Die neue Kapitänin

Soll man sie so nennen? Eine Kapitänin? Es würde ganz gut zu dem Bild passen, in das man die Deutsche Schule Valparaíso gerne packt, das Bild eines großen, schweren, vielleicht sogar etwas schwerfälligen Schiffes oder gar Tankers nämlich, den es zu steuern gilt. Und Inge Berger, die seit dem 1. August als neue Rektorin der DS Valparaíso tätig ist, könnte eine sehr gute Kapitänin sein.

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Inge Berger stammt aus Niedersachsen. Seit August ist sie Leiterin der Deutschen Schule in Valparaíso.

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Langjährige Erfahrung ist so ein Attribut, das eine gute Kapitänin ausmacht, die bringt sie mit. «Wenn man einmal im Auslandsschuldienst ist, hat man so etwas wie einen Virus und schon bevor ich in Afrika war, hatte ich einen Traum: Südamerika. Ich weiß nicht warum.»
Zunächst ist es also Afrika gewesen, die Deutsche Schule in Nairobi, als Grundschulleiterin und Lehrerin. «Als ich aus Afrika zurückkehrte, kam ich an eine Gesamtschule im Aufbau im Eichsfeld bei Göttingen, was eine sehr interessante Aufgabe war. Trotzdem habe ich auch immer ein Auge auf die internationalen Stellenausschreibungen der ZfA (Zentralstelle für das Auslandsschulwesen, die Stelle im Bundesverwaltungsamt, die zuständig für die Lehrer und Rektoren an deutschen Schulen im Ausland ist, Anm. der Red.) gehabt, bis Valparaíso ausgeschrieben war.»

Abitur in Einbeck
Doch der Reihe nach. Inge Berger kommt aus Niedersachsen. Und weil das vielleicht etwas über ihre Karriere verrät, stellen wir ihr ganz einfach Fragen zu ihrer eigenen Schulzeit.
«Ich war in Markoldendorf in der Grundschule, das gehört zu Stadt Dassel.» Wir googeln das kurz und stellen fest, dass Markoldendorf vor der Gebietsreform 1974, als es nach Dassel eingemeindet wurde, den Status eines «Fleckens» hatte.
«Die Stadt Dassel liegt am Solling, das ist ein Ausläufer des Weserberglands. Ich habe in Einbeck Abitur gemacht und das müsste nun wegen des Einbecker Biers wirklich jeder kennen.» Einbecker Bier ist tatsächlich auch überregional ein schmackhafter Begriff in der schier unübersichtlichen deutschen Braulandschaft. Die Recherche bietet die nette Anekdote am Rande, dass der Komiker Vicco von Bülow alias Loriot angeblich einmal als Holzfäller im Solling in Markoldendorf gearbeitet haben soll.
In den kurzen Zitaten hört man schon sehr deutlich, dass man es bei Inge Berger mit einer Frau zu tun hat, die sehr genau weiß, was sie will. Und die es auch weiß, das direkt anzusprechen. Über die eigene Schulzeit zu reden, findet Inge Berger zum Beispiel nicht sonderlich aufregend, ohne gute oder schlechte Erinnerungen zu haben. Wesentlich ist für sie, dass «man Schule für Kinder interessant gestalten sollte, aber man auch sehen muss, dass Schule genauso ein Stück Pflichterfüllung ist.» Ihr selbst haben ihre Eltern dabei geholfen, Schule als Pflicht zu akzeptieren, sie durch die Schulzeit «zu tragen», wie sie das nennt und was sie auch heute von den Eltern verlangt, dass nämlich «Eltern darauf achten, dass die Kinder ihre Pflichten erfüllen».
Und im Schulleben ist es ganz normal, dass man einmal auf Lehrer trifft, die man vielleicht nicht so gerne mag. Und auch das hat sie als Lehrerin «ihren Kindern», wie sie sie nennt, immer mit auf den Weg gegeben: «Ihr werdet auch im Arbeitsleben immer auf Leute treffen, die ihr nicht mögt, und damit müsst ihr zurecht kommen.»

Traumberuf Lehrerin
Inge Berger hat Lehramt studiert, Mathematik, Musik und Chemie. Sie hat eine Zusatzqualifikation im Fach Deutsch, ist ausgebildete Beratungslehrerin und hat einen Master in Schulmanagement.
«Ich wollte Lehrerin werden, schon immer. Das war mein erster Berufswunsch. Und auch als alle gesagt haben und in den Zeitungen stand, dass es bald 10.000 arbeitslose Lehrer geben würde, habe ich zwei Nächte drüber geschlafen und mich entschieden: „Nein, das was du im Herzen willst und immer wolltest, das sollst du auch weitermachen.“» Engagement aus Überzeugung, der Beruf als persönlicher Traum: «Wie das in diesen Freundschaftsbüchern oder Poesiealben immer steht: „Dein Traumberuf?“ – da habe ich immer gesagt: „Den hab ich schon!“»
Und sie möchte ihn auch bis zum Ende ihres Berufslebens positiv leben, «denn ich mache Schule sehr gern und ich hoffe, bis zum letzten Tag sehr gern.» Valparaíso könnte die letzte Station ihrer Karriere sein. Einmal in Südamerika zu arbeiten war ein Traum. Ihn zu realisieren ist dennoch nicht einfach.
«Was man nicht machen darf, ist aus einem Fluchtreflex heraus ins Ausland gehen, à la „weil´s mir nicht gefällt, gehe ich weg“. Nein, das habe nie gemacht. Ich bin eigentlich immer auch mit Tränen gegangen, weil ich immer etwas Gutes zurückgelassen habe, etwas, das mir auch gefallen hat.» Und ganz alleine geht das nur sehr selten. «Wenn man in einer Partnerschaft lebt, gehören zwei dazu, die gehen wollen.»
In ihrem Fall ist das ihr Lebensgefährte, der sie schon nach Afrika begleitet hatte. Er habe sofort zugesagt, als das Angebot Chile im Raum stand. Dabei sei er überraschend schnell gewesen. Aber sie hat auch schnell herausgefunden, woran das lag. «Er ist leidenschaftlicher Gleitschirmflieger und Chile ist ein Paradies für diese Sportart, beispielsweise in Iquique, aber auch in Maitencillo.»
Sie selbst hatte wenig Zeit, sich auf den neuen Job vorzubereiten. Bis 30. Juli war sie an ihrer Schule in Gieboldehausen, ab 1. August in Viña. Keine Ferien. Aber sie hat erste Vorlieben bestätigt bekommen. «Da ich sehr gerne koche und sehr gerne esse, waren die kulinarischen Genüsse ein erster Andockpunkt.» Und ? Wie schmeckt der erste Eindruck? «Bereits beim ersten Mal, als ich hier war, stellte ich fest, dass die Art zu würzen genau meinem Geschmack entspricht.» Das klingt bescheiden zurückhaltend, aber Inge Berger redet nicht lange um den heißen Brei herum, so hat man den Eindruck, sie sagt einfach, wenn ihr etwas schmeckt oder auch nicht.
Bislang gibt es aber keinen Anlass, sich zu beschweren, ganz im Gegenteil: «Das Land hat uns unglaublich nett empfangen. Und was mir auffällt ist, dass alle Menschen sehr freundlich und sehr hilfsbereit sind, egal wo man sie trifft. Und was auch sehr angenehm ist, man kann noch so schlecht spanisch sprechen, die Menschen sind immer geduldig und man trägt alles an Sprachkenntnissen zusammen.»
Das muss man sagen, wenn man neu ist in einem Land. Aber so wie sie es sagt, glaubt man es ihr. Es ist direkt, ehrlich, offen. Charakterzüge, die nur guten Kapitäninnen vorbehalten sind. Und das mit dem Spanischen, das wird schon noch.

Thomas Magosch

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One Comment

  1. Markus Amberger

    Unglaublich, wie kaputt diese Schule deutsche Lehrkräfte macht, auch wenn sie voller Motivation und mit den besten Absichten kommen.

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