Mit Glück und Menschenverstand

Schon als Student wusste Bernhard Zwanzger (61), dass er Unternehmer werden wollte. Vor 21 Jahren gründete er die Firma Spitec und startete mit einem Verkäufer und einer Sekretärin in einem 40 Quadratmeter großen Büro in Santiago Centro. Heute gehören der Unternehmensgruppe für Logistikdienstleistungen sechs Firmen an, die 130 Mitarbeiter beschäftigen und im eigenen Betriebsgebäude in Pudahuel untergebracht sind.

4129_p16_1

Bernhard Zwanzger hat sein Studium an der Universidad de Chile 1971 aufgenommen, genau zu dem Zeitpunkt, als die Unidad Popular an die Regierung kam. Nach dem Grundstudium musste er sich zwischen Betriebswirtschaft und Maschinenbauwesen entscheiden. Er wählte Maschinenbau. «Ich wollte kein Arbeitsleben für den Staat und habe mir gedacht, mit Ingenieurswissenschaften wird es eher möglich sein, ein eigenes Unternehmen zu gründen», erzählt er.
Es war aber nicht nur die Wirtschaftspolitik Allendes, die die Bahnen in seinem Leben lenkte, denn schon als Kind hatte sich Zwanzger für alles interessiert, was mit Produktion und Maschinen zu tun hatte. Das ist auf seinen Großvater Hermann Brehm zurückzuführen, der seinen Enkelkindern viel Zeit widmete und ihnen 16-Millimeter-Filme und Bilder mit einem Stereoskop aus der Zeit zeigte, in der er in Bolivien als Bergbauingenieur gearbeitet hatte.
Hermann Brehm war 1912 als junger Mann nach Bolivien ausgewandert, wo er in Oruro und Huanuni für das große Bergbauunternehmen Patiño arbeitete. Nach zwei Jahren wollte er in die Heimat reisen, doch er kam nur bis New York, da in Europa gerade der Erste Weltkrieg ausbrach.
Zwei Jahre lang konnte er seine Reise nicht fortführen und musste alle möglichen Gelegenheitsjobs annehmen: Als einfacher Minenarbeiter, als Landarbeiter und als Küchenhilfe spülte er Teller und schälte Kartoffeln. 1916 schaffte er es, nach Bolivien zurückzukehren, und 1920 gelang endlich die Reise nach Deutschland. In seiner Heimatstadt Greiz in Thüringen lernte er Elfriede Metz kennen. Er heiratete sie und nahm sie mit nach Bolivien, wo er inzwischen leitende Posten im Bergbau übernommen hatte. 1925 auf einer Reise nach Deutschland wurde Juanita geboren, die Mutter von Bernhard Zwanzger.
«So wie wir heute mit dem Flugzeug reisen, reisten meine Großeltern sehr oft mit dem Schiff nach Deutschland und blieben dort ein oder zwei Monate», berichtet er und erwähnt als Anekdote, dass sie dabei zweimal Schiffbruch erlitten haben. Jedenfalls lassen die häufigen Reisen nach Europa darauf schließen, dass die Großeltern in einer «guten Situation» lebten. Der Enkel bestätigt das, da sein Großvater schon mit 40 Jahren in Rente gehen konnte. Er siedelte nach Chile über und kaufte drei Häuser in einer kleinen Nebenstraße von Simón Bolívar in Ñuñoa. Bernhard Zwanzger wurde 1953 in einem dieser Häuser geboren – und wohnt dort bis heute.
Sein Vater war in La Unión, in der Nähe von Osorno, geboren worden. «Mein Großvater hatte dort die ‘Zwanzger Mühle’. Doch er musste sie mit 40 Jahren verkaufen, da er an einem bakteriell bedingten Herzleiden erkrankt war. Der Arzt riet ihm, in ein milderes, trockenes Klima zu ziehen». So kamen die Großmutter Helena Münich, ebenfalls deutschstämmig, und der Großvater mit ihren drei Kindern Ende der 20er Jahre nach Santiago.
«Ich bin anfangs in Holanda auf die Ñuñoa-Schule gegangen», erzählt Bernhard Zwanzger, der ein perfektes, akzentfreies Deutsch spricht. Die «Humanidades» absolvierte er dann an der Deutsche Schule in Antonio Varas.
Sein anschließendes Studium des Maschinenbaus zog sich bis 1978 hin, länger als normal. Das lag daran, dass er sich zusammen mit seinem Studienkollegen und Freund aus Kindheitszeiten, Jorge Moser, als Diplomarbeit die Konstruktion eines Kreiskolbenmotors vorgenommen hatte. «Wir mussten einige Teile des Motors an den Werkzeugmaschinen der Uni selbst herstellen», erklärt Zwanzger. «Das war gleichzeitig eine komplementäre Ausbildung in Fertigungstechniken».
Diese praktische Ausbildung sollte ihm in seinem späteren Berufsleben immer zugute kommen. Doch zunächst heiratete er – noch bevor er das Studium beendet hatte – an einem Sonnabend. Am Montag darauf hatte er seine Diplomprüfung und am Donnerstag erhielt er ein Arbeitsangebot von der Werft Asenav, die bis heute von dem Deutschen Eberhard Kossmann in Valdivia betrieben wird. Nach zwei Jahren bei Asenav nahm er die Gelegenheit war, seine Doktorarbeit in Deutschland an der Technischen Universität Braunschweig zu machen, wo er vier Jahre lang mit seiner ebenfalls deutschstämmigen Frau María Soledad Boye und ihren beiden ersten Söhnen lebten.
«Es war sicherlich eine der schönsten Zeiten meines Lebens. An einer deutschen Uni das Studentenleben zu erleben», erinnert sich Zwanzger an Weltverbesserungsdiskussionen in der Mensa und den Ball der Nationen, ein zweitägiges Galafest, das die ausländischen Studentenvereinigungen alljährlich an der Uni ausrichteten.
Obwohl er die Möglichkeit hatte nach Erhalt seines Doktortitels 1984 eine Stelle in Deutschland anzunehmen, ging die Familie nach Chile und Bernhard Zwanzger zu seinem alten Arbeitgeber zurück. Er wurde Leiter der Ingenieurabteilung von Asenav, wo er nun fast zehn Jahre blieb.
Kurz bevor er 40 wurde, ließ ihn das, was er sich schon als Student vorgenommen hatte, keine Ruhe mehr: Wenn er Unternehmer werden wollte, wurde es nun Zeit. «Im Leben gibt es immer gewisse Konstellationen, die dafür sorgen, dass etwas gelingt. Chancen, die wahrgenommen werden wollen». Seine war, dass die Firma Jungheinrich aus Hamburg einen neuen Vertreter für ihre Gabelstapler in Chile suchte.
Er kannte sich weder mit Gabelstaplern noch im Logistikgeschäft aus, doch er hatte viel Enthusiasmus, Ausdauer, Beharrlichkeit, gesunden Menschenverstand – und einen Partner, mit dem er sich hervorragend ergänzt: Helmut Hardings aus Hamburg. Heute gehören zur Unternehmensgruppe die Firmen Spitec, Rentalift und Inlog.
Spitec vertritt Jungheinrich-Gabelstapler, Mitnahme-Stapler von Palfinger und Schmalgangstapler von Narrow Aisle, während Rentalift auf die Vermietung von Staplern spezialisiert ist und über eine Flotte von 750 Geräten verfügt. Inlog hat verschiedene Industrievertretungen inne, bietet aber auch Logistik-Consulting und Lagerverwaltungssoftware an. Dazu kommen noch eine Immobilien- und eine Transportfirma sowie eine Holding, die die Buchhaltung erledigt.
Als Zwanzger in dem Geschäft anfing, gab es in Chile hauptsächlich in den USA gefertigte Stapler mit gas- oder dieselbetriebenen Motoren. Der Anteil der Elektrostapler betrug lediglich zehn Prozent. Heute liegt er bei 45 Prozent, was für den Unternehmer ein Indiz der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes ist. Mit kraftstoffbetriebenen Staplern können draußen LKW entladen werden, in den Häfen oder im Bergbau. In Lagerhäusern von Supermärkten, im Retail oder im pharmazeutischen Vertrieb hingegen müssen aus Arbeitsschutzgründen Gabelstapler mit Elektromotor eingesetzt werden. «Sie sind wirtschaftlich, null Geräusch, die Batterien werden alle acht Stunden aufgeladen», fasst Zwanzger kurz zusammen.
Sein Erfolgsrezept: «Es ist nicht die Marke, sondern die richtige Verwaltung der Geräte, der Service, die enge Kundenbindung, die Kontrolle der internen Abläufe und ein gut geschultes Personal». Viele der Spitec-Mitarbeiter sind mehr als zehn Jahre im Betrieb, einige sind vom einfachen Elektromeister zum Abteilungsleiter herangewachsen.
«Die Mitarbeiter sind glücklich hier». Die Befriedigung darüber ist ihm anzumerken. Auch deshalb hat er es nie bereut, Unternehmer zu werden und verrät etwas von seiner Lebensphilosophie: «Glück besteht nicht darin, Sachen zu besitzen, sondern angenehme Momente zu erleben, sich zu unterhalten, zu lachen und Gedanken auszutauschen.»

Petra Wilken

Print Friendly, PDF & Email

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*