Panguipulli, ein Musikfestival der besonderen Art

Sie ließ sich an der Universidad Católica in Betriebswirtschaft und als Bratschistin ausbilden. Damit nicht genug, ging sie nach Deutschland, um ihr Diplom in Instrumentalpädagogik und einen Master in Theater- und Orchestermanagement zu machen. Zwei Berufsrichtungen, die meilenweit voneinander auseinander gehen? Der Schein trügt. Dominique Thomann verwertet heute die Kenntnisse und Fertigkeiten beider Metiers und ist trotz ihres jugendlichen Alters dabei bereits erfolgreich gewesen.

Dominique Thomann: «Es bewerben sich Musikstudenten aus ganz Lateinamerika, von denen wir die acht besten einladen.» Foto: Walter Krumbach
Dominique Thomann: «Es bewerben sich Musikstudenten aus ganz Lateinamerika, von denen wir die acht besten einladen.» Foto: Walter Krumbach

Als Erfinderin und künstlerische Leiterin hat sie schon zwei Kammermusikfestivals in Panguipulli organisiert und durchgeführt.

Zur Musik kam sie als kleines Mädchen. In ihrer Familie spielte die Tonkunst eine große Rolle und später, um die Jahrtausendwende, hatte sie Gelegenheit, an einer Europa-Tournee mit dem Ensemble des Instituto de Música de Santiago unter Sylvia Soublette teilzunehmen: «Ich fand diese Möglichkeit so spannend, dass man mit der Musik Neues kennenlernt und dass sich zwischen den Musikern eine bestimmte Sprache entwickelt», erinnert sie sich. «So dachte ich, dass ich für andere dieses ermöglichen möchte».

Seit drei Jahren lebt sie in Frankfurt. Dominique hatte relativ bald die Gelegenheit, bei der Organisation von großen Festspielen wie dem Schleswig-Holstein-Musikfestival mitzuarbeiten: «Ich war im Management und habe an der Orchesterakademie gearbeitet. Da konnte ich viel Erfahrung sammeln». Außerdem betätigte sie sich bei der Kronberg Academy – eine Stiftung, die allererste Kräfte zu ihren Veranstaltungen einlädt – und auf dem Kammermusikfestival Sylt: «Da kam mir der Gedanke, warum können wir so etwas nicht in Chile machen».

Dominique Thomann arbeitete ein Projekt aus, trat an deutsche Spender heran, nahm mit der Gemeindeverwaltung Panguipulli Kontakt auf. In Deutschland arbeitet sie mit einem Verein zusammen, «wo viele Freunde sind, die an die Idee dieses Festivals glauben. Etliche haben Panguipulli besucht und waren begeistert!» Weitere Spender sind das Rathaus vor Ort und Privatpersonen.

Da es ein relativ großes Projekt ist, sind die Organisatoren auf der Suche nach einem Schwergewichtler unter den Sponsoren. An Ausgaben fehlt es nämlich nicht. Die Teilnehmer müssen untergebracht und beköstigt werden: «Es bewerben sich Musikstudenten aus ganz Lateinamerika, von denen wir die acht besten einladen». In Panguipulli haben sie Gelegenheit, am Unterricht von zwei Frankfurter Dozenten der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, Ingrid Zur und Jörg Heyer, teilzunehmen.

 

Gemeinsam musizieren, kochen und wohnen

Die Teilnehmer müssen bei der Ankunft ein bestimmtes Repertoire einstudiert haben. In Panguipulli lernen sie sich gegenseitig kennen und machen nicht nur miteinander Musik, sondern «wohnen und kochen auch zusammen», unterstreicht Dominique Thomann. Diese Wohngemeinschaft hat täglich um die sieben Stunden Musikunterricht. Die Konzerte beschränken sich nicht etwa auf die Stadt Panguipulli. Vier Vorstellungen finden an ausgesuchten Orten statt, «wo normalerweise wenig Musik gemacht wird, und schon gar nicht auf diesem Niveau». Dieses Jahr fiel die Wahl an Neltume und Liquiñe.

Im Zeitraum von einer Woche wird intensiv gelernt und geprobt: «Wir versuchen, wirklich fein zu arbeiten», versichert die Bratschistin, «und die Konzerte sind für das Publikum kostenfrei». Außerdem bieten die deutschen Lehrer Meisterklassen, welche bisher die Kinder des Jugendorchesters von Panguipulli nutzten.

Währen des letzten Festivals «war das Sextett op. 36 von Johannes Brahms unser Hit», ein anspruchsvolles Werk, «von dem wir den ersten Satz einstudierten, was uns in dieser kurzen Zeit viel Arbeit abverlangte». Dazu kamen Stücke von Johann Sebastian Bach, Luigi Boccherini, Wolfgang Amadeus Mozart, Joseph Haydn, Ludwig van Beethoven, Alberto Ginastera und Heitor Villa-Lobos.

Das Publikum belohnte die Künstler auf denkbar positive Art. «Mir ist die Reaktion einer Person besonders zu Herzen gegangen», erzählt Dominique Thomann. «Sie sagte mir, dass sie sich am liebsten an eine Maschine anschalten lassen würde, um zu messen, was mit ihr während des Brahms-Konzerts geschehen war. Das war so intensiv, was ich gefühlt habe, sagte dieser Konzertbesucher, dass ich gerne gewusst hätte, was in meinem Organismus vorgegangen ist».

Das Profil des Publikums «ist auch ein spannendes Tema», hat Dominique festgestellt. «Die Woche, in der das Festival stattfand, gab es einen Menschenaustausch. Es war Ende Februar, die Touristen fuhren heim und Leute aus Panguipulli kehrten von ihren Einkäufen für ihre Kinder, die bald mit der Schule beginnen mussten, zurück». Es entstand somit eine Mischung von Touristen und Einwohnern: «Wir überlegen zurzeit, ob wir die Konzerte eine Woche vorverlegen sollen, damit mehr Touristen kommen. Die Entscheidung steht noch aus».

Das Festival Internacional de Música de Panguipulli, wie der offizielle Name der Veranstaltung lautet, wächst langsam aber fortdauernd. Im ersten Jahr nahmen fünf Streicher daran teil, jetzt waren es acht Musiker, darunter ein Flötist, und im kommenden Jahr sollen es zehn sein. Aus Repertoiregründen soll außerdem künftig ein Cembalo mit von der Partie sein, was die Darbietungen ohne Zweifel entscheidend bereichern wird.

 

Teilnehmer aus aller Herren Länder

Für die kommenden Jahre mangelt es nicht an Plänen. «Wir möchten andere Gruppen einladen, Kammerorchester, ein Duo oder ein Trio. Es könnten Ensembles aus Valdivia oder Santiago sein». Dominique Thomann hat auch in Europa die Werbetrommel gerührt: «Einige Gruppen haben schon angefragt, ob sie hier spielen könnten. Jetzt ist es nur eine Zeit- und eine Ressourcenfrage», versichert sie lachend, denn ohne die nötigen Mittel kann bekanntlich auch die beste Schau nicht über die Bühne gehen.

«Wir sind mit lokalen Institutionen in Verbindung, arbeiten zum Beispiel mit dem Rathaus und die Corporación de Amigos de Panguipulli zusammen», erzählt sie. «Vielleicht wird sich auch die Fundación Ibáñez-Atkinson aktiv am Festival involvieren. Ich bin nämlich Stipendiatin an der Stiftung, und sie haben mich für meine Studien in Deutschland unterstütz.»

Die dynamische junge Frau wählte Panguipulli als Austragungsort nicht nur aufgrund seiner malerischen Umgebung, dem See und den Bergen: «Mein Urgroßvater, Juan Bautista Etchegaray, war einer der Gründer der Stadt, und seitdem sind wir als Familie mit der Ortschaft verbunden». Dominique ist zwar in Arica geboren, lebte als Kind in Santiago und in Deutschland.

Sie hat bisher an verschiedenen anspruchsvollen Projekten mitarbeiten dürfen. Ihre nächste große Aufgabe ist eine Assistenz am Händel-Festival in Göttingen und danach wird sie einige Aufgaben im Management des Kammermusikfestivals Sylt wahrnehmen. Damit nicht genug, wird sie sich ab August am Hessischen Rundfunk im Orchestermanagement Besetzungen und Musikereinladungen bearbeiten.

Von ihrem mitteleuropäischen Standort aus wird Dominique Thomann fortan «ihr» Festival im chilenischen Süden betreuen. Sie hofft, dass es künftig jedes Jahr stattfinden wird. Dafür arbeitet sie mit großer Begeisterung zusammen mit einer Gruppe junger Helfer: «Ganz besonders wichtig für uns ist es, eine Brücke zwischen Chile und Deutschland zu schlagen, dass beide Kulturen sich näherkommen. Daher sind wir auf der Suche nach Firmen, die in beiden Ländern Niederlassungen haben, damit sie sich als Sponsoren beteiligen».

Die wären der Organisation bei ihrer Vergrößerung hochwillkommen, «denn wir haben vor, in mehr Ortschaften als bisher aufzutreten und vielleicht auch in bestimmten Betrieben Konzerte zu geben. Wir möchten gezielt bestimmte Gruppen von Leuten erreichen. Und dafür brauchen wir natürlich Mittel.»

Walter Krumbach

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