Möglichst intensiv und weit weg

Für Marc Lorenz gab es keinen Zweifel: Er würde nach dem Abitur ins Hotelwesen gehen. Die Frage war nur, wo und wie er sich ausbilden lassen würde. Er wählte einen damals ungewöhnlichen Weg. Nach Deutschland führte dieser ihn nur noch gelegentlich. Dafür hat der heute 49-jährige inzwischen in sieben Ländern auf vier Kontinenten gelebt. Seit Juni 2013 leitet er das Grand Hyatt Santiago als Generaldirektor.

Talia und Soroya sind in Chile geboren. Für seine Töchter denkt Marc Lorenz gerne neu über seine berufliche Laufbahn nach.
Talia und Soroya sind in Chile geboren. Für seine beiden Töchter denkt Marc Lorenz gerne neu über seine berufliche Laufbahn nach.

Geboren wurde Marc Lorenz in Zürich, aber das war nur ein Zufall. Sein Vater kam aus Stuttgart, seine Mutter aus Berlin. «Bei meinen Eltern hat Reisen zum Lebensstil gehört», erzählt der Hotelmanager bei einem Milchkaffee im Foyer des Grand Hyatt. Die Glasfront gibt den Blick frei auf die Terrasse und die gepflegten Blumenrabatten und Hecken. Sonnenstrahlen blitzen auf dem großen blauen Hotelpool im Hintergrund. Während die Reisen mit seinen Eltern in die umliegenden Länder in Europa führten, wollte er andere Länder kennenlernen – möglichst intensiv und möglichst weit weg.
Nach dem Abitur erfüllte er sich den Wunsch und machte zwei Monate Backpacking in Australien. Dass er damit die Weichen für seinen beruflichen Werdegang stellte, konnte er da noch nicht wissen. Nach Deutschland zurückgekehrt, absolvierte er seinen Zivildienst bei der Deutschen Rettungsflugwacht in Stuttgart. Eigentlich hatte er einen Freiwilligendienst zur Wiedergutmachung in Israel machen wollen, was aber nicht klappte. So harrte er in Deutschland aus und kellnerte gleichzeitig im Stuttgarter Mövenpick-Hotel. Dann wurde er etwas ungeduldig und wollte nicht mehr Zeit verlieren.
Für eine Karriere in der Hotellerie hatte Europa die beste Reputation und die traditionsreichsten Häuser. In Deutschland gab es hervorragende Hotelfachhochschulen. Oder eine Alternative wäre eine Lehre in einem Hotel gewesen – sich von der Pike auf hochzuarbeiten. Das war eigentlich üblich im Hotelwesen. «Aber ich habe mir etwas anderes in den Kopf gesetzt», so Lorenz.
Er bewarb sich um ein Stipendium an einem College in Melbourne. Er bekam, was er sich in den Kopf gesetzt hatte und absolvierte ein dreieinhalbjähriges Studium in «Hospitality Management» in Australien. «Meine Freunde in Deutschland haben über mich gelacht», erinnert er sich. «Für mich war es eine sehr intensive Zeit. In einer fremden Sprache zu studieren ist noch mal etwas anderes. Es hat mir sehr viel an Lebenserfahrung gebracht».

Beginn im Nassauer Hof
Anschließend wollte er es dann wissen: War seine Entscheidung so abwegig, wie seine Freunde meinten? Er bewarb sich an allen deutschen Traditionshäusern und ließ sich diesmal Zeit. Nach zwei Monaten Vorstellungsgesprächen von Nord- bis Süddeutschland und in der Schweiz entschied er sich für den Nassauer Hof in Wiesbaden. «Ich hätte überall anfangen können», sagt er stolz. «Man war überrascht und angetan von meiner Geschichte.
Das Fünf-Sterne-Hotel Nassauer Hof stellte ihn als stellvertretenden Leiter für Roomservice ein. «Aber es war nicht mein Ding. Ein 160 Jahre altes Hotel, wo das Personal zum Mobiliar gehörte», erklärt er humorvoll. Dabei war er im Grunde schon wieder ungeduldig geworden und wollte wissen, wie seine Karriere weitergehen würde. Und der moderne US-amerikanische Stil lag ihm mehr als die europäischen Traditionen.
«Ich bewarb mich bei Hyatt. Sie boten mir Dubai und Köln an». Lorenz wollte noch ein wenig in Deutschland bleiben und wählte Köln, wo er als stellvertretender Restaurantchef anfing und dann den schönen Biergarten direkt am Rhein für eine Saison leitete.
Doch schon nach zwei Jahren trieb ihn das Fernweh wieder um. Er fand, dass er Australien aufgrund seiner Ausbildung etwas schuldig war und wurde in das Hyatt Ressort Queensland an der Sunshine Coast, eine Stunde von Brisbane entfernt, vermittelt. Seine Freundin bekam auch ein Arbeitsvisum, und die beiden lebten in einem Haus direkt am Strand. «Es war wie aus dem Katalog».
Die Arbeit hingegen hatte ihre Tücken. Marc Lorenz war in der weitläufigen Ferienanlage Chef mehrerer Restaurants und Bars: Bar des Golfclubs, Poolbar, Cocktailbar. Aus Köln war er es gewohnt, unter Zeitdruck und ziel- und sachgerecht zu arbeiten. Seine Kenntnisse schienen ihm in Australiens Surferparadies wenig zu nützen. Er war gerade 28 Jahre alt und erhielt nachhaltige Lektionen in interkultureller Kommunikation. «Ich musste lernen, es langsam angehen zu lassen. Meine Art war sehr direkt. Für die Leute dort war das Surfen am Morgen jedoch wichtiger als die Arbeit. Und wenn die Wellen am späten Nachmittag gut waren, eben auch. Ich musste also andere Wege finden und die Augen und Ohren aufmachen, um zu erfahren, was für die Leute wichtig ist. Wenn Surfen das Thema Nummer eins ist, dann muss ich davon etwas wissen.»

Ehrliches Interesse zeigen
«Es ist wahnsinnig wichtig, auf die anderen einzugehen, etwas über die Kultur zu lernen und ehrliches Interesse zu zeigen. Wenn ich in ein Land gehe, muss ich Lust auf das Land haben.» Lorenz spricht von Anpassungsprozessen und Lernphasen – die eigene Persönlichkeit angleichen, schließlich wolle man ja kein zweites Deutschland irgendwo anders. Über diese Herausforderung in Bezug auf Arbeitsprozesse erklärt er: »Was ich positiv beisteuern kann, muss für sich selbst sprechen».
Von der entspannten Sunshine-Küste wurde er nach 20 Monaten ins pulsierende Sydney geschmissen, ins kalte Wasser, wie er sagt: 16 bis 18 Stunden Arbeit täglich. Hyatt hatte ihn ins Managementprogramm aufgenommen, jetzt sollte er zeigen, was er als stellvertretender Wirtschaftsdirektor am Kings Cross leisten konnte.
«Das war ein cooles Restaurant, dort konnten die Kellner Tätowierungen haben». Da die Hyatt-Kette selbst nicht Eigentümerin der Hotelgebäude ist, kam es dazu, dass der Besitzer in Sydney sein Hotel zurück verlangte. Marc Lorenz kam auf diese Weise nach Adelaide in Südaustralien, eine Hochburg für internationale Kulturfestivals, in dem das Hyatt direkt neben dem Kulturzentrum lag und die Eröffnungscocktails für sämtliche Theaterkompanien und Symphonieorchester ausstattete. «Ich zehre noch heute von dieser Zeit – Ballett, Oper, Theater, ich konnte zu jeder Eröffnung gehen».
Doch nun wollte er das Land wechseln. Er ging nach Indonesien, nach Surabaya, einer exotischen Hafenstadt auf Java. Dort war er Wirtschaftsdirektor im Hyatt. Doch nach zehn Jahren kam er bei seinem Arbeitgeber nicht weiter. Also nahm er ein Angebot der Starwood-Gruppe an, der Kette, zu der unter anderem die W-Hotels und das Sheraton gehören. Mit Starwood kam er nach Kuala Lumpur, der Hauptstadt von Malaysia. Dort lernte er seine Frau kennen, eine Kanadiern, die Verkaufs- und Marketingchefin im selben Hotel war.
Zwei Jahre arbeiteten sie beide dort, bis sie für ein bekanntes Pärchen ein neues aufregendes Projekt in Marbella, Spanien, in Angriff nahmen: ein ultraschickes chinesisches Restaurant mit edlem Showroom. Das Projekt lief nicht, wie sie es sich vorgestellt hatten, dafür haben Marc Lorenz und seine Frau Tami Südspanien aus einem anderen Grund in guter Erinnerung: Sie haben dort geheiratet.
Nach einem Abstecher nach Hongkong kam das Paar 2006 zum ersten Mal nach Chile und Marc Lorenz als stellvertretender Direktor zurück zu Hyatt. In Chile wurden die beiden Töchter geboren: 2007 Talia und 2009 Soraya.
Dennoch blieb die Familie nicht hier. Eigentlich sollte Marc Lorenz Generalmanager eines neuen Hyatts in Viña del Mar werden. Das Projekt verzögerte sich jedoch, weshalb die Familie 2010 nach Kalkutta ging. «In Indien gibt es wirklich nur zwei Optionen: entweder man liebt es oder man hasst es. Wir haben es sehr geliebt. So herzlich wie dort sind wir noch nirgendwo empfangen worden. Wir haben uns dort sehr engagiert», erzählt Lorenz.

Der Gast ist König
So sehr sie die Zeit dort geliebt haben, zwang sie die Familiensituation dazu, andere Prioritäten zu setzen. «Thalia wurde eingeschult, und wir haben gesagt, dass wir dann vier bis fünf Jahre an einem Ort bleiben. So mussten wir 2013 weiterziehen.»
Nun kam aus Chile das passende Angebot: Generaldirektor des Hyatt Santiago. «Ich habe gedacht, ich kenne die Chilenen ja schon». Dennoch war es diesmal nicht wie beim ersten Mal in Chile. Die Personalführung erforderte sein ganzes seit der Sunshine-Küste angeeignetes Können in interkulturellem Management. «In einem Fünf-Sterne-Hotel ist der Gast König, und die Angestellten müssen Bescheidenheit zeigen». Nach Lorenz Erfahrung kann dies in Asien vielleicht schon in der DNA angelegt sein, in Chile eher nicht. Deshalb zählt auch hier wieder, was er in Australien in seinen ersten Berufsjahren gelernt hat: Der Chef muss sich wirklich für das interessieren, was seinen Mitarbeitern passiert. Und dann das vorleben, was er von seinen Mitarbeitern erwartet. So zeigt er sich bei seinen Leuten: den Gästen zugewandt, freundlich, bescheiden – auch als Generalmanager.
Bei seinen Mitarbeitern in Santiago kommt das inzwischen an. Der Chef hält keine Moralpredigten, er lebt vor. So auch an diesem sonnigen Vormittag noch: Das Hyatt in Buenos Aires hat das Schwesterhotel in Santiago herausgefordert: Bei der Spendenkampagne «Ice Bucket Challenge» (Eiskübel-Herausforderung) soll man sich einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf gießen und Geld spenden, um mit dieser Aktion auf die Nervenkrankheit ALS aufmerksam zu machen. Marc Lorenz ist der erste seiner Belegschaft, der sich am blauen Pool mit den nasskalten Fluten überschütten lässt.

Petra Wilken

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