«Mit wenigen Mitteln gute Medizin machen»

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Onkologen sind in Chile Mangelware, und die lokale klinische Erforschung von Krebserkrankungen verlangt ihnen großes Engagement ab. Für die deutsche Ärztin Dr. Bettina Müller (52) ist diese Herausforderung zur Lebensaufgabe geworden. Seit 18 Jahren arbeitet sie am staatlichen Instituto Nacional del Cáncer in Santiago, seit einem Jahr leitet sie dort die Abteilung für Klinische Onkologie.

Von Petra Wilken

Chile ist das Land, in dem weltweit am meisten Menschen an Gallenblasenkrebs erkranken. Das Risiko ist hierzulande fünf- oder sechsmal höher als im gesamten  Rest der Welt. Woran das liegt, kann niemand sagen. «Wir wissen, wer das Risiko hat, aber wir kennen die Ursachen nicht», erklärt Bettina Müller. Ein anderes Beispiel: In Chile ist die Zahl der Neuerkrankungen an Brustkrebs proportional zur weiblichen Bevölkerung viel niedriger als in Europa und den USA. Doch die Gefahr, an diesem Krebs zu sterben, ist hier proportional größer als in den anderen Ländern.

Warum ist Brustkrebs hier anders? Ist er hier aggressiver oder liegt es daran, dass die Krankheit zu spät entdeckt wird? Auch auf diese Fragen gibt es keine wissenschaftlich abgesicherten Antworten. Für Bettina Müller ist es deshalb so wichtig, dass es lokale akademische  Forschungsprojekte gibt, denn die pharmazeutische Forschung allein könne die vielen ungeklärten Fragestellungen  nicht klären.

Erst vor Kurzem hat die Forschung zum Beispiel herausgefunden, dass man eigentlich nicht von DEM Brustkrebs sprechen kann, sondern dass es vier  Unterarten gibt, die unterschiedliche Risiken haben und verschiedene Behandlungsarten benötigen. So werden etwa fünf Prozent der Brustkrebserkrankungen von einer genetischen Mutation verursacht. Das war der Fall von Angelina Jolie, die sich vorsorglich beide Brüste amputieren lassen hat. «Doch in 95 Prozent der Fälle wissen wir nicht, wie wir die Krankheit vorbeugen können, ohne die Organe zu entfernen», so Bettina Müller. «Und im 21. Jahrhundert würde ich mir elegantere Lösungen wünschen», fügt sie hinzu.

Wie kann es sein, dass die Medizin im Fall von Krebs noch immer vor so vielen ungelösten Fragen steht? «Weil der menschliche Körper so komplex ist», antwortet Bettina Müller. «Uns hat man noch ein ganz simples Modell der Zelle beigebracht. Heute weiß man, dass die Zelle so etwas wie ein Skelett hat, an dem Nachrichten ausgetauscht werden. Sie ist viel komplexer als wir bisher gedacht haben.»

Um in Ländern wie Chile Krebsforschung voranzubringen, sei es notwendig, dass Ärzte und Gesundheitseinrichtungen miteinander kooperierten. Bettina Müller ist deshalb in der Gruppe GOCCHI aktiv, der ersten Kooperative in Lateinamerika, die 1998 von angesehenen Onkologen als gemeinnütziger Verein gegründet wurde. Er hat 200 Mitglieder und vereint 22 Einrichtungen in ganz Chile, darunter Universitäten, private Kliniken und öffentliche Krankenhäuser, die sich an den Forschungsvorhaben beteiligen. «Dass die Leute zusammenarbeiten, ist ein ganz großer Fortschritt», sagt Müller, die acht Jahre lang Geschäftsführerin von GOCCHI war und weiter als Mitglied im Direktorium aktiv ist.     

Bettina Müller ist in Esslingen bei Stuttgart geboren und in Freiburg aufgewachsen, wo ihre Mutter und ihre Geschwister bis heute leben. Nach Abschluss der Schule machte sie eine Reise nach Chile. «Ich fand die Leute so offenherzig und optimistisch», erzählt sie. Der Wunsch, Ärztin zu werden, reifte während dieser Reise. Nach Deutschland zurückgekehrt, entschied sie sich, das Studium in Chile zu absolvieren, und 1987 nahm sie das Medizinstudium an der Universidad de Chile auf. «Was mich hier festgehalten hat, waren mein Mann, mit dem wir eine sehr schöne Familie gegründet haben», sagt sie. Ihre Tochter ist inzwischen 28 und ihr Sohn 26. «In Deutschland hätte ich mich vermutlich nicht so kreativ in der Medizin einbringen können. Ich bin Chile dankbar dafür, was ich alles entwickeln und einbringen konnte».  

Das öffentliche Gesundheitswesen in Chile lernte sie gleich nach dem Studium kennen. Sie arbeitete zwei Jahre als allgemeine Ärztin in einem kleinen staatlichen Krankenhaus in dem ländlichen Peñaflor in der Nähe von Santiago. «Da war ich Kinderärztin am Morgen, Psychiater am Mittag und nachmittags Internist», beschreibt sie diese Erfahrung. Die Alternative wäre gewesen, gleich nach dem  Studium die Facharztausbildung anzuschließen. «Aber dort habe ich die Medizin so kennengelernt, wie sie für den größten Teil der chilenischen Bevölkerung Realität ist».  

Sie schloss eine dreijährige Ausbildung in Innerer Medizin im öffentlichen Krankenhaus Barros Luco an, und danach studierte sie zwei weitere Jahre Onkologie am Instituto Nacional del Cáncer. «Insgesamt studiert man zwölf Jahre, um Onkologe zu sein», resümiert sie. Seitdem sie diese Ausbildung abgeschlossen hat, arbeitet sie in der Abteilung für klinische Onkologie, die monatlich rund 100 neue Patienten aufnimmt und für die öffentlichen Krankenhäuser der 6. und 7. Region die Strahlentherapie abdeckt. Zudem betreibt das Institut Krebsforschung und bildet Onkologen aus. «Unsere Fachärzte lernen mit wenigen Mitteln gute Medizin zu machen». Die Ausbildung steht unter dem Dach der Universidad del Desarrollo und der Clínica Alemana. Die deutsche Klinik stellt dem Institut unter anderem ihre Abteilung für Pathologie und die Radiologie zur Verfügung, und Endoskopisten behandeln Patienten der staatlichen Einrichtung ehrenamtlich.

Bettina Müller schätzt die hervorragende Ausstattung der Clínica Alemana. Sie hat dort zwischen 2011 und 2015 gearbeitet. «Ich weiß, welche Möglichkeiten im privaten System bestehen und welche wir im staatlichen haben.» Dennoch ist sie dem staatlichen System treu geblieben. «An der Clínica Alemana gibt es genug Onkologen», sagt sie. «Unsere Palliativmedizin ist besser als in vielen Privatkliniken, und unsere Abteilung für Psychoonkologie ist auch führend», fügt sie stolz hinzu. «Mit dem wenigen, das wir haben, machen wir das Beste draus. Und die meisten der wirklich kurativen Therapien sind im staatlichen System abgedeckt».

Dennoch würde sie sich wünschen, dass neue, teure Behandlungsmethoden, wie zum Beispiel im Fall von Magenkrebs, der in Chile stark verbreitet ist, auch von Fonasa übernommen würde. Dass auch hierzulande die Zahl der Krebserkrankungen stark angestiegen ist, liegt ihrer Ansicht nach an der Überalterung der Gesellschaft und an den verbesserten Diagnosemöglichkeiten. Gleichzeitig haben sich aber auch die Therapien bedeutend verbessert, so dass viele Krebsarten heute erfolgreich behandelt werden können.

«Dass Krebs ein Todesurteil ist, ist ein Mythos!» betont Bettina Müller. Allerdings habe er selbst unter Ärzten einen schlechten Ruf. «Die Kollegen denken, Onkologie sei frustrierend, weil man nicht viel machen kann», erklärt sie. Das liege jedoch daran, dass das Fachgebiet im Studium in Chile zu kurz komme. Deshalb würden viel zu wenige Onkologen ausgebildet. Ganze sieben an der Zahl im Jahr. Damit, so die deutsche Ärztin, werde der vorhergesagte weitere Anstieg der Krebserkrankungen vor allem in Schwellenländern wie Chile, gewiss nicht zu bewältigen sein.  

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