Eltern dankbar?

Für ihr unbedingtes Bemühen, uns Kindern Chancen und Möglichkeiten zu eröffnen.

 

5. Was war Ihr schlechtestes Schulfach?

Von den Noten her kann ich das jetzt gar nicht so spontan beantworten, aber ich kann sagen, dass für mich Latein und Mathe schon so etwas wie Angstfächer waren.

 

6. Was macht Sie glücklich?

Ich merke immer wieder, wie schnell mich das Glück anderer ansteckt. Sonst braucht es dafür eigentlich gar nicht so viel: Ein gelungener Tag, ein schönes Erlebnis, eine gute Nachricht, ein guter Einfall und wenn sich ein Problem in Luft auflöst…

 

7. Was macht Ihnen Angst?

Ganz persönlich? Da sicherlich schwere Krankheiten oder dass geliebten Menschen etwas zustößt. Etwas allgemeiner: Die immer neuen Kriege und Konflikte zwischen Ländern, Kulturen und Religionen, insbesondere wenn statt Worten Waffen sprechen und kein Dialog mehr möglich ist.

 

8. Worauf könnten Sie verzichten?

Das ist eine spannende Frage für jemanden, dessen kompletter Hausstand seit drei Jahren in Deutschland eingelagert ist. Wir wohnen hier in einem möblierten kleinen Pfarrhaus in San Bernardo, wo wir mit ein paar Koffern und Postpaketen mit persönlichen Gegenständen eingezogen sind. Dabei haben wir schnell gemerkt, wie wenig man eigentlich wirklich zum Leben braucht und wie viel Ballast Besitz bedeuten kann. Mein ganz persönlicher Lernerfolg dadurch: Ich brauche viel weniger, als ich immer gedacht habe.

 

9. Was ist Ihnen peinlich?

Peinlich war mir hier in Chile immer, wenn ich aufgrund meiner deutschen Herkunft und Aussehens von Chilenen bevorzugt behandelt und positiv diskriminiert wurde.

 

10. Wen beneiden Sie?

So ziemlich jeden Menschen mit vollem Haar.

 

11. Mit wem würden Sie nie tauschen wollen?

Wenn ich die Lebensbedingungen in den poblaciones rund um Santiago sehe, fällt es mir schwer vorzustellen, einfach mit jemandem in meinem Alter dort zu tauschen. Dabei denke ich an Perspektivlosigkeit, das trostlose Umfeld, aber auch die Arbeitsmarktbedingungen, Diskriminierung und Gewalt in Familie und Gesellschaft.

 

12. Wen würden Sie gerne einmal treffen?

Den historischen Jesus: Ich hätte da noch ein paar Fragen, die ich gern diskutieren würde!

 

13.Was würden Sie niemals tun?

Es gibt viele Dinge, von denen ich hoffe, sie niemals tun zu müssen und Entscheidungen, die ich hoffe, nie treffen zu müssen. Ansonsten gibt es viele Dinge, die ich versuche nicht zu tun.

 

15. Was regt Sie auf?

Ich erlebe den chilenischen Straßenverkehr im Vergleich mit anderen Ländern als sehr aggressiv. Es regt mich auf, wenn gedrängelt wird, wenn Lücken zum Überholen schnell noch geschlossen werden und wenn hinter einem gehupt wird, weil man mal jemanden vorlässt.

 

16. Was ertragen Sie mit Humor?

Wenn´s mal nicht so läuft oder sich in letzter Minute was ändert.

 

17. Über welche eigenen Schwächen ärgern Sie sich?

Wenn mir erst nach einem Streit einfällt, was ich eigentlich noch viel besser hätte sagen können oder sollen.

 

18. Weshalb würden Sie nie aus Chile auswandern?

Die Landschaft des Südens ist atemberaubend: Die Seen und verschneiten Vulkane, verbunden mit malerischen Dörfern. Wunderschön!

 

19. Wenn Sie einen Tag Präsident wären, was würden Sie ändern?

Ich würde alle Hebel in Bewegung setzen, um gegen die extreme Ungleichheit zwischen den chilenischen Parallelgesellschaften vorzugehen. Und mit Ungleichheit meine ich nicht nur die rein finanzielle Seite, sondern insbesondere auch die Frage nach Zugang zu Bildung, Chancengleichheit und echter gesellschaftlicher Teilhabe.

 

20. Was sollten die Chilenen ernster nehmen?

Langfristig muss Chile, denke ich, das Thema Bildung ernster nehmen, und zwar unabhängig von der Frage nach Gebühren auch das Thema Qualität in den Blick nehmen. Es ist traurig zu sehen, wie schwer selbst fehlerfreies Schreiben, sinnerfassendes Lesen oder Kopfrechnen manch einem Uniabsolventen fällt. Hier geht es um die Zukunft des Landes!

 

21. Welches Buch lesen Sie gerade?

«30 Minuten Rückkehr» – ein Ratgeber für Menschen, die nach einem langen Auslandsaufenthalt wieder in die Heimat zurückkehren. Ein sehr hilfreiches Geschenk, was mir vor Kurzem jemand in die Hand gedrückt hat.

 

22. Was ist Ihr Lieblingsgericht?

Hier in Chile ganz klar: pastel de choclo!

 

23. Was machen Sie am liebsten in Ihrer Freizeit?

In Santiago haben wir es immer genossen, der Großstadt (und ihrem Smog) zu entfliehen und in die Berge oder ans Meer zu fahren, in den Anden zu wandern oder am Strand spazieren zu gehen.

 

24. Bei welchem Film haben Sie geweint?

Exemplarisch für Filme, welche menschliche Schicksale zur Zeit der Militärdiktaturen in Lateinamerika in den Blick nehmen, war das bei «La noche de los lápices» aus Argentinien der Fall.

 

25. Wem wollten Sie schon lange ein Kompliment machen?

Papst Franziscus für seine lockere Art und die Bereitschaft, auch komplexe Themen auf die Agenda zu heben.

 

26. Was sollte Ihnen später einmal nachgesagt werden?

Es war ja nicht alles schlecht, was der so gemacht hat.

 

27. Wie lautet Ihr Lebensmotto?

Neulich lief mir der Satz von Augustin über den Weg: «Liebe – und (dann) tu, was tu willst.» Ein guter Satz für ein Motto, weil es die Liebe in den Mittelpunkt unserer Beziehungen stellt und Freiheit zum Handeln lässt.

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