Mit der Schule zeitlos verbunden

Am vergangenen 31. Dezember beendete er seinen langjährigen Dienst als Verwaltungsleiter an der Deutschen Schule Santiago. Knapp 30 Jahre hatte er den verantwortungsvollen Posten inne – ein überaus langer Zeitraum für eine Stellung, die den ständigen wechselhaften Bedingungen der Wirtschaft ausgesetzt ist.

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Wer Roberto Praetorius näher kennt, ist darüber nicht überrascht. Der gelernte Volkswirt ist in seinem Metier nicht nur überaus kompetent, sondern beeindruckt durch seine ruhige, stets freundliche Art, die jedem Sturm gewachsen scheint.
In diesen drei Jahrzehnten liefen sämtliche finanziellen Belange der DS Santiago über seinen Schreibtisch, seien es Schulgeldangelegenheiten, wie etwa die Nachlassproblematik, sowie die Ausgaben, vom Personalbereich bis zu den Anschaffungen, die ständig in Angriff genommen werden mussten.
Bei dieser großen Verantwortung «schläft man nicht immer gut», gesteht er lachend, «wenn es zum Beispiel mit den Finanzen Schwierigkeiten gab oder wenn es in bestimmten Jahren für mich schwer war, den Haushalt einzuhalten und ich im Dezember mit rotem Gesicht vor den Vorstand trat, um zu melden dass ich fünf Prozent drüber war». Allerdings: diese Ziffer ist durchaus nicht kritisch «und ein Debakel hat es nie gegeben», klärt uns Praetorius auf.
Natürlich hat es in seiner Stellung auch angenehme Zeitabschnitte gegeben und wahrscheinlich waren sie in der Überzahl. Besonders gern denkt er an die Dienstreisen, die er unternahm, um Fortbildungskurse zu absolvieren. Es handelte sich um Lehrgänge, die von Deutschland aus organisiert wurden. Praetorius traf sich bei diesen Gelegenheiten mit Kollegen aus verschiedenen Regionen der Welt.
Alle vier Jahre finden Weltkongresse der deutschen Schulen statt, wobei der Anlass zum Gedankenaustausch gegeben ist. Aber auch intern gab es in der DS Santiago Entspannungsmöglichkeiten: Mit seiner wesenseigenen Heiterkeit erinnert Praetorius sich an den «Tag der Sekretärin», der einem Teil der Belegschaft der Schule ermöglichte, mit den Kollegen zu feiern.
Zum ersten Lehrgang, an dem er teilnahm, reiste er 1985 «zu meinem Glück» nach Portugal. «Ich kam ja aus einem anderen Fachgebiet», weshalb ihm der Kurs äußerst gelegen kam: in 14 Tagen wurden die Teilnehmer unterwiesen, wie fortan die Verwaltung der Deutschen Schulen geführt werden sollte. Der nächste Kurs wurde in Santiago de Chile abgehalten. Das hält er für einen Glücksfall. Wenn nämlich der erste Lehrgang in der eigenen Schule gegeben worden wäre, «dann hätte ich ihn wahrscheinlich nicht so gut verwerten können, weil man die Büroarbeit nicht unterbrechen kann».
Später machte er einen Kursus in Mexiko. Dieser nahm mehrere Monate in Anspruch, weshalb er in der Zwischenzeit nach Santiago reisen durfte.
Auslandserfahrung hatte er bereits in jungen Jahren gesammelt. 1975 zog er nach Deutschland, später war er Entwicklungshelfer in Bolivien und in Paraguay arbeitete er als Experte der Deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit.

Jeden Tag Neues
«Mein Arbeitstag war immer anders, als ich ihn plante», versichert Roberto Praetorius. «Es passierten immer Dinge», schmunzelt er, «obwohl mir oft Kollegen sagten, das muss ja langweilig sein, schon über zwanzig Jahre dieselbe Stellung an der gleichen Schule auszuüben». Jeden Tag musste etwas Grundverschiedenes getan werden, «immer wieder fiel dem Vorstand etwas Neues ein, man musste bauen, es gab Umstrukturierungen, oder die Buchhaltung sollte auf eine neue Art geführt werden».
Zudem ist das Zusammenleben an der Schule alles andere als monoton, findet er: «Da sind die Chilenen, die Deutsch-Chilenen und die Deutschen. Jeder von ihnen hat verwaltungsmäßig eine unterschiedliche Beziehung zur Schule». Dazu kommt der Vorstand, der des Verwaltungsleiter Arbeitgeber ist, «der erneuerte sich ständig. Der Vorsitzende zum Beispiel wechselte alle zwei Jahre. Das bedeutete, dass ich mich immer wieder anpassen musste. Als ich anfing, waren die Herren im Vorstand alle älter als ich. Später waren sie etwa in meinem Alter und heute sind sie alle jünger als ich», stellt er fest, und kann sich dabei das Lachen nicht verkneifen.
Wenn der Vorgesetzte derartig häufig abgelöst wird, dann gehört ein gewisses Quäntchen Anpassungsfähigkeit dazu, sich den neuen Gegebenheiten stellen zu können. Roberto Praetorius ist davon überzeugt, dass «ich mehr wegen meinem Wesen als durch meine Kenntnisse so lange an der Schule bleiben konnte. Ich bin flexibel und nicht konfliktiv».
So kam es, dass er mit den zahlreichen Vorständen, mit denen er während seiner langjährigen Amtszeit verhandeln musste, gut auskam. Das gleiche gilt für seine Beziehung zu den Schulleitern, die ja bekanntlich ebenfalls eine befristete Amtszeit haben, «und von denen ich vier überlebt habe».
In der langen Zeit, die Roberto Praetorius zunächst als Schüler und später als Mitarbeiter an der DS Santiago verbringen durfte, lernte er zahlreiche Menschen kennen. Unter denen schätzt er besonders Johannes Haberkorn, den einstigen Schulleiter. «Während meiner Schülerzeit war er der Schulleiter, vor dem man Angst hatte. Das Schlimmste war, wenn man von einem Lehrer zum Direktor geschickt wurde», erinnert er sich, «dann musste man vor seinem Zimmer auf der Holzbank warten, bis man eingelassen wurde». Roberto wurde zwar nie auf diese Weise zu Haberkorn vorgeladen, hatte aber oft Gelegenheit, zu beobachten, wie einige von seinen Mitschülern diesen Gang nach Canossa antreten mussten.
Später lernte er Haberkorn von einer ganz anderen Seite kennen: «Er war nicht mehr Schulleiter, sondern Französischlehrer und wir haben oft Gespräche geführt. Da habe ich den Menschen kennengelernt, den ich als Schüler natürlich nicht kennenlernen konnte». Praetorius bewundert Haberkorns Fähigkeit, sein Lehrerteam zusammenzustellen: «Er hat immer versucht, politisch von allen Rängen Lehrer zu haben, um Einseitigkeit zu verhindern». Kurz vor seinem Tod sagte der einstige Schulleiter zu Praetorius, er würde gerne Kirschen essen, «und es war keine Kirschenzeit. Ich bedaure es immer noch, dass ich ihm keine Kirschen verschaffen konnte!»

Verlockung Jura
Roberto Praetorius ist in Santiago geboren und aufgewachsen. Als der Berufsentscheid näher rückte, war er davon überzeugt, Jura studieren zu wollen. Während einer Orientierungsbesprechung mit der Schulpsychologin meinte diese, «du bist doch auch gut in Mathematik. Hast du denn nie an Volkswirtschaft gedacht?» Die Frage ging ihm nicht mehr aus dem Sinn, «und an dem Tag, an dem ich auf dem Formular ein Kreuzchen machen musste, war ich im vollkommenen Zweifel, ob ich es vor Jura oder vor Volkswirtschaft machen sollte».
In letzter Minute entschied er sich für Volkswirtschaft, aber heute meint er: «Ich glaube, ich wäre lieber Rechtsanwalt geworden». Die Geisteswissenschaften spielen in seinem Leben nämlich eine große Rolle. So hat er zum Beispiel ein außergewöhnliches Interesse am Zeitgeschehen und nennt sein wichtigstes Hobby das Zeitunglesen. Hierbei setzt er den Akzent auf Meinungsbildung, wofür er Leserbriefe, Leitartikel, Kolumnen und Kommentare akribisch durchsieht.
Mit der Schule wird er weiter verbunden bleiben. Roberto Praetorius will das Museum betreuen und dort, wie er scherzhaft meint, «Archäologie betreiben». Sein unverändert freundliches Gesicht wird um einen Grad ernster, als er versichert: «Man muss halt etwas tun. Man kann nicht nur Zeitung lesen. Und: wenn man einen gewissen Lebensstandard halten möchte, dann ist es nicht nur weil der Kopf, sondern auch weil die Tasche ein bisschen mehr braucht».

Walter Krumbach

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