Nach der Schule zum «Body Combat»

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Solche beruflichen Werdegänge wie den von Gundy Redel gibt es heute kaum noch. Seit 31 Jahren ist sie bei dem Arbeitgeber beschäftigt, bei dem sie schon ihre Ausbildung absolviert hat – der Deutschen Schule Santiago (DSS). Ihr Beruf: Zweisprachige Chefsekretärin.

Von Petra Wilken

So hieß ihr Lehrberuf 1985, als sie ihn am kaufmännischen Berufsbildungszentrum Insalco absolvierte und noch Kurzschrift und Schreibmaschine gelehrt wurde. Ihr Abschluss in Deutschland lautete seinerzeit Geprüfte Sekretärin, was heute recht antiquiert klingt. Auch das Insalco bildet schon länger keine Sekretärinnen mehr aus, sondern Kauffrauen für Bürokommunikation. Ob es nun Chefsekretärin, Assistentin der Geschäftsleitung oder Officemanagerin heißt, die Aufgaben in diesem Beruf sind vielfältig und anspruchsvoll und reichen von Aktenführung, Kostenabrechnungen, Protokollführung bis hin zu Verwaltung, Veranstaltungsorganisation und Zeitmanagement.
Gundy Redel ist nicht nur Sekretärin des Schulleiters, sondern hat gleich drei Funktionen: Sie ist auch Assistentin des Vorstands der DSS und der Corporación Educacional Federico Froebel, dem Verein, der die Deutschen Schulen Santiago und Chicureo sowie das Insalco unter seinem Dach hat. Über Arbeitsmangel kann sie sich nicht beschweren, doch Klagen würden auch nicht dem fröhlichen Naturell der 50-Jährigen entsprechen. «Mir macht meine Arbeit Spaß», sagt sie. Sie liebt die Kombination von neuen Herausforderungen und der Routine des Schuljahres mit seinen wiederkehrenden Anlässen.
Die Routine beginnt jeden Morgen mit einem Avocado-Brot beim Checken der drei E-Mail-Accounts, für die sie zuständig ist. «Das wissen hier alle», sagt sie und lacht. «Morgens das Brot mit Palta – das muss sein». Das haben inzwischen schon fünf Schulleiter erlebt. Ihr erster Chef war Klaus Rudek. Er hat ihr zusammen mit dem damaligen Leiter von Insalco, Peter Kosicki, die Ausbildungsstelle angeboten. Das war direkt bei der Graduationsfeier zum Abschluss der 12. Klasse. «Ich war eine gute Schülerin», erklärt sie dies. In Mathematik ein Durchschnitt von 6,9, und in Deutsch war sie auch gut.
Manchmal würde sie gefragt, warum sie mit ihrem guten Schulabschluss nicht etwas anderes studiert habe, aber sie selbst habe sich diese Frage nie gestellt. Ihr erster Schulleiter, Klaus Rudek, habe noch mit dem Diktiergerät diktiert. Von ihm habe sie viel gelernt, insbesondere beim Formulieren von Texten auf Deutsch. Danach kamen Karlheinz Seiter, Jürgen Holzhauer, Gerhard Pschorn, und seit Februar ist Dr. Markus Storbrawe ihr Chef. «Es hält jung, wenn man sich immer wieder anpassen muss», resümiert sie.
Gundy Redel ist an einem Ort aufgewachsen, der Faja Maisan heißt, eine deutsche Kolonie, 60 Kilometer von Temuco in Richtung Küste gelegen. Dort sind ihre Urgroßeltern mütterlicher- und väterlicherseits 1912 aus Deutschland angekommen. «In Deutschland war ihnen Land versprochen worden. Das bekamen sie auch, aber es war nur Urwald», beschreibt sie die Situation damals. Sie ging dort auf eine deutsche Schule, an der eine Cousine ihres Vaters ihre Deutschlehrerin war. Heute gibt es diese Schule zwar noch, aber nicht mehr als deutsche Schule. Damals, als Gundy Redel dort die 1. bis 6. Klasse absolvierte, gab es zwischen 40 bis 60 Schüler, die Nachfahren von 24 Siedlerfamilien.
Als sie in die 7. Klasse kam, musste sie nach Temuco wechseln, und ab dem Primero Medio sogar nach Santiago. Mit 14 Jahren kam sie in die große Stadt, zusammen mit einer Cousine, die von klein auf ihre beste Freundin war. Damals war die Deutsche Schule noch in Antonio Varas. Direkt neben der Schule lag das Schülerheim, für alle, die wie sie aus den Regionen kamen. Vier Jahre lang lebte sie dort, zusammen mit etwa 25 anderen Schülern. Das Heim sei nett gewesen, sie habe es dort gut verbracht. Da sie das damalige Wirtschaftsgymnasium der deutschen Schule besuchte, dauerte ihre anschließende duale Berufsausbildung am Insalco nur ein Jahr.
Als auch einer ihrer jüngeren Brüder zum Studieren nach Santiago kam, beschlossen ihre Eltern, Faja Maisan zu verlassen und ebenfalls in die Hauptstadt zu gehen, wo sie die Leitung des Schülerheims übernahmen. Einige Jahre später wurde das Heim geschlossen, und ihr Vater wurde Hausmeister der Abteilung Vitacura der Deutschen Schule. Ihre Eltern wohnten auch auf dem Gelände der Schule, was sich als sehr praktisch erwies, als Gundy Redel Mutter wurde. 1990 wurde Sebastian geboren und zwei Jahre später folgte Tobias. Die Schule erlaubte ihr, eine Zeitlang halbtags zu arbeiten, und den anderen halben Tag wurden ihre Söhne von ihrer Mutter betreut. Der Schulhof war sozusagen ihr persönlicher Spielplatz.
Als ihre Söhne vier und sechs Jahre alt waren, machte sie ihre erste und einzige Reise nach Deutschland. Zweieinhalb Wochen dauerte sie und gestaltete sich als Rundreise zu fünf ehemaligen Lehrern aus Chile. Sie erzählt eine Anekdote, die sie an einem geselligen Abend in einem Yachtclub in Bonn erlebt hat. Ein Mann fragte sie, von wo sie in Deutschland käme. Er könne ihren Dialekt nicht einordnen. «Aus einer Region Deutschlands im Süden Chiles», scherzt sie.
«Deutschland hat mir gefallen», fügt sie nachdenklich hinzu. Aber nicht so sehr, dass es als Ort zum Leben für sie infrage gekommen wäre. «Das Wetter ist ein wenig deprimierend», findet sie. Das hat jedenfalls auch ihr ältester Sohne gesagt, der gerade eine längere Deutschlandreise macht. Wie sie gehört auch er zur Spezis der Sonnenanbeter. «Ich fühle mich Chilena», sagt sie. Ihre Arbeit bietet ihr die besten Voraussetzungen, um auch ihre deutsche Seite ausleben zu können.
Mit ihren beiden Söhnen hat sie versucht, die deutsche Sprache weiter lebendig zu halten. Als sie klein waren, habe sie nur deutsch mit ihnen gesprochen. Heute sprächen sie untereinander mehr gemischt, meint sie mit etwas schlechtem Gewissen. Aber immerhin sei das Deutsche auch in der Generation ihrer Kinder noch aufrecht erhalten geblieben.
Doch sie ist der Deutschen Schule, auf die auch ihre beiden Söhne gingen, genauso für den guten Englischunterricht dankbar. Sebastian, der Audiovisuelle Kommunikation studiert hat, war für Televisión Nacional bei den Panamerikanischen Spielen in Toronto und habe keinerlei Probleme mit dem Englisch gehabt. Auch ihrem Sohn Tobias, der Betriebswirtschaft studiert hat, werden beide Sprachen zugutekommen.
In ihrer Freizeit geht Gundy Redel drei- bis viermal wöchentlich ins Fitnessstudio und arbeitet ihr lebhaftes Temperament mit «Body Combat» und «Body Pump» ab – mit Musik unterlegte Gymnastikvarianten, die dem Boxen und Gewichtheben entlehnt sind. Sie liebt aber auch Lesen und zwar hauptsächlich deutsche Literatur. In den Sommer- und den Winterferien müssen es mehrere dicke Bücher sein, möglichst historische Romane. Diese liest sie auf dem Land – in der Faja Maisan, wohin ihre Eltern zurückgekehrt sind, nachdem sie pensioniert wurden. Auch ihre Söhne fahren dorthin, wenn sie sich erholen wollen, mit viel Ruhe und gutem Essen von der Großmutter.

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