Die Poesie in der Box

Der Deutsch-Chilene Mathias Klotz hat seinen ersten Wohnsitz in Santiago und einen zweiten in Berlin, fliegt regelmäßig zu Aufträgen nach Beirut und Zhengzhou, ist neben seinem Beruf auch noch Hobbyfotograf, passionierter Hochsee-Segler und Segelflieger sowie seit Neuestem Mitbesitzer eines Hotels auf der Juan-Fernández-Insel. Er gehört zu den neuen chilenischen Architekten, die sich international einen Namen gemacht haben.

 

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Klare, dominante geometrische Formen und viel natürliches Licht gehören zu den Markenzeichen von Mathias Klotz – wie in seinem Architektenbüro in Vitacura. Foto: Petra Wilken

Von Petra Wilken

Das Architektenbüro liegt im von Klotz entworfenen Gebäude an der Avenida Vitacura 3565. Ein langgestreckter Raum, in dem zahlreiche schmale Fenster vom Boden bis zur Decke viel Tageslicht hereinlassen. Es scheint zu strahlen, denn Wände, Boden, Decke, Regale, Schreibtische und -stühle sind in Weiß gehalten. 18 Architekten arbeiten hier: Chilenen, Spanier, Deutsche und Italiener. Soeben servieren sie Torte und Kaffee – ein Geburtstag wird gefeiert. Zu wem möchten Sie? Zu Mathias Klotz. Er ist das Geburtskind.
Ein Interview am Geburtstag? «Es ist ein Tag wie jeder andere», winkt er ab. Dabei ist es auch noch ein runder: der fünfzigste. Als einfacher, energischer und präziser Pragmatiker wurde Mathias Klotz von den Veranstaltern seiner ersten internationalen Monografie vorgestellt. Die Ausstellung, die 2013 in Berlin anlief und im Moment in Zagreb, Kroatien, zu sehen ist, nannten sie «Die Poesie von Boxen». Ludwig Mies van der Rohe und Marcel Breuer wären glücklich, wenn sie sehen könnten, wie konsequent ihr Vermächtnis hier weiterlebt. Die beiden weltberühmten Bauhaus-Architekten sind die Vorbilder des Deutsch-Chilenen.
Während sich die Kunstrichtung des Bauhauses in Deutschland zur Avantgarde der Klassischen Moderne auf allen Gebieten der freien und angewandten Künste entwickelte, verschlug es die Großeltern von Mathias Klotz nach Chile. «Beide kamen zwischen den Kriegen nach Chile», erzählt er. «Aber unabhängig voneinander.» Der Großvater war ein Ingenieur aus Hamburg und hat an öffentlichen Bauten wie der Verlegung der Eisenbahnschienen in Chile mitgearbeitet. Die Großmutter aus Bremen war nach Chile gekommen, weil ihr Vater bei Ultramar arbeitete. «Sie lernten sich beim Baden am Strand von Las Salinas in Viña kennen. Sie blieben in Chile und hatten sechs Kinder. Drei von ihnen leben in Chile und drei in Deutschland». Kurz und knapp erzählt der Architekt die Geschichte seiner deutschen Vorfahren.
Mathias Klotz ging auf die Deutsche Schule Santiago und schloss 1990 sein Architekturstudium an der Universität Cátolica ab. «Ich habe immer alleine gearbeitet und mein eigenes Architekturbüro aufgebaut», erzählt er. Gleichzeitig begann er an der Universität Diego Portales als Dozent zu arbeiten. Seit mehreren Jahren ist er Dekan der Fakultät für Architektur, Kunst und Grafikdesign dieser privaten Uni.
1991 entwarf er das «Klotz-Haus». Seine Großmutter war gestorben und hatte seiner Mutter Geld vermacht. Ihren Sohn bat sie, einen Traum für sie zu verwirklichen – ein Haus am Meer. Er hatte 20.000 Dollar und ein Grundstück an einem noch unbebauten Strand in Tongoy zur Verfügung. Das Strandhaus für seine Mutter bildete den Auftakt des typischen Klotz-Stils, der sich bis heute durch sein Werk zieht und zu seinem Markenzeichen geworden ist: ein in die Landschaft eingebautes Rechteck, in dem sich die Bewohner in Verbindung mit ihrer Umgebung fühlen, große Fensterflächen, die den Blick aufs Meer freigeben, viel Tageslicht, doppelte Höhe im Wohnzimmer, Reduzierung auf wenige Materialien – oftmals Holz, wie in diesem Fall am Strand von Tongoy.
Diese klaren und dominanten geometrischen Formen, die Einbettung seiner «poetischen Boxen» in die umgebende Natur und im Innern die Gestaltung «fließender Räume» – wie es im Bauhaus heißt – hat er in späteren Projekten von Einfamilienhäusern konsequent weiter entwickelt, so beim «Haus Ponce» in Buenos Aires, dem «Haus Raúl» in Aculeo, dem «Haus Elf Frauen» in Cachagua oder dem «Felsenhaus» in Jose Ignacio, Uruguay.
Neben diesen emblematischen Einfamilienhäusern arbeitet Mathias Klotz auf vielen anderen Gebieten der Architektur. So hat er die Nicanor-Parra-Bibliothek der Universität Diego Portales im Zentrum von Santiago, in der Straße Vergara, entworfen. Auch hier wieder einfache Blöcke aus Zement, Glas und Holz. Die Glasfassaden sind so gestaltet, dass der Leser fast immer natürliches Licht hat. Kästen zur Begrünung sorgen im Sommer für eine Reduzierung der Innentemperatur und erhöhen sie im Winter.
Ein weiteres öffentliches Gebäude ist der Neubau der Schule Altamira in Peñalolén. Im Moment arbeiten die Architekten des Klotz-Büros an der Ausstattung der VIP-Salons von der Fluglinie LAN in Santiago, Sao Pablo, Buenos Aires und Bogota sowie an exklusiven Einfamilienhäusern, die das Bauunternehmen Socovesa in Camisero errichtet.
Der Chef selbst packt unterdessen die Koffer, um in den Libanon, nach China oder Spanien zu fliegen. «Beirut ist ein wunderschöner Platz», sagt er. «Nur sehr kompliziert, immer gibt es Probleme.» Dort baut er Wohngebäude. Seit zehn Jahren schon arbeitet er in der chinesischen Industriestadt Zhengzhou, wo er zusammen mit Nordamerikanern, Spaniern, Portugiesen und Koreanern Geschäfts- und Bürogebäude entwirft.
Auf diesen Reisen macht Mathias Klotz Zwischenstopp in seiner Wohnung am Prenzlauer Berg in Berlin. Wenn er über Berlin spricht, kommt er ins Schwärmen. «Berlin ist die europäische Metropole mit der besten Lebensqualität. Die öffentlichen Einrichtungen und die Kulturangebote sind für jeden zugänglich. Die verschiedenen gesellschaftlichen Schichten sind nicht getrennt. Man geht vor die Tür und kann alles machen. Die Kinder gehen mit sechs Jahren alleine zu Fuß in die Schule», beschreibt er. «Das ist Leben im menschlichen Maßstab, aber gleichzeitig im Maßstab einer Metropole. Ich gehe um die Ecke bei mir und kann mir eine fantastische Thai-Massage machen lassen oder gegenüber ein Open-Air-Konzert besuchen.»
Trotz aller Begeisterung für Berlin («mein Operationszentrum») will Mathias Klotz sein Heimatland nicht missen. Nicht nur seinem architektonischen Werk ist seine Naturliebe anzumerken. «Wir sind Segler», erzählt er. «In Chile mit einem Segelschiff unterwegs zu sein, ist als ob man in einem Raumschiff fliegt. Man kommt an Stellen, an die sonst niemand hinkommt». Mit „wir“ meint er seine Familie – seine Frau, die Künstlerin ist – und seine beiden Kinder, eine vierzehnjährige Tochter und ein zwölfjähriger Sohn.
Die unberührte Natur fasziniert ihn. 2010 hat er nach dem schweren Erdbeben und dem Tsunami die Insel Juan Fernández kennengelernt. Ein Freund von ihm hat beim Wiederaufbau der Insel mitgearbeitet. Mathias Klotz begleitete ihn zur Einweihung seiner Gebäude. «90 Prozent der Insel ist Naturpark», begeistert er sich. Die Wildheit der Insel gefiel ihm so gut, dass er zusammen mit Freunden ein kleines Hotel kaufte: die Crusoe Island Lodge.
«Es ist ein unglaubliches Privileg, hier in Chile die Natur erleben zu können». Die Kraft der Natur hat er in Schwarz-Weiss-Fotos ausgedrückt, die er nach dem Tsunami 2010 aufgenommen hat und die auf der Biennale in Venedig gezeigt wurden. «Ich bin nur Hobby-Fotograf», meint Klotz dazu. Seine Baukunst mag als pragmatisch und präzise beschrieben werden, als Fotograf jedenfalls zeigt er seine sensible Seite, die die Macht der Natur verehrt.

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