Professionell und menschlich – die gute Mischung

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Seit einem Jahr ist Dr. Markus Stobrawe Leiter der Deutschen Schule Santiago. Wie der Hamburger nach Chile kam und was ihm an Pädagogik gefällt, erzählte er im Gespräch mit dem Cóndor.

Von Arne Dettmann

«Wie haben Sie denn Ihre chilenische Frau kennen gelernt?» –  So lautete die erste Frage im Auswahlgespräch für den Posten des Schulleiters. Daraufhin sei er zunächst einmal erstaunt gewesen, hatte er doch erwartet, dass ihn der Vorstand der Deutschen Schule Santiago zuerst über seinen beruflichen Werdegang und seine Ambitionen ausfragen würde. Denn genau darauf hatte sich Markus Stobrawe vorbereitet. «Aber das Gespräch verlief sehr gut, eine perfekte Mischung aus hoch professionell und eben menschlich.» Und es endete für ihn erfolgreich: Seit Anfang 2015 ist Dr. Markus Stobrawe Direktor der DS Santiago.

Doch wie kommt nun ein Hamburger Pädagoge nach Santiago? Und welche Rolle spielt die chilenische Ehefrau?

Markus Stobrawe wurde am 11. Mai 1969 in der Hansestadt geboren, wuchs aber mit seinen beiden Schwestern in einem 300-Seelen-Nest in der Nähe der Großstadt auf. Während seiner Zeit auf der Realschule in dem größeren Bad Bramstedt absolvierte er einen einjährigen Austausch in den USA. In Neumünster erfolgte das Abitur auf dem Wirtschaftsgymnasium. Anschließend absolvierte Markus Stobrawe in Hamburg seinen Zivildienst in der Betreuung von Schwerstbehinderten.

In jener Zeit lernte er eine junge Chilenin kennen, die sich gerade auf Schüleraustausch in Deutschland befand. Doch eine feste Bindung fürs Leben konnte man damals noch nicht eingehen, die Distanz tat das Seinige und man verlor sich aus den Augen. Vorerst.

Markus Stobrawe nahm dann 1991 in Hamburg das Lehramtsstudium in den Fächern Sport und Spanisch auf, arbeitete Mitte der 90er Jahre ein Jahr lang als Deutschlehrer an einer Schule im galizischen Pontevedra und legte 1999 sein erstes Staatsexamen ab. Nach dem obligatorischen zweijährigen Referendariat und dem zweiten Staatsexamen promovierte er im Bereich Sportpädagogik.

Für seine Doktorarbeit erforschte er, was das besondere am deutschen Modell des Sportunterrichts ist. Später beschäftigte er sich wissenschaftlich mit der Frage, wie Schüler verstärkt selbstständig lernen können. Die dabei entwickelten Modelle wurden in der Praxis ausprobiert, bewertet und die Ergebnisse veröffentlicht.

Bis Ende 2014 arbeitete Markus Stobrawe in Hamburg als didaktischer Leiter an einer großen Hamburger Gesamtschule. Der Sprung über den Atlantik nach Amerika bedeutete für ihn – im Gegensatz zu Christoph Kolumbus – kein Betreten von Neuland. Ganze 18-mal ist er vorher bereits in Chile gewesen – die «wiedergefundene» chilenische Freundin von damals, die heute seine Ehefrau ist, hat´s möglich gemacht.

Über sein neues Lebensumfeld ist der 46-Jährige voll des Lobes: Die Lebensqualität in Santiago de Chile sei im Vergleich mit anderen lateinamerikanischen Hauptstädten hervorragend, die Leute hierzulande sehr freundlich und Chile ein besonderes Land – nicht nur, weil es in der Vergangenheit einen politischen Systemwechsel hin zur Demokratie weitgehend friedlich vollzogen hat.

«Einzigartig finde ich auch, wie hier über alle Parteigrenzen hinweg der Wille vorhanden ist, das eigene Land weiter zu entwickeln. Man merkt, wie alle Chilenen daran arbeiten, ihr Land zu einer modernen Industrienation zu machen. Wenn wir als Schule dazu beitragen können, indem wir ein exzellentes Bildungsangebot vorhalten, dann ist ein Teil unserer Mission erfüllt.»

Im Vergleich zu Schulen in Deutschland steche an der DS Santiago unter anderem die besonders aktive Elternschaft hervor. «Wie sich die Eltern nicht nur bei außerschulischen Aktivitäten umfassend einbringen und systematisch den Schulalltag mitgestalten, ist beeindruckend und einfach toll.» Doch damit die Bildungseinrichtung mit immerhin 2.100 Schülern auch weiterhin akademisch exzellent sein und den hohen Leistungsstandard halten kann, müsse auch intern das Zusammenspiel gut funktionieren. Das sei an der DS Santiago der Fall, so Markus Stobrawe. «Die Zusammenarbeit läuft wie am Schnürchen.»

Wenn der Schulleiter über moderne Pädagogik spricht, dann meint er vor allem die Fähigkeit der Lehrer zu vermitteln, wie man als Schüler individuell und selbstständig lernt. «Wir brauchen hier keinen Paukunterricht, um gute PSU-Ergebnisse zu erzielen. Unsere Schüler erwerben Kompetenzen. Eine Kompetenz ist, ihr erworbenes Wissen und Können zur rechten Zeit abrufen zu können! Wer das kann, der wird auch zwangsläufig gute PSU-Abschlüsse erreichen.»

Und die Doppelbelastung für Schüler, die auch das deutsche Abitur machen? Stobrawe: «Abi und PSU – beides geht und schließt sich nicht aus. Wir zählen zu den 50 besten Schulen des Landes und unsere durchschnittliche Abiturnote liegt über dem deutschen Durchschnitt.»

Die Wurzeln seiner Leidenschaft, sich der Pädagogik zu verschreiben und später das Fach sogar zu studieren, sind in seiner Jugend zu suchen, als Markus Stobrawe sich in der katholischen Kirche engagierte, dort Jugendgruppenleiter und Jugendvertreter im Bundesland Schleswig-Holstein wurde. Mit Kindern und Jugendlichen zusammen zu arbeiten machte ihm nicht nur Spaß. «Ich glaube, ich kann auch Sachen gut erklären. Außerdem wollte ich immer beruflich mit Menschen zu tun haben.»

Auch die Vorliebe für das Schulfach Sport geht auf familiäre Erfahrungen zurück. «Unsere Familie pflegte stets einen aktiven Lebensstil, wobei es beim Sport nicht so sehr um Leistung und Wettbewerb ging.» Markus Stobrawe betätigte sich in Leichtathletik, Schwimmen, Handball und Skifahren sowie Reiten, sprich er widmete sich dem Breitensport. «Sich bewegen ist ein Bildungsgut, das ich auch unseren eigenen Kindern vermitteln will.» Der Vater von einer Tochter (19) und einem Sohn (16) geht dabei mit gutem Beispiel voran und kommt mit dem Fahrrad zur Schule. «Ich vermisse zwar das Radfahren auf den großen ruhigen Straßen in Hamburg. Doch auch in Chile gehört das Rad mittlerweile zum Straßenbild, und die Autofahrer scheinen sich daran gewöhnt zu haben.»

Und wohin geht die Fahrt des «Dampfers» Deutsche Schule Santiago? Markus Stobrawe nennt drei Ziele: Erstens, dass die Einrichtung sich wie bisher der pädagogischen Avantgarde verpflichtet fühlt und sich kontinuierlich weiterentwickelt; zweitens, dass sich die DS Santiago als eine interkulturelle Organisation positioniert, in der Mehrsprachigkeit und kulturelle Heterogenität die Norm sind und das Lernen bereichern; und schließlich drittens, dass das bereits erwähnte individualisierte und selbstständige Lernen gefördert und ausgebaut wird.

Apropos fördern: Das Wort Inklusion heißt wörtlich übersetzt Zugehörigkeit und meint in diesem Fall die aus Deutschland und Chile vorgegebene Aufgabe, jedem Schüler Zugang zum Lernangebot zu ermöglichen. «Das ist nicht nur pädagogisch, sondern auch menschlich eine Verpflichtung. Wir fangen damit an, dass wir die individuelle Förderung der Schüler, die heute an unserer Schule sind, systematisch verbessern.»

Letzte Frage: Wie steuert man einen solchen «Riesendampfer»? «Mit Enthusiasmus, klaren Entwicklungszielen, einem guten Team, sehr guten Lehrern und viel Geduld», sagt der Schulleiter Dr. Markus Stobrawe und fügt mit einem Schmunzeln hinzu: «Ich brenne für meine Schule!»

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One Comment

  1. Alexander Schultheis

    Lieber Arne! Sehr guter bericht, bei einem Wort kommen mir zweifel auf Inklusion – können wirklich viele SchülerInnen aus Santiago de DS Schule beuschen? Denke, nicht dies ist eine Privatschule und nicht immer haben behinderte Kinder Zugang zum chilenischen Schulsystem. Würde mich freuen, wenn mann darüber vielleicht einen Artikel schreiben könnte!.

    Grüße aus Providencia

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