«Ohne Pressefreiheit keine Demokratie»

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Seine Eltern wollten, dass er Jura studiert, doch Ricardo Hepp Kuschel wurde Journalist und stand lange Jahre an der Spitze der bedeutendsten regionalen Tageszeitung: «El Sur de Concepción». Er wurde dann doch so etwas wie ein Anwalt – ein leidenschaftlicher Verteidiger von Pressefreiheit und Ethik in der Medienarbeit. Im Juni 2014 wurde er zum Präsidenten der ANP, des chilenischen Arbeitgeberverbandes der Presse, gewählt und vor wenigen Wochen zudem zum Präsidenten des Wirtschaftsverbandes der Medien ernannt.

Von Petra Wilken

Ricardo Hepp wurde 1944 in Santiago geboren. Seine Eltern sprachen deutsch zuhause und lasen den «Cóndor». Den Sohn schickten sie auf die deutsche «Los-Leones-Schule» und anschließend auf die Deutsche Schule Santiago, die damals in der Straße Antonio Varas lag. Zwei Schuljahre, die der 4. und 5. «Humanidades», wie es damals hieß, verbrachte er als Kadett an der Militärschule. «Das war sehr interessant, gut für Reife und Disziplin», unterstreicht Hepp beim Interview in seinem Büro der «Asociación Nacional de Prensa», ANP, in einer alten Villa in Providencia. Er schätzt Strenge, Disziplin und Fleiß. Das sei seine lutherische Erziehung, meint er, die ihn stark geprägt habe.
«Jura war nicht meins», sagt Ricardo Hepp. «Zum Glück war es in den 60-er Jahren schon möglich, den Eltern etwas zu entgegnen». So schrieb er sich an der Universidad Católica für Journalismus ein. «Die Fakultät war neu und sie war gut». Er hatte die richtige Entscheidung getroffen, machte einen herausragenden Abschluss und wurde gleich vom «El Mercurio» und danach von «Las Últimas Noticias» eingestellt. «Ich bin 1968 mit der Uni fertig geworden. Das waren schwierige Jahre», erinnert sich Hepp.
Kurz darauf ging Hepp nach Concepción als Chef vom Dienst bei der Zeitung «Crónica» und danach bei «El Sur», wo er bald darauf Chefredakteur wurde. Inzwischen hatte er seine Partnerin fürs Leben gefunden: die Tochter eines Diplomaten aus Kolumbien. Das Paar ging zusammen nach Kolumbien, weil er ein Postgraduiertenstudium absolvieren wollte.
Aber auch in Kolumbien war die politische Situation schwierig. In Cali nahm er eine leitende Stellung bei der Zeitung «El País» an. «Cali ist sehr schön, aber ich bin für kälteres Klima gemacht», sagt Hepp. Sie zogen nach Bogotá, wo er für mehrere Tageszeitungen arbeitete und zwischendurch Direktor der Wahlkampagne eines Präsidentschaftskandidaten wurde. «Doch ich habe mich nicht weiter politisch engagiert. Schließlich war ich Ausländer». Stattdessen gründete der Journalist eine eigene Werbeagentur: KAINOS.
Neun Jahre blieben die Hepps in Bogotá und heirateten dort. Zwei ihrer Söhne wurden in Kolumbien geboren, der dritte kam in Chile zur Welt. 1982 kehrten die Hepps zurück. «Meine drei Söhne haben die deutsche Staatsangehörigkeit», betont er. «Mütterlicherseits gehört meine Familie zu den Einwanderern des Südens, väterlicherseits zu den Handelsleuten, die nach Valparaíso kamen».
Der Urgroßvater Kuschel stammte aus Schlesien. 1851 schiffte er sich in Hamburg nach Chile ein. Zunächst kam er nach Valdivia. Doch er wurde an den Llanquihue-See geschickt, um dort das Land zu besiedeln. «Es kam nur ein Kuschel am Llanquihue-See an, aber er hatte acht Kinder. Und wenn Sie heute um den See fahren, treffen Sie überall Kuschel an.»
Mit der Familie Hepp war es nicht viel anders. Es ist auch nur ein einziger Hepp verzeichnet, der nach Chile eingewandert ist. 1881 kam er in Valparaíso an. «Es gibt viele Hepps in Chile. Wir sind alle miteinander verwandt». Er hat sich auf die Spuren beider Vorfahren begeben. Die Hepps hat er in Pforzheim ausgemacht und weitere Verwandte in Eberbach am Neckar in der Nähe von Heidelberg gefunden. Mit ihnen steht seine Familie in Kontakt.
Die Kuschel hat er im heutigen Schlesien ausfindig gemacht. Dazu erzählt er eine Anekdote, die er mit dem früheren Bundeskanzler Helmut Kohl erlebt hat. Beim Besuch von Kohl in Chile gab nahm er an einer Einladung vom damaligen Senatspräsidenten Gabriel Valdés in Viña del Mar zum Mittagessen teil. Bei diesem Anlass hatte er die Gelegenheit sich mit dem Kanzler zu unterhalten, der ihn fragte, warum er so gut Deutsch spreche. Er erzählte ihm, dass ein Teil seiner Vorfahren aus Deutschland stammten, aus Schlesien. ‚Nein‘, antwortete Kohl mit Nachdruck. ‚Das ist Polen!‘
Einer seiner drei Söhne lebt seit fünf Jahren in Deutschland. Rodrigo Hepp ist Facharzt für Onkologie in Essen. Seine Frau ist wie er Deutsch-Chilenin. Sie haben vier Kinder. Er freut sich über die Entscheidung seines Sohnes. Die Kinder seien glücklich dort in ihren Schulen. Ebenso freut sich über eine weitere Entscheidung seines Sohnes: Er ist zum evangelisch-lutherischen Glauben konvertiert. Dass seine Kinder katholisch getauft wurden, war keine freiwillige Entscheidung von Ricardo Hepp. Seine Frau ist Katholikin, und als sie in Kolumbien heirateten, verlangte die Kirche, dass die Kinder aus der Ehe katholisch getauft werden mussten. Er fand das nicht sehr fair, aber so waren die Bedingungen. «Mir gefällt die lutherische Moral. Max Weber hat Recht, wenn er sagt, dass wir streng sind».
Ricardo Hepp ist inzwischen seit 46 Jahren verheiratet. Seine Frau und er haben acht Enkelkinder. In Chile sind es vier Mädchen und in Deutschland drei Jungen und ein Mädchen. Mit seiner Frau verbinden ihn viele gemeinsame Interessen: beide lesen viel, beiden gefällt die Malerei und die Musik, wobei der Geschmack dabei nicht ganz deckungsgleich ist. Seine Frau liebe Zarzuela und lateinamerikanische Musik – von Juanes bis hin zu und mexikanischen Rancheras. «Mein südliches Limit hingegen ist Haydn».
Nach ihrer Rückkehr aus Kolumbien Anfang der 80er Jahre gingen die Hepps nach Concepción zurück. Ricardo Hepp wurde erneut Chefredakteur von «El Sur». 15 Jahre lang übte er diese Position aus. «Chile hat zwei schwierige Perioden durchlebt, was die Pressefreiheit angeht», sagt er rückblickend. «Ohne Pressefreiheit kann es keine Demokratie geben», betont er immer wieder bei öffentlichen Anlässen. Nach Beendigung der Diktatur habe er erlebt, dass sich die Journalisten nach wie selbst zensiert hätten.
Lange Jahre engagierte er sich als Mitglied der Ethikkommission des Wirtschaftsverbandes der Medien (Federación de Medios de Comunicación Social, FMCS). «Das war das Interessanteste, was ich in meinem Leben habe tun können», findet Hepp. Er ist stolz darauf, dass er der Kommission fünf Jahre lang als Präsident vorstand – ein Amt, für das man sich nicht bewerben kann, sondern ernannt wird.
Während seiner Amtszeit wurden Gutachten für 40 Fälle erstellt. Als Beispiel für eine Praxis, gegen die er sich bis heute wehrt, nennt er den Einsatz von versteckten Kameras. «Wir müssen lernen, Fragen zu stellen und wahrhaftig aufzutreten. Die versteckte Kamera rechtfertig sich nur in extremen Fällen wie zum Beispiel bei der Aufklärung von sexuellen Delikten mit Kindern», betont er.
Stolz ist er auch auf den Preis Alejandro Silva de la Fuente, den ihm die Academia Chilena de la Lengua 2014 verliehen hat, weil es eine Anerkennung seines journalistischen Handwerkszeugs war – seiner «guten Schreibe», wie es unter Kollegen in Deutschland heißen würde.
Das Schreiben gibt Ricardo Hepp auch so leicht nicht auf. Nach seiner Pensionierung bei «El Sur» wurde er Direktor des Verlages der Universität San Sebastián in Concepción und Santiago. Bald begann er auch, für seine eigenen Buchveröffentlichungen zu recherchieren. Die Bücher von Ricardo Hepp handeln von der Estancia Punta Delgado an der Magellanstraße und dem Leben der Besetzungsmitglieder des Kreuzers «SMS Dresden», die als Häftlinge auf der Insel Quiriquina in der Bucht vor Concepción interniert waren und von denen viele anschließend Familien in Chile gründeten. Bereits seit sechs Jahren trägt Hepp Material für dieses Buch zusammen – in Chile genauso wie in Deutschland.
Das Buchschreiben ist bislang noch ein Hobby, denn mit seinen Ämtern bei den beiden Medienverbänden hat er viel zu tun und auch noch einiges vor. Die ANP vertritt alle chilenischen Zeitungen und Zeitschriften: 114 an der Zahl. Dabei handelt es sich ausschließlich um Printmedien.
Bis Ende seiner Amtszeit hat sich Hepp ein Ziel gesetzt: Er möchte, dass wenigstens ein oder zwei digitale Medien Mitglied werden. «60 Prozent der Chilenen lesen die Zeitung im Handy», weiß er. Doch er setzt auch ganz klar darauf, dass das gedruckte Wort nicht sterben wird. «Die Druckausgaben der Zeitungen und Zeitschriften werden weiter existieren», sagt er mit viel Nachdruck und der jahrzehntelangen Erfahrung in seinem Metier.

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