Offen für lebenslanges Lernen

Daina Neddemeyer spricht von Durchlässigkeit und Anschlussfähigkeit im Bildungssystem, als ob das jeder verstehen würde. Die 48-Jährige ist Projektleiterin einer von zahlreichen Initiativen der deutsch-chilenischen Kooperation im Bildungswesen. Sie sucht nach Antworten auf eine Frage, die auch in Deutschland diskutiert wird: Wie kann Berufserfahrung ohne formellen Abschluss anerkannt werden und dieses Wissen dem Arbeitsmarkt besser zugänglich gemacht werden?

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Das Projekt heißt Fococert und ist in Chile bei der staatlichen Kommission ChileValora angesiedelt. Übersetzt bedeutet die Abkürzung «Lebenslanges Lernen mit Zertifizierung von beruflichen Kompetenzen». Der Name sagt klar aus, was erreicht werden soll: Chileninnen und Chilenen soll der Zugang zu einem formellen Berufsabschluss durch die Anerkennung ihrer in der Praxis erlangten Kompetenzen gegeben werden.

«Die Zertifizierung der Kompetenzen darf nur nicht mit einem Berufsabschluss verwechselt werden», mahnt Daina Neddemeyer. «Wer eine Berufsausbildung absolviert hat, hat ein viel größeres Hintergrundwissen erworben, kennt die Zusammenhänge und versteht die Prozesse.» Dabei denkt sie hauptsächlich an die traditionelle deutsche duale Berufsausbildung, die aufgrund des akuten Fachkräftemangels in Chile derzeit immer mehr Beachtung findet.

«In Chile gibt es einen Riesenbedarf an Fachkräften in vielen Industriezweigen», erklärt die Deutsche. «Die Fachkräfte aus der Bauindustrie wandern ab in den Bergbau, weil dort bessere Gehälter gezahlt werden. Die Folge ist, dass es zu Verzögerungen beim Bau kommt, die Termine werden nicht gehalten», erläutert sie die wirtschaftlichen Konsequenzen.

 

Bauingenieurin bei Altstadtsanierung

Dass sie das Beispiel aus der Baubranche gewählt hat, ist kein Zufall. Daina Neddemeyer ist selbst von Beruf Bauingenieurin. Im Amt Neuhaus an der Elbe geboren und aufgewachsen, studierte sie Bauingenieurwesen in Wismar und arbeitete bis zum Mauerfall als Statikerin in der Altstadtsanierung in Magdeburg. «Dabei habe ich mich zur Holzschutzfachfrau spezialisiert», erzählt sie. Anschließend wurde sie in einem Bauunternehmen in Oberkirchen in Niedersachsen angestellt und arbeitete dann mehrere Jahre als Bausachverständige bei der Oberfinanzdirektion in Hannover. Dort lernte sie ihren chilenischen Mann Fernando kennen, der in Hannover Musik studierte. Die beiden heirateten und gingen im Januar 2001 zusammen nach Chile.

Das Motto «Lebenslanges Lernen» ist mit diesem Wechsel auch für sie ganz persönlich Realität geworden, denn ihr beruflicher Werdegang nahm ab jetzt ganz neue Formen an. «Eigentlich wollte ich ja Lehrerin werden», erinnert sich Neddemeyer. «Da ich aber keinen Studienplatz darin bekam, wurde ich, wie mein Vater, Bauingenieur. Zuerst hatte ich Bauchschmerzen bei dieser Entscheidung, aber dann habe ich diesen Beruf geliebt.» Doch in Chile ergab sich keine Möglichkeit als Bauingenieurin zu arbeiten. Stattdessen wurde sie Verwaltungssachbearbeiterin bei der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ). Doch ihr kreativer Geist suchte nach neuen Herausforderungen.

Diese fand sie bei der Deutsch-Chilenischen Industrie- und Handelskammer (Camchal), wo sie sechs Jahre lang im Businesscenter als Koordinatorin für den Bereich Forschung/ Entwicklung und Umwelt zuständig war und Projekte im Auftrag der Bundesministerien für Bildung und Forschung (BMBF) und Wirtschaft (BMWi) geleitet hat. Das wichtigste Spezialgebiet, mit dem sie hier zu tun hatte, war die Biotechnologie. «Ich hätte nie gedacht, dass ich mir innerhalb kürzester Zeit Wissen über Biotechnologie aneignen könnte», sagt Daina Neddemeyer. «Ich habe durch diese Arbeit Wissenschaftler aus ganz Lateinamerika und den USA kennengelernt. Das war einfach toll», schwärmt sie.

«In Chile habe ich gelernt, dass, wenn man offen ist, immer etwas Neues dazuzulernen kann. Man entdeckt Seiten an sich selbst, von denen man gar nicht wusste, dass man sie hat», resümiert sie ihren beruflichen Werdegang in diesem Land. Dass sie nun ein Projekt leitet, das das Leitmotiv «lebenslanges Lernen» schon im Titel hat, kann somit kein Zufall sein. Ihre Suche nach neuen Herausforderungen hat sie vor diese komplexe Aufgabe gestellt, wo sie all ihre bisherigen Erfahrungen einbringen kann.

Ihre jetzige Rolle ist in erster Linie die einer Mittlerin. Sie soll dafür sorgen, dass deutsche Aspekte und Qualitätselemente aus der Aus- und Weiterbildung in das chilenische System einfließen und sich Synergien ergeben. Ihr Projekt wird vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanziert und läuft über Sequa, einer gemeinnützigen Gesellschaft der Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft, die Projekte zum Aufbau von Wirtschaftsorganisationen in Entwicklungs- und Schwellenländern durchführt. Zudem sind die Industrie- und Handelskammer von Chemnitz und die Camchal in Chile an dem Projekt beteiligt.

 

Kommunikation ist Schlüsselfrage

«Auch deutsche Firmen werden von den besser qualifizierten Arbeitskräften profitieren, wenn sie nach Chile kommen», reflektiert Daina Neddemeyer das Interesse der deutschen Seite. Nach ihrem Verständnis ist dabei Kommunikation die Schlüsselfrage. «In Deutschland sind die Firmen aktiv an der Berufsausbildung beteiligt, und so werden die Ausbildungsgänge immer wieder darauf angepasst was die Industrie braucht und will. In Chile hat der Bildungsbereich eine ganz andere Sprache als die Firmen. Deshalb sehe ich meine Aufgabe auch darin, hier Kommunikation herzustellen.»

Sicherlich ist dabei viel Fingerspitzengefühl notwendig, denn die Ausgangssituationen sind in beiden Ländern doch sehr unterschiedlich. So hat zwar auch in Deutschland jeder fünfte aller jüngeren Beschäftigten keinen Berufsabschluss, in Chile hingegen haben jedoch sogar 37 Prozent aller Beschäftigten keinen Schulabschluss. In dieser Situation sind laut Informationen auf den Internetseiten von ChileValora drei Millionen Menschen. Die Folgen wiederum sind hier und dort ähnlich: Beschäftigungsverhältnisse mit hoher Fluktuation, ein hohes Risiko arbeitslos zu werden und deutlich geringere Gehälter.

Um dagegen zu wirken, ist in Chile 2008 das Gesetz 20.267 verabschiedet worden. Damit wurde das nationale System zur Zertifizierung von Arbeitskompetenzen geschaffen, das es Personen ohne Berufsabschluss ermöglicht, ihre im Arbeitsleben erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten zertifizieren zu lassen. Bisher können Firmen oder Unternehmerverbände ihre Mitarbeiter zertifizieren lassen, wovon auch reichlich Gebrauch gemacht wird. Idee des Projektes ist, dass diese Kompetenzprofile auch bei der Aufnahme von akademischen oder technischen Studiengängen anerkannt werden.

Das wird auch in Deutschland noch diskutiert. Denn das, was Durchlässigkeit und Anschlussfähigkeit im Bildungssystem genannt wird, steht auch dort vor neuen Herausforderungen. «Praxisanerkennung gibt es auch in Deutschland fast noch gar nicht. Die Mobilität der Beschäftigten im EU-Rahmen macht es aber notwendig, das Ganze anders zu betrachten», erläutert Daina Neddemeyer.

Da sind die Schweizer schon weiter. Sie fördern Übergangsmöglichkeiten zwischen berufspraktischen und akademischen Ausbildungswegen. Gemischte Bildungskarrieren lohnen sich, sagen die Schweizer. Das kann Daina Neddemeyer nur unterschreiben. Das sind Konzepte, die sie für Chile mitentwickelt. Diese kreativen gesellschaftlichen Prozesse sind genau das, was ihr liegt.

«Für mich schließt sich da ein Kreis», sagt sie. «Ich komme mit dem in Berührung, was ich mal werden wollte», erwähnt sie ihren Wunsch Lehrerin zu werden. «Deshalb bin ich dankbar für das, was mir das Leben in Chile gegeben hat. Und bin gespannt darauf, was noch kommt.»

Ihren Beruf als Bauingenieurin hat sie dabei nicht vergessen. «Ich würde gerne noch mal als Sachverständige arbeiten.» Da Experten in Globalisierungsfragen auch die horizontale Durchlässigkeit fordern, sprich, vereinfachte Verfahren bei der Anerkennung von ausländischen Abschlüssen, kann bestimmt auch dieser Wunsch noch wahr werden.

 

Von Petra Wilken

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