Ohne Scheuklappen

25. November 2011 von

Als Margit Walz sich dazu entschloss, Deutschland zu verlassen und als Lehrkraft ins Ausland zu gehen, wusste sie noch nicht einmal, auf welchem Kontinent sie eingesetzt werden würde. Mittlerweile ist sie seit sieben Jahren Abteilungsleiterin der Deutschen Schule in Las Condes und möchte am liebsten noch gar nicht ans Heimkehren denken.

 

Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass Margit Walz in Chile nur «zu Gast» ist, wie sie selbst sagt. Die stellvertretende Schulleiterin der Deutschen Schule in Santiago und Chefin der Abteilung in Las Condes spricht mit großen Enthusiasmus von ihrer Arbeit und dem Leben in Chile, sodass es fast unvorstellbar erscheint, dass sie nur noch zwei weitere Jahre bleiben wird. Die gebürtige Schwäbin hat in Tübingen Gymnasiallehramt studiert und danach auch mehr als 20 Jahre an zwei verschiedenen Schulen die Fächer Deutsch, Geschichte und Politik unterrichtet.

Es war die Abenteuerlust, nicht die Unzufriedenheit mit dem dortigen Gymnasium, die sie zu ihrer Bewerbung für den Auslandsdienst veranlasst hat: «Ich hatte dort eine sehr schöne Zeit, ein nettes Lehrerkollegium und einen aufgeschlossenen Schulleiter – aber es war der optimale Zeitpunkt für einen Wechsel.» Nachdem ihre beiden Kinder, ein Sohn und eine Tochter, beide mit der schulischen Ausbildung fertig waren, entschloss sich die Mutter dazu, an einer Schule im Ausland zu arbeiten. Das Auswärtige Amt unterhält im Auftrag der deutschen Bundesregierung weltweit 140 deutsche Auslandsschulen. Diese sind Bestandteil der auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik Deutschlands und werden, wie in Santiago, überwiegend als Privatschulen betrieben.

 

Ans Ende der Welt

Wohin sie entsandt werden würde, dass wusste Margit Walz vor ihrer Bewerbung allerdings nicht: «Man bewirbt sich weltweit. Dann wird man beurteilt und schließlich bekommt man ein Angebot, wenn ein Posten verfügbar ist.» Die einzige Einschränkung, die sie treffen konnte, war Russland und Osteuropa als Einsatz-Region auszuschließen. «Ich hatte Russisch studiert, deshalb war ich mir ziemlich sicher, dass ich dorthin geschickt werden würde, da ja immer Leute mit Sprachkenntnissen gesucht werden. Aber ich wollte doch lieber ans Ende der Welt.»

Diesen Wunsch bekam die Lehrerin erfüllt und sie ist bis heute sehr glücklich damit. Auch wenn es anfangs nicht leicht war, sich auf die neue Lebens- und Arbeitssituation umzustellen: «Ich musste einen Eingewöhnungsprozess durchlaufen.» Abgesehen davon, dass das Schulsystem in Chile anders als in ihrem Heimat-Bundesland Baden-Württemberg nicht dreifach gegliedert ist, sondern die Schüler bis zum Abschluss gemeinsam eine Gesamtschule durchlaufen, stand Margit Walz anfangs vor einem banalen Problem: der Sprachbarriere.

Aber die Abteilungsleiterin ist keine Frau, die Herausforderungen scheut. «Ich hatte vorher Spanisch an der Volkshochschule gelernt und dachte, ich könne die Sprache eigentlich ganz gut. Dann kam ich nach Chile und war erstmal platt. Anfangs konnte ich nicht viel verstehen und hatte deshalb natürlich auch Hemmungen, selbst zu sprechen. Oft kamen auch Eltern zu mir, die kein Deutsch sprechen können, das war schon schwierig.» Mittlerweile hat sich die Schwäbin in Chile jedoch vollständig eingelebt und ist von ihrem Arbeitsumfeld begeistert.

 

Die Mischung macht´s

Es gibt verschiedene Typen von deutschen Auslandsschulen: Diejenigen, die vor allem von deutschen Kindern, deren Eltern im Ausland arbeiten, besucht werden, und «Begegnungsschulen», wie die Einrichtung in Santiago, an denen der Austausch zwischen der deutschen und anderen Kulturen im Mittelpunkt steht. Margit Walz empfindet diese Begegnung als großen Vorteil: «Mir gefällt diese bunte Mischung hier, man lernt so viel besser die Kultur und Mentalität des Anderen kennen und auch, einander mit Respekt und Toleranz zu begegnen. Wenn man hier auf den Pausenhof geht, merkt man, wie friedlich und harmonisch das Miteinander ist.»

Neben deutschen und chilenischen Kindern gibt es in der Abteilung in Las Condes auch Schüler anderer Nationalitäten oder solche, die vorher deutsche Auslandsschulen in anderen Ländern besucht haben und beispielsweise in Brasilien, Korea oder Südafrika waren. Auch das Lehrerkollegium ist alles andere als homogen. Nicht nur, dass chilenische und deutsche Lehrkräfte zusammen arbeiten: Die deutschen Lehrer stammen auch aus unterschiedlichen Bundesländern. «Das finde ich auch sehr spannend zu hören, wie die verschiedenen Schulsysteme in Deutschland funktionieren. Da findet auch im Lehrerkollegium ein reger Austausch statt.»

An ihrer Schule begeistert Margit Walz vor allem auch das freiwillige Engagement der Lehrer, Schüler und Eltern. «Beispielsweise hatten wir anlässlich unseres 120-jährigen Jubiläums eine `Semana Cultural´, bei der eindrucksvoll die Dreigroschenoper von Bertolt Brecht aufgeführt wurde sowie ein Musical mit unserer Schulband, Chören, Tänzern und Solisten. Das hat alles der Elternbeirat organisiert, von den Einladungen über die Technik bis zu den T-Shirts für die Teilnehmer. Die Lehrkräfte haben mit den Schülern geprobt, und auch die Jugendlichen selbst haben sich stark eingebracht. Das finde ich sehr bemerkenswert.»

 

Richtiges Lernen beibringen

Doch sich auf den Lorbeeren auszuruhen kommt für Frau Walz nicht in Frage. Die Optimierung dessen, was Unterricht und Schule ausmacht, sieht die stellvertretende Schulleiterin als eine ihrer Hauptaufgaben. Darunter versteht sie auch die für 2012 geplante Neustrukturierung der Deutschen Schule, bei der sowohl die Zusammenarbeit der beiden Abteilungen Las Condes und Vitacura als auch der fächerübergreifende Unterricht verstärkt werden wird. Damit steht auch die gemeinsame Weiterentwicklung des deutschen und des chilenischen Bildungsganges im Mittelpunkt.

So übernimmt Frau Walz ab dem Schuljahr 2012 die Leitung des deutschen Zweiges, der zum Abitur führt, und legt ihre bisherigen Aufgaben als Abteilungsleiterin von Las Condes in die erfahrenen Hände ihrer bisherigen Stellvertreterin Andrea Brockhaus. Neben der Bewältigung dieser strukturellen Herausforderungen geht es ihr um die grundsätzliche Bedeutung von Schule.

«Wissen hat eine immer kürzere Halbwertzeit. Deshalb geht es heutzutage darum, den Schülerinnen und Schülern das richtige Lernen beizubringen. Wir brauchen Maßnahmen zur Kompetenzorientierung und eine neue Lehrerrolle, bei der der Lehrer dazu da ist, Lernprozesse zu moderieren statt nur frontal zu unterrichten. Das bedeutet keineswegs weniger Arbeit. Um beispielsweise eine Gruppenarbeit erfolgreich durchzuführen, muss diese wirklich gut vorbereitet sein.»

Die Abteilungsleiterin selbst legt großen Wert darauf, nicht nur im Büro zu sitzen, sondern auch selbst im Klassenzimmer zu stehen. «Mich fasziniert die Kreativität der Jugendlichen. Erst kürzlich habe ich `Der Vorleser´ von Bernhard Schlink durchgenommen und hatte mir natürlich auch ein Konzept zur Interpretation überlegt – und dann hatten meine Schüler plötzlich ganz andere Ideen, auf die ich selbst nie gekommen wäre!»

Die grundsätzliche Offenheit für Neues, die Toleranz gegenüber anderen Ansichten und Lebensweisen sind für Margit Walz eine wichtige Voraussetzung, die sie selbst auf jeden Fall mitbringt. «Man darf nicht die Scheuklappen aufsetzen. Auch wenn man in einem anderen Land vielleicht nicht alles versteht oder gut findet, muss man das Andere zumindest wahrnehmen.»

Das Reisen und die Begegnung mit Menschen anderer Kulturen ziehen sich bei der abenteuerlustigen Lehrerin als roter Faden durch ihr ganzes bisheriges Leben. Chile hat sie schon von Norden bis Süden erkundet, hauptsächlich mit dem Auto. Die Schotterpiste der `Carretera Austral´ schreckt sie dabei genauso wenig ab wie die Überquerung der Passstraße nach Argentinien auf 4.800 Metern Höhe. Als Mitglied der Online-Community `Couchsurfing´ hat sie selbst auch schon viele Weltenbummler bei sich zu Hause aufgenommen und schwärmt von den interessanten Gesprächen, die sich dabei ergeben. «Einmal hatte ich ein kanadisches Rentnerehepaar zu Gast, die immer mir ihrem Toaster im Koffer reisen. Das waren vielleicht interessante Leute.»

 

Bücher aus Deutschland

Um abends nach der Arbeit zu entspannen, hat Margit Walz eine weitere Lieblingsbeschäftigung: Das Lesen. «Wenn ich zu Hause in Deutschland bin, gehe ich in meine Lieblingsbuchhandlung. Der Buchhändler kennt mich schon und lacht, weil ich jedes Mal zehn Kilo Bücher kaufe – soviel, wie in ein Paket passt.» Auch wenn es nicht immer leicht ist, in Chile einen guten deutschen Roman oder Krimi aufzutreiben, vermisst Margit Walz sonst nicht viel.

An eine Rückkehr nach Deutschland möchte sie jetzt noch gar nicht denken, zu viel steht noch an. 2012 wird zum ersten Mal ein Jahrgang mit dem Deutschen Internationalen Abitur (DIAP) die Schule abschließen – eine Neueinführung, die Frau Walz als großen Vorteil sieht. Aber auch viele andere Projekte und Pläne sollen noch umgesetzt werden, beispielsweise der Ausbau der Hochbegabtenförderung, eine Erweiterung des Berufspraktikums der elften Klassen oder die Weiterführung des Konfliktlöser-Projekts, mit dem Schüler lernen sollen, selbstständig Streit untereinander zu klären.

Ihre Entscheidung, ins Ausland zu gehen, bereut Margit Walz nicht im Geringsten: «Ich fühle mich als Gast hier und empfinde meinen Aufenthalt in Chile als ständige Bereicherung. Ich werde sicher mit mehr zurückkehren, als ich gekommen bin.»

Von Maria Birkmeir

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