Sind die Regionen Chiles auf den Klimawandel vorbereitet?

Fondecyt-Projekt des Sozialwissenschaftlers Dr. Patricio Valdivieso

Patricio Valdivieso
Patricio Valdivieso

 

Was machen eigentlich die Gemeindeverwaltungen, um den Auswirkungen des Klimawandels zu begegnen? Was sollte in Chiloé getan werden, um eine erneute Katastrophe der giftigen Algenblüte – Marea Roja – zu vermeiden? Diesen Fragen geht der Politikwissenschaftler Patricio Valdivieso nach.

 

Von Petra Wilken

Patricio Valdivieso, Jahrgang 1963, hat an der Universidad Católica Santiago Geschichte studiert. Sein Professor Ricardo Krebs Wilckens, der deutschstämmige chilenische Nationalpreisträger, trug seinen Anteil dazu bei, dass Valdivieso sich immer mehr für Deutschland begeisterte. «In den 80er Jahren während der Militärregierung war das deutsche Staatsmodell für uns interessant», so der Chilene.

Obwohl er keine familiäre Verbindung mit Deutschland und auch die Sprache nie gelernt hatte, bewarb er sich 1989 um ein Stipendium beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) und ging an die Geschichts- und Gesellschaftspolitische Fakultät der Universität Eichstätt, wo er seinen Doktor in Politikwissenschaften, lateinamerikanischer Geschichte und Wirtschaftspolitik machte. Deutsch hatte er nach seiner Ankunft am Goethe-Institut in Freiburg im Breisgau studiert.  

Während seiner Zeit in Deutschland wurde er von der Universität Tokio als Gastprofessor eingeladen und lebte von 1993 bis 1995 in Japan. Nachdem er seine Doktorarbeit in Deutschland abgeschlossen hatte, ging er nach Chile zurück und arbeitete als Dozent an der Universidad Católica. Die enge Verbindung mit Deutschland hat er aufrechterhalten, sei es durch Gastprofessuren an der Universität Hamburg oder durch das Georg-Forster-Forschungsstipendium als Gastforscher an der Freien Universität Berlin, das er 2008 von der Alexander-von-Humboldt-Stiftung erhielt.

Heute ist die Universidad de Los Lagos in Osorno sein beruflicher Mittelpunkt, wo er als Professor und Forscher am Zentrum für Regionalstudien und Öffentliche Politik angestellt ist. Gleichzeitig hat er an der Uni den Posten als Direktor des Forschungsnetzwerkes für lokale Entwicklung, Regional- und Umweltpolitik inne. An der Universidad de Chile in Santiago arbeitet er zudem als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Millennium-Instituts zur Untersuchung von Marktversagen und öffentliche Politik.  

In seinem beruflichen Werdegang hat er sich in Dutzenden von nationalen und internationalen Forschungsvorhaben und Veröffentlichungen ausgiebig mit den aktuellen sozialpolitischen Themen Chiles und Lateinamerikas auseinandergesetzt und unter anderem über Entwicklungsmodelle, Zivilgesellschaft, öffentliche Sicherheit, politische Bildung und Justiz geschrieben. Doch das Thema, das in letzten Jahren in der internationalen Debatte immer größeren Raum einnimmt, steht auch bei Patricio Valdivieso an erster Stelle: der Klimawandel. Sein Schwerpunkt: kommunales Umweltmanagement.  

Seit 2014 arbeitet er dazu in einem Fondecyt-Projekt vom Nationalen Fonds für wissenschaftliche und technologische Entwicklung. Das Projekt stellt die Umweltpolitik der 346 Gemeindeverwaltungen Chiles auf den Prüfstand. Zwei Fragen werden beleuchtet: Erstens: Sind sie auf die Auswirkungen des Klimawandels vorbereitet? Und zweitens: Sind sie in der Lage, angemessen auf extreme Klimaereignisse zu reagieren? Die Antworten lauten in beiden Fällen: tendenziell eher nein.

«Laut OECD gibt es in Chile nicht genügend qualitativ hochwertige Information über Aspekte des Klimawandels. Bemängelt wird auch, dass das System der Umweltverträglichkeitsprüfungen die Bürgerbeteiligung nicht ausreichend berücksichtigt», erläutert Valdivieso. «In Chile werden Gesetze für das ganze Land gemacht, aber an der Umsetzbarkeit in den Regionen hapert es oft», erläutert der Sozialwissenschaftler.

Valdivieso ist bei seinem Projekt ganz besonders wichtig, dass es praktisch ausgerichtet ist und zum Ziel hat, den Gemeinden Informationen an die Hand zu geben, die ihnen helfen sollen, ihre Umweltpolitik zu verbessern. «Bei unseren Umfragen kommt heraus, dass die Leute auf dem Land sagen: ‚Die Wege sind schlecht, die Wälder werden zerstört`. Und generell besteht der Eindruck von starker Luftverschmutzung. Aber es ist nicht so, dass die Gemeindeverwaltungen die Zustände nicht verbessern wollen.» Vielmehr sieht er die Gründe in fehlendem Know-how und mangelnder Finanzausstattung.

Als Beispiel nennt er Puerto Montt. Als es 2016 zur Krise auf Chiloé kam, habe Puerto Montt keine Umweltpolitik gehabt und kein Monitoring der produktiven Projekte, die Auswirkungen auf die Umwelt haben könnten. «Es gibt keine Umweltabteilung in der Gemeindeverwaltung und nicht genügend Personal», so Valdivieso.

Für ihn ist der Fall der extremen Marea Roja 2016 ein drastisches Beispiel dafür, was passiert, wenn Auswirkungen des Klimawandels mit der Überausbeutung von Arten und zudem noch verschmutzten natürlichen Ressourcen zusammentreffen. «Durch den Klimawandel wird das Wasser klarer und lässt die Sonnenstrahlen tiefer eintreten. Dadurch kommt es zu einem größeren Wachstum der Algen. Die Algen ernähren sich zudem von Abfällen. Es kam zu einem großen Lachsterben. Die Firmen wussten sich nicht anders zu helfen, als tausende Tonnen von totem Lachs mit Schiffen aufs offene Meer hinauszufahren. Keiner hatte damit gerechnet, dass die Strömung sie wieder zurückspülen würde», erinnert Valdivieso an den Vorfall des vergangenen Jahres, der die Meeresfrüchte vergiftete und der sich derzeit durch das Kentern eines mit Lachsen beladenen Frachters vor Chiloé wiederholen könnte.

«Ein anderes großes Problem im Süden, das hier in Santiago kaum wahrgenommen wird, ist die Trockenheit. Wir erheben Daten, die zeigen, welche Auswirkungen sie hat, zum Beispiel auf die Tierhaltung. Fehlende Kenntnisse der Situation führen dazu, dass die Politik schlecht reagiert. Stattdessen geben die Gemeindeverwaltungen jeden Sommer Millionen aus, um die Bevölkerung mit Trinkwasser-Fahrzeugen zu beliefern. Das ist nun schon seit mehreren Jahren üblich. Sogar in Städten wie Osorno, Purranque und Puerto Montt», erzählt Valdivieso. Er hofft, dass die Ergebnisse der Fondecyt-Studie dazu beitragen, dem Süden Chiles zu einem besseren Wassermanagement zu verhelfen.    

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