Prothesen für verengte Blutbahnen

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Der deutschstämmige Facharzt für Gefäßchirurgie Dr. Albrecht Krämer gehört in Chile zu den Vorreitern bei der Entwicklung von Implantaten gegen arterielle Verschlusskrankheiten. 20 Jahre lang war er Chefarzt der Abteilung für Gefäßchirurgie des Krankenhauses der Universidad Católica. Mit 69 operiert er weiter leidenschaftlich gern.

Von Petra Wilken

Beide Elternteile von Albrecht Krämer sind aus Deutschland nach Chile eingewandert. Sein Vater erhielt 1937 einen Vertrag mit der Deutschen Überseeischen Bank, der ihn nach Chile führte. Er war damals 25, und nach Meinung seines Sohnes war es eine gehörige Portion Abenteuerlust, die ihn veranlasste, aus dem Schwabenländle – dem Ort Obersulm in der Nähe von Heilbronn – nach Südamerika zu gehen. Ein Jahr später ließ er seine Verlobte nachkommen. Sie kam in Valparaíso mit dem Schiff an. Am Tag nach der Ankunft heirateten sie in Santiago.
Das Paar bekam vier Kinder, alles Jungen. «Ich war der Jüngste und sollte eigentlich ein Mädchen werden», erzählt Albrecht Krämer, der 1946 zur Welt kam. Zuhause wurde nur deutsch gesprochen. Erst als die Brüder in den Kindergarten und die Grundstufe der Lota-Schule eingeschult wurden, lernten sie Spanisch. Nach der Grundschule besuchten sie die «große» Deutsche Schule, damals die Las-Lilas-Schule genannt.
Nach dem Schulabgang schrieb sich Albrecht Krämer für Medizin an der Universidad de Chile ein. «Sie hatte damals die wichtigste Fakultät für Medizin», erklärt er. Er erinnert sich daran, wie sein Vater immer wieder sagte, wenn er seine ersten Erlebnisse in der Chirurgie erzählte: ´Albrecht, hör auf, ich kann kein Blut sehen´. Er war der erste Mediziner in der Familie, doch niemand habe sich gegen seine Berufswahl gesträubt. Sein Studium der Allgemeinmedizin schloss er 1971 ab. Die erste Generation, die von Allende persönlich beglückwünscht worden sei, wie er erzählt. Doch dann hätte die Zeit der Streiks in Chile begonnen, und es sei unmöglich gewesen, weiter zu studieren.
Albrecht Krämer ging in die USA an die Cleveland-Klinik, um seinen Facharzt für Allgemeine Chirurgie und dann für Gefäßchirurgie zu machen. «Cleveland ist noch heute das Mekka für Herz- und Gefäßchirurgie. Sie hatten als Erste einen Herz-Bypass gelegt. Das war damals der letzte Schrei. Da wollte ich hin.» Er ging zusammen mit seiner Frau Virginia Karmy, und sie lebten von 1971 bis 1977 in Cleveland, wo ihre beiden ältesten von drei Kindern zur Welt kamen.
Warum hat er sich nicht in Deutschland ausbilden lassen? Die Facharzt-Ausbildung sei in den USA großzügiger als in Europa gewesen. Während seiner Zeit in Cleveland absolvierte er einen dreimonatigen Austausch in München und Erlangen. Nur der Oberarzt habe operiert, und die Masse der Fachärzte in der Ausbildung habe wenige Chancen gehabt, selbst praktische Erfahrungen zu sammeln. Inzwischen hätten auch viele Ärzte aus Deutschland Erfahrungen in den USA gesammelt, so dass auch heute dort die Ausbildung einen besseren Ruf habe.
Als Dr. Albrecht Krämer in Cleveland fertig war, bot ihm die Universidad Católica an, für sie zu arbeiten. Bis heute ist er dort tätig, 20 Jahre lang war er Chefarzt für Gefäßchirurgie. «Jetzt bin ich schon der alte Professor», sagt der Mediziner. «Man lässt junge Leute ran. Sie haben mehr Energie und Lust etwas zu verändern und verbessern. Unser Chef ist der Zweitjüngste hier in der Gruppe», erklärt er.
Die Bereitschaft zur ständigen Innovation ist auch in der Gefäßchirurgie von großer Bedeutung. Das Fachgebiet befasst sich mit der Behandlung von chronischen Gefäßkrankheiten der Arterien. Arterielle Verschlusskrankheiten heißen diese, was bedeutet, dass die Durchblutung gestört ist. Oft ist dabei auch von Arterienverkalkung die Rede. Eine diese Krankheiten ist die periphere arterielle Verschlusskrankheit, bei der die Durchblutung der Extremitäten oder der Halsschlagadern beeinträchtigt ist. Als Ursachen sind Rauchen, Diabetes, Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen bekannt, sprich hoher Cholesterinspiegel. Als gefährdetste Gruppe gelten Männer über 65 Jahren mit hohem Blutdruck, die dazu auch noch rauchen.
Die betroffenen Extremitäten können sehr schmerzen, und die Bewegung im schlimmsten Stadium stark beeinträchtigt sein. Die Lösung, die das Fachgebiet von Dr. Albrecht Krämer bietet, kann sich heute damit rühmen, dass sie minimal-invasive Chirurgie anwendet. Das bedeutet, dass die operativen Eingriffe mit kleinstmöglicher Verletzung von Haut und Weichteilen erfolgt. Kleinere Schnitte führen zu geringeren Schmerzen nach der Operation und ermöglichen eine raschere Heilung nach dem Eingriff.
«Heutzutage werden kleine Punktionen gemacht und Prothesen eingeführt», erläutert er und zeigt einen etwa acht Zentimeter langen Stent, der aussieht, als ob er mit Plastikborsten besetzt sei. Danach führt er das Innenleben eines anderen Stents vor, dessen feine Metallstäbe ganz glatt gefaltet anliegen und sich nach Einführung in die Arterie groß aufspreizen, um das Blut wieder fließen zu lassen.
Das Krankenhaus der Universidad Católica ist sehr in der Forschung und Entwicklung dieser Art von Prothesen engagiert. Dr. Krämer zeigt auf die Regale voller Aktenordner in seinem Büro. All das sind Fälle, die der Entwicklung von Prothesen oder Filtern dienen. Derzeit ist die Católica an der Entwicklung von drei verschiedenen Prothesen von Firmen aus Irland und den USA beteiligt. Für zwei Gefäßbypässe hat die Católica 2009 bereits die Zertifizierung des «First in Man» erhalten.
«Die Forschung ist sehr teuer. Es kommt jedes Mal ein Team von Ingenieuren hierher und registriert jede Einzelheit», so Dr. Krämer. Eine einzige dieser kleinen Gefäßprothesen kostet dann mal zwischen acht und zehn Millionen Pesos. Es gibt sie unter anderem zur Einführung in die Bauchaorta oder in die Oberschenkelschlagader. Wenn alles läuft, wie vorgesehen, können sie jahrelang eingesetzt bleiben, erhöhen bedeutend die Lebensqualität des Patienten und dienen gleichzeitig der Vorbeugung von Schlaganfällen.
«Es gibt heutzutage so viele neue Entwicklungen», erklärt der Arzt. Wer meint, aufgrund dieser Erfolge in der Medizintechnologie nicht mehr auf zu hohen Blutdruck oder Cholesterinwerte achten zu müssen, erhält einen strengen Blick von ihm: «Die Idee ist es, gesund zu sein und die operativen Eingriffe zu vermeiden.»
Dennoch gesteht er gleich darauf ein, dass ihm das Operieren die liebste seiner Tätigkeiten als Arzt ist. «Früher war es normal, 10, 15 oder 30 Zentimeter lange Schnitte zu machen. Das macht man heute fast gar nicht mehr», erklärt er. Diese Eingriffe werden nur dann nötig, wenn zum Beispiel die minimal-invasive Chirurgie nicht den gewünschten Erfolg erzielt hat. Die Ärzte, die das noch ausführlich gelernt und viel Erfahrung damit hätten, würden immer weniger.
«Das ist ein Thema, mit dem wir Ärzte uns beschäftigen», erklärt er. Der Kreis, in dem er dies diskutiert, ist das internationale Netzwerk der ehemaligen Studenten der Cleveland-Klinik. Dort ist er derzeit Vizepräsident. «Ich weiß nicht, wie lange ich noch operieren werden kann. Es ist für mich das Größte, meine Erfahrung an die Studenten und zukünftige Gefäßchirurgen weiterzugeben.»
Privat genießt er heute seine Familie mit acht Enkeln, fährt immer noch mit großer Begeisterung Ski und hat viel Freude an der klassischen Musik. Diese begleitet ihn auch immer im OP-Saal bei chirurgischen Eingriffen.

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