Peter Labowitz, über 60 Jahre Kritiker für Kunst und Kultur beim Cóndor

«Der Ausdruck ist entscheidend»

«Eine eigene chilenische Kunst gibt es bis heute nicht», urteilt der Kunstkritiker Pedro Labowitz, der seit Jahrzehnten für den Cóndor berichtet. Foto: Walter Krumbach
«Eine eigene chilenische Kunst gibt es bis heute nicht», urteilt der Kunstkritiker Pedro Labowitz, der seit Jahrzehnten für den Cóndor berichtet. Foto: Walter Krumbach

 

Es war Anfang der 1950er Jahre, als der junge Peter Labowitz – damals erst vor kurzem in Chile eingetroffen – sich darum bemühte, berufliche Kontakte zu knüpfen. Dabei stellte er fest, dass Journalistenausweise viele Türen öffneten.

 

Von Walter Krumbach

Kurz entschlossen ging er zur Redaktion der Zeitung «La Hora», um seine Dienste anzubieten: «Ich schreibe für Sie, Sie veröffentlichen es oder nicht, wie es Ihnen gefällt, aber Sie stellen mir einen Journalistenausweis aus.» Das Angebot fiel auf fruchtbaren Boden, er bekam seinen Ausweis, sodass er ihn bei einer Australienreise, die er daraufhin antrat, verwerten konnte.

Nach der Rückreise veröffentlichte er einen Artikel über Sydney: «Den las der Besitzer vom ‚South Pacific Mail‘, der selbst Australier war. Er bot mir an, bei ihm zu arbeiten und so fing es an.»

Ähnlich begann es beim «Cóndor». Labowitz sprach bei Claus von Plate vor, um ihm Kunstkritiken anzubieten. Von Plate nahm sein Angebot an und seitdem liefert unser Rezensent regelmäßig seine Beiträge ab. Wann der erste Artikel erschienen ist, kann Pedro Labowitz nicht genau sagen. Es war, schätzt er, um 1952. Mit Sicherheit ist er daher einer der langlebigsten aktiven Redakteure weltweit und somit Guinnessrekord verdächtig.

Seitdem ist Chile Labowitz‘ zweite Heimat geworden. Nach den Wirren des Zweiten Weltkriegs hatte der gebürtige Österreicher mit seiner Mutter in England als «her Majesties loyal enemies», wie er es schmunzelnd nennt, gelebt. Ein Onkel, der in Chile ansässig war, besorgte beiden ein Visum, womit ihnen die Einreise und der Aufenthalt ermöglicht wurden.

 

Theater dreimal pro Woche

Im Cóndor begann er als Theaterkritiker, «aber im Theater muss man in drei Stücke pro Woche gehen, von denen sind zweieinhalb schlecht, das hat keinen Sinn», lacht er. In der damaligen chilenischen Kunstszene fand er «die Überbleibsel aus Europa» vor. Die Maler «waren noch völlig unter europäischem Einfluss im Sinne von Stil und Themenwahl. Was in Paris schon längst vorbei war, wurde hier immer noch groß verarbeitet.»

Peter Labowitz hat die Entwicklung der folgenden Jahrzehnte aus nächster Nähe beobachten können: «Eine eigene chilenische Kunst gibt es bis heute nicht», stellt er fest, «wir sind noch immer abhängig von den großen Impulsen, die aus Europa und den Vereinigten Staaten kommen».

Einen nicht geringen Einfluss auf Labowitz‘ Kunstbegeisterung rührt von seinem Stiefvater, dem herausragenden Maler und Grafiker Francisco Otta (1908-1999) her: «Hier gab es nur ein Thema. In der Früh, zu Mittag und am Abend wurde über Malerei gesprochen. Das hat mich natürlich sehr beeinflusst. Es gab aber schon Leute, die sehr interessant waren, wir merkten es aber nicht sogleich, wenn das der Fall war.»

Labowitz gesteht, dass er als Kritiker immer versucht hat, einen gewissen Abstand zu den Künstlern zu halten: «Das Land ist klein, man ist mit einem Maler befreundet, trifft sich und geht mit ihm zum Nachtmahl. Gleich danach hat er eine Ausstellung, die schlecht ist. Was soll man da machen? Ich will nicht in die Lage kommen, dass ich von einem Freund schreiben muss, wenn seine Arbeiten nicht gut waren. Ich will in der Beziehung frei sein.»

Also lieber vorsichtig sein mit Malerfreundschaften. Trotzdem drängt sich die Frage auf: Wie geht man damit um, wenn etwas nicht gut war, und man gezwungen ist, darüber eine Rezension zu veröffentlichen? «Ich bleibe strikt ohne Meinung, sondern gebe wieder, was da war, ohne zu sagen, ob es schlecht oder gut war».

 

Kunst und Kritik als stimulierende Beschäftigung

Die Kunstkritik ist für ihn eigentlich «kein Beruf, denn davon könnte ich nicht leben, aber es ist eine stimulierende Beschäftigung». Hauptberuflich war Peter Labowitz im Importgeschäft tätig, aber gegenwärtig «mache ich gar nix mehr. Ich bin jetzt 93 und das genügt – ich habe schon genug gearbeitet!»

Sein Interesse gilt der Kunst in ihren verschiedenen Ausdrucksformen. Er ist ein Liebhaber der klassischen Musik und auf dem Gebiet der bildenden Kunst fühlt er sich besonders von der Skulptur, der Malerei und der Grafik angezogen. Mit entwaffnender Offenheit verrät er: «Ich lasse alle anderen Äußerungen innerhalb der visuellen Kunst beiseite, weil ich glaube, dass es keine Kunst ist».

Das Interesse an schöngeistigen Dingen wird in der Regel in der Kindheit und Jugend aufgebaut und begünstigt, wenn zum Beispiel die Eltern ihre Kinder ins Museum oder ins Konzert mitnehmen. Bei Peter Labowitz war es nicht anders. Seine Begeisterung wurde «durch meine Verbindung mit Francisco Otta» angeschürt, «den ich im Alter von 13 Jahren kennenlernte und der mich sehr beeinflusste».

Peter Labowitz kennt wie kaum einer seiner Kollegen die inländische Kunstszene. Er besucht jede Woche Ausstellungen, ist also bestens darüber informiert, was Maler und Bildhauer schaffen. So ist er wie wenige befugt, ein Urteil über das Schaffen der chilenischen Schöpfer auszusprechen. Daher ist seine Meinung über die zukünftige Entwicklung unserer Maler und Bildhauer von besonderer Relevanz.

Die Frage scheint ihm nicht ungelegen zu kommen, denn er antwortet ohne zu zögern: «Die gegenstandslose Kunst als solche verliert hier in Chile eigentlich ein bisschen Kraft – gegenstandslos in dem Sinne, dass sie nicht realistisch ist. Wir kommen wieder zurück zu teils expressionistischen Werken. Die realistische Kunst ist tot. Heute wird gesucht, was dem Auge am angenehmsten, am interessantesten erscheint. Da ist das „Wer“ oder „Was“ egal. Es ist meistens inspiriert, obwohl sehr viele Werke rein gegenstandslos sind, aber sie drücken etwas aus. Das ist es, was heute gesucht wird: der Ausdruck.»

Peter Labowitz hat in allen größeren Santiaguiner Publikationen geschrieben, die der Kunst einen Platz einräumten. «Aber überall bin ich kurze Zeit gewesen», räumt er ein, «nur dem Cóndor bin ich treu geblieben und er ist mir auch treu».

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