Mit 50 einen Traum erfüllt

Es ist klirrend kalt an diesem Morgen. Santiago ist mit null Grad erwacht, und wahrscheinlich ist die Temperatur jetzt um 9.30 Uhr immer noch nicht viel höher, hier in den Berghängen im Parque Mahuida in La Reina Alta. Der Streichelzoo Parque Granjaventura ist bereits geöffnet. Man hört die Schafe blöken und die Ziegen meckern, als ob sie sich ein wenig warmmachen wollten.

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Trotz der niedrigen Temperaturen steht schon ein Paar mit vier Kindern an der Kasse, das jüngste etwa zweieinhalb, die älteste Tochter so etwa acht Jahre alt. Kaum haben die Eltern ihr die Tüten mit Futter für die Tiere gegeben, sind die drei älteren schon in Richtung des Schafstalls verschwunden. Begeisterungsrufe sind noch zu hören.
«Das wird ein guter Tag», meint Oscar Knust und schaut nach oben. Die Sonne ist schon über die Kordilleren gekommen, der Himmel blau und die Pflanzen und die Erde, die mit zartem Raureif bedeckt sind, dampfen. Oscar Knust hat die Granjaventura zusammen mit seiner Frau Gisela Dragunski-Knust vor 14 Jahren gegründet. «Es war ein Traum meiner Frau, den wir uns erfüllt haben. Als wir in Deutschland wohnten, haben wir mit unseren Kindern selbst solche Art von Erlebnisparks oder Streichelzoos besucht. Und wir haben uns gesagt, wie schön es doch wäre, so etwas zu machen.»

Gang in die Selbstständigkeit
Oscar Knust war 50 Jahre alt und Marketingleiter bei dem internationalen Express-Service TNT in Santiago, als er beschloss, dass Träume wahrgemacht werden sollten – selbst wenn sie über Banken und Gesellschafter finanziert werden müssen. Er gab seinen Managerposten auf und machte sich zusammen mit seiner Frau selbstständig.
Die Gemeinde von La Reine verpachtete ihnen das Gelände für 30 Jahre. Die Ansiedlung im 170 Hektar großen Naturpark Mahuida, der zu den Parkanlagen der Gemeindeverwaltung von La Reina gehört, ist sicherlich ideal. Im Parque Mahuida ist für jeden Geschmack etwas dabei: Naturliebhaber haben Zugang zum Wandern auf dem «Sendero de Chile», es gibt Grillplätze, und für die Mutigen eine Rodelanlage, Canopy oder Bungeespringen.
Auch wenn der Streichelzoo das Wort «Abenteuer» im Namen hat, so ist die Absicht jedoch eine andere. «Wir wollen den Kontakt und die Liebe zur Natur fördern», erklärt Oscar Knust. «Und möchten den Kindern die Tiere näherbringen. Es sind alles Haustiere, die wir hier haben.» Und er fügt hinzu: «Unsere Gesellschaft ist so weit entfernt von der landwirtschaftlichen Produktion. Wir haben ja heute Schwierigkeiten, eine Ziege von einem Schaf zu unterscheiden», verdeutlicht er. So hat sich die Granjaventura einen Bildungsauftrag gegeben. In ihrer Mission steht, dass sie als modernes Freizeitvergnügen für die ganze Familie gleichzeitig einen Beitrag zur kognitiven, affektiven und kulturellen Entwicklung der Besucher leisten möchte.

Natur und Bildung
In Deutschland sind bereits in den 1930er Jahren die ersten Streichelzoos entstanden und heute überall als private Initiativen oder als Abteilungen von Zoologischen Gärten eingerichtet. Die Tiere, die von den Kindern gestreichelt und gefüttert werden, müssen robust und ruhig sein und den Kontakt zum Menschen suchen oder ihm zumindest nicht ausweichen. Natürlich dürfen sie auch nicht gefährlich oder aggressiv sein, weshalb es in den meisten dieser Einrichtungen hauptsächlich Haus- und landwirtschaftliche Nutz-, aber keine Wildtiere gibt. Oft werden die Streichelzoos auch für Umweltbildungsaktivitäten genutzt.
Das Angebot der Granjaventura ist in den 14 Jahren ihres Bestehens beständig gewachsen und bietet ein umfangreiches Programm für Schulklassen oder andere Bildungseinrichtungen und für Familien an. So dürfen die Kinder die Kühe melken, auf Ponys reiten und Brot backen. Im «magischen Gewächshaus» und im Gemüsegarten können die Besucher etwas darüber lernen, was Mais, Weizen oder Reispflanzen zum Gedeihen brauchen.
Doch nicht nur für kleine Besucher hat die Granjaventura etwas zu bieten. So gehört zu den Anlagen ein großes Veranstaltungszentrum, in dem alle Arten von Feiern abgehalten werden können. Oder aber Firmen mieten sie, um ihre Mitarbeiter fortzubilden oder zu coachen – mit Unterstützung der Natur, die zur Entspannung und zum Tiefdurchatmen über den Dächern der Millionenstadt einlädt.
«Das hat etwas mit meiner Tätigkeit als Reiseleiter in Deutschland zu tun», meint Oscar Knust über das Projekt. «Und mit dem Wunsch, andere Menschen glücklich zu machen.» Reiseleiter war Oscar Knust während seiner Studienzeit in Deutschland. Doch um über diesen Teil seiner Biografie zu reden, muss erst einmal weiter in seinem Werdegang zurückgegangen werden.

Abenteuerlust und Auswandern
Oscar Knust wurde 1950 in Chile geboren. Sein Großvater väterlicherseits war 1912 aus Hamburg nach Valparaíso ausgewandert. «Eine Mischung aus Abenteuerlust und der schwierigen Lage in Deutschland», vermutet er. «Mein Urgroßvater war Kleinunternehmer und verkaufte Kohle aus dem Ruhrpott auf dem Balkan und nach England. Er war ein sehr strenger Vater. Vier seiner sechs Kinder sind ausgewandert», erzählt er über diese Zeit im Vorkriegsdeutschland. «Das weiße Band», ein international preisgekrönter Spielfilm von 2009 über eine deutsche Kindergeschichte im protestantischen Norden dieser Zeit, spiegelt dies gut wider, findet er.
Der Großvater heiratete in Valparaíso eine Chilenin. Den autoritären Erziehungsstil gab er auch hier an seinen Sohn weiter. Dieser Sohn, der Vater von Oscar Knust, wurde Geschäftsführer von Ultramar in Valparaíso. Er starb jedoch schon sehr früh mit 40 Jahren.
So kam Oscar Knust mit 15 Jahren auf die Militärschule in Santiago, wo er seinen Schulabschluss machte. Offizier wollte er jedoch nicht werden. Vielmehr lockte ihn die Abenteuerlust, und so nutzte er die Beziehungen seines Vaters, um mit einem Schiff der Ultramar auf große Reise zu gehen. 1971 durfte er auf der «Weimar» aushelfen und kam so nach Deutschland.
Dort blieb er bis 1985, studierte Politische Wissenschaften und Soziologie in Bonn und arbeitet in allen Semesterferien als Reiseleiter in verschiedenen europäischen Ländern. Nach dem Studium wurde er in Bonn Geschäftsführer der Presseagentur Inter Press Service Tercer Mundo (IPS), die in den 1980er Jahre in der Nord-Süd-Diskussion entwicklungspolitische Akzente setzte.

Rückkehr nach Chile
Während seiner Zeit in Deutschland lernte er auch seine deutsche Frau Gisela Dragunski kennen. Das Paar hat vier Kinder, die heute zwischen 33 und 18 Jahre alt sind. In Chile zurückgekehrt, arbeitete er zunächst auch in Santiago als Geschäftsführer von IPS, bis er 1990 zu TNT wechselte. «Ich habe viel gelernt in diesem transnationalen Unternehmen», meint er.
Dennoch – als er 50 wurde – war die Zeit reif für die Verwirklichung anderer Ziele. Und das geht auch mit 64 weiter. Im Moment arbeiten er und seine Frau an einem pädagogischen Konzept für einen Waldkindergarten, der auf dem Gelände der Granjaventura eingerichtet werden soll. Waldkindergärten sind Tagesstätten, in denen die Kinder vier bis fünf Stunden täglich nur draußen in der Natur sind, egal bei welchem Wetter. Das Konzept wurde 1954 in Dänemark entwickelt und ist seit 1990 auch in Deutschland eingeführt, wo es inzwischen weit über tausend Natur- und Waldkindergärten gibt.
Das Projekt ist in Zusammenarbeit mit dem staatlichen Kindergarten-Programm Junji, der Gemeindeverwaltung von La Reina und der Universidad Católica geplant. «Nicht einfach hier in Chile. Wir sind hier in einer Klimazone, in der, wenn es bewölkt ist, niemand rausgeht», meint Knust. Die Besucher, die heute Morgen trotz klirrender Kälte in die Granja gekommen sind, scheinen der lebende Beweis für das Gegenteil zu sein. Aber es ist ja auch schön sonnig.

Petra Wilken

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