Mehr als 1.300 Kilometer per Raddurch das «Auf- und Ab-Land»

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Der deutsche «Unruheständler» – wie sich Alfons Sagenmüller selbst bezeichnet – ist im November und Dezember 2015 mit dem Fahrrad von Puerto Montt bis Constitución gefahren. Mehr als 1.300 Kilometer hat er dabei an 28 Reisetagen in diesem «Auf- und Ab-Land» zurückgelegt, wie er Chile auf seiner Reise aufgrund seiner sehr unruhigen Topografie genannt hat.

Von Petra Wilken

Die Tour war für den Mitsechzigjährigen nicht nur ein sportliches Ereignis, sondern gleichzeitig ein kulturelles, weshalb er sie sie unter den Titel «Auf den Spuren der deutschen Einwanderer» stellte. Seine Erlebnisse und Eindrücke hat er in ausführlichen Reiseaufzeichnungen festgehalten, die er regelmäßig von unterwegs per E-Mail an eine Leserschaft von knapp hundert Personen aus dem Freundes- und Familienkreis in Deutschland geschickt hat. Gerne würde er eine Gruppe dafür begeistern, eine verkürzte Variante seiner Tour Ende des Jahres mit ihm zu fahren. Er hofft, seine Freunde mit seinen Berichten über Kurioses und Interessantes über Chile und aus der Geschichte der deutschen Einwanderer in dem ‚Land am Ende der Welt‘ dafür begeistern zu können.
Für den Diplom-Agraringenieur, der 30 Jahre lang in der chemischen Industrie in Deutschland gearbeitet hat, ist diese Reise ein Stück Aufarbeitung historischer Spuren, mit denen er sich selbst verbunden fühlt. Er ist mit einer Chilenin verheiratet, die wiederum familiär mit der deutschen Einwanderung in Berührung gekommen ist: Ihre Schwester hatte einen deutschen Mann geheiratet, dessen jüdischer Vater während der Nazizeit aus Dresden nach Chile geflüchtet war. Er selbst emigrierte mit seiner Mutter nach Ende des Krieges nach Chile. In den 1970-er Jahren ging er mit seiner Familie zwecks Promotion zeitweilig zurück nach Deutschland, und er ließ seine Schwägerin nachkommen, damit diese eine Ausbildung in Deutschland absolvieren konnte. «So haben sich unsere Wege gekreuzt», erzählt Alfons Sagenmüller.
1978 reiste Sagenmüller zum ersten Mal mit seiner Frau für einen achtwöchigen Urlaub nach Chile. Es wurde eine abenteuerliche Reise, da sie mit dem Zeitpunkt zusammenfiel, als es im Beagle-Konflikt zur argentinischen Kriegsandrohung gegenüber Chile gekommen war. Die Sagenmüller kamen am 20. Dezember mit dem Flugzeug in Buenos Aires an. Sie wollten mit dem Zug über die damals noch bestehende internationale Verbindung via Mendoza nach Chile einreisen. Doch in Mendoza angekommen, war die Grenze am frühen Morgen des 21. Dezember geschlossen. Vor die Wahl gestellt, die Tage über Weihnachten in Mendoza zu verbringen oder mit dem Flugzeug nach Buenos Aires zurückzureisen und von dort aus nach Chile kommen, entschieden sich beide für diese Alternative. Die Reise in Chile war immer von dem latenten Konflikt begleitet. In San Pedro de Atacama war sogar Vorsicht wegen Landminen angesagt. Dennoch hatte es das Land Alfons Sagenmüller angetan.
Damals habe er zwei einschneidende Erlebnisse gehabt: In Isla Teja in Valdivia fragte ihn eine ältere Dame deutscher Abstammung, ob er Reichsdeutscher oder Volksdeutscher sei. Er habe sein ganzes Geschichtswissen bemühen müssen, um die Frage zu beantworten. Die Unterscheidung sei unter Adolf Hitler gemacht worden. Ja, er sei Reichsdeutscher, hat er ihr geantwortet, da er in den Grenzen des damaligen Reiches wohne. Das zweite Erlebnis war in Angelmo, wo ihm ein Chilene sagte: ‚Ihr Deutschen seid ein komisches Volk. Einerseits habt Ihr bemerkenswerte Erfolge, anderseits räumt ihr alles wieder ab‘.
Auch hat es ihn beeindruckt, dass zur Einweihung des Einwanderdenkmals am Llanquihuesee 1977 Franz Josef Strauß nach Chile gereist sei. «Er hat als einziger deutscher Politiker Rückgrat bewiesen», so Sagenmüller. Seitdem habe er sich latent mit der Geschichte der deutschen Einwanderung befasst. Nach 1978 ist er mit seiner Frau und den drei Kindern etwa alle drei Jahre immer wieder nach Chile gereist. Außerdem machte er 2009 mit einem Bekannten eine vierwöchige Motorrad-Tour durch Chile und Argentinien über mehr als 9.000 Kilometer.
Doch die jetzige Fahrrad-Tour war ein ganz anderes Erlebnis. Dabei ist der heutige freie Berater für integrierte Schädlingsbekämpfung gar kein großer Radsportler. Vielmehr ist er sportlicher Läufer mit Marathonerfahrung, was natürlich dazu beigetragen hat, dass er die Radstrecken von 55 Kilometern und mehr pro Tag gut überstanden hat. «Erschwerend waren die 20 Kilogramm Gepäck auf dem Rad und die sehr unruhige Topografie in diesem Auf- und Ab-Land. Deshalb wurde die Fahrt an den Steigungen manchmal zu einer Wandertour. Aber auch das Schieben bei hohen Temperaturen war nicht ohne».
Gestartet ist er in Puerto Montt, wo er wie in früheren Jahren den Deutschen Verein besucht hat. Weiter ging es unter anderem zur Feuerwehr nach Llanquihue, dem Deutschen Museum in Frutillar, dem Hotel Hase in Puerto Octay, der Emil-Held-Abteilung im Museum in Osorno, dem Phoenix-Ruderklub in Valdivia und zur Grollmus-Mühle in Contulmo. Überall knüpfte er Kontakte mit Deutschstämmigen, um sie für zukünftige Fahrradtouren auf den Spuren deutscher Einwanderer als Ansprechpartner zu gewinnen.
Weitere Stationen auf seiner Tour waren Panguipulli, Licanray und Villarrica. Zwei Tage blieb er in Temuco, wo er einen alten Freund aus der gemeinsamen Universitätszeit besuchte. Dann ging es über Chol-Chol und Galvarino in Mapuchegebiet. «Jetzt wird es gefährlich», ist er gewarnt worden. Doch er habe nur eine einzige Mapuche-Frau gesehen, und sie habe ihn sehr freundlich gegrüßt.

Überhaupt sei er als Radfahrer von den Chilenen freundlich und rücksichtsvoll behandelt worden. Vielleicht lag es auch an der deutschen Fahne, die er gut sichtbar am «Heck» angebracht hatte und die zu interessanten Hup-Signalen geführt hätten. Einmal Hupen habe ‚Vorsicht, Auto‘ bedeutet, zweimal Hupen ‚Hallo‘ und ganz viel Hupen hintereinander schiere Begeisterung für seine Unternehmung.
Von Contulmo ging es weiter nach Lota, Coronel und Concepción. Wegen des Weihnachtsfestes unterbrach er seine Fahrt für drei Tage. Das Fahrrad blieb in Concepcion, und er fuhr an Heiligabend mit dem Bus nach Santiago, um dort das Weihnachtsfest mit seinen Töchtern zu feiern, die seit einiger in Santiago leben. Nach Weihnachten wollte er von Concepcion nach Colemu weiterfahren und verfuhr sich. Er landete in Quillón. Dann schloss sich eine «Gewalttour» von 112 Kilometer über Quillón und Quirihue nach Cobquecura an. Er war jetzt in Termindruck gekommen, denn er wollte Silvester mit einer Tochter und ihrem Mann in Pichilemu verbringen. Etwas erschöpft, aber dennoch planmäßig kam er am 30. Dezember in Constitución an. Am 31. ging es per Bus nach San Fernando, wo er von seiner Tochter und ihrem Mann mit dem Auto abgeholt wurde. «So ging eine großartige Tour zu Ende», berichtet er.
Für die Radtour, die er Freunden und Bekannten schmackhaft machen möchte, sollen die Tagesstrecken und die gesamte Route weniger anstrengend ausfallen. «Lieber ein bisschen weniger Fahrrad fahren, dafür aber eine Kombination mit Begegnungen zur deutschen Einwanderergeschichte und vielleicht auch eine Besteigung des Vulkan Villarica und eine Bootsfahrt über den Lago Todos Los Santos mit seiner beeindruckenden Kulisse. Eine Kombination aus Sport, Natur und Kultur», fasst er das Konzept zusammen. Zwei bis drei Wochen soll die Tour dann dauern – Auf den Spuren der deutschen Einwanderer.

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