Dr. Martin Thiel, Meeresbiologe an der Universidad Católica del Norte, Coquimbo

«Zwei Tage nur über Müll geredet»

Meeresbiologe Martin Thiel begrüßt das neue Verbot von Plastiktüten in Chile. Foto: Patricio Mercado
Meeresbiologe Martin Thiel begrüßt das neue Verbot von Plastiktüten in Chile. Foto: Patricio Mercado

 

Martin Thiel (55) würde sich liebend gern mehr mit Krebstieren und Seevögeln beschäftigen. Doch stattdessen gründete er vor zehn Jahren in Chile die «Científicos de la Basura», ein landesweites Schüler-Forschungsprojekt für Plastikverschmutzung an den Küsten. «Ich bin nicht Meeresbiologe geworden, um Müll zu erforschen», sagt er. Doch in seinem Beruf kommt man um die Müllfluten der Meere nicht mehr herum.

 

Von Petra Wilken

Als kleiner Junge liebte es Martin Thiel, im Urlaub an der Ost- oder Nordsee Schätze am Strand zu suchen. Das Allergrößte war es, versteinerte Seeigel zu finden. «Strandläufer ist mein liebstes Hobby», erzählt der deutsche Wissenschaftler. Seinen Zivildienst absolvierte er auf einer Schutzstation im Schleswig-Holsteinischen Wattenmeer. «Die anderen Zivis waren hochprofessionelle Biologen. Die konnten anhand einer Unterarmschwinge die Vogelart bestimmen», erinnert er sich. Da wusste er, dass er Meeresbiologe werden wollte. Er studierte in Kiel und machte anschließend seinen Doktor an der Universität von Maine in den USA.

1998 kam er mit einem Post-Doc-Job nach Chile an die Universidad Católica del Norte (UCN) in Coquimbo. Das Thema waren treibende Algen wie Cochayuyu, die mit ihren gasgefüllten Geweben im Meer strömen. Um sie zu erforschen, fuhr er mit einem Schiff in Arica raus. «Wir waren zu dritt, einer guckte links, einer rechts und einer geradeaus. Wir stellten fest – hier treibt ja überall Müll im Meer! Wir müssen auch den Müll aufschreiben». Seitdem hat ihn das Thema Plastikverschmutzung nicht mehr losgelassen.

 

Müll an 69 Stränden zusammengetragen

Im Jahr 2007 gründete er an der UCN die Científicos de la Basura, ein landesweites Schüler-Forschungsprojekt über die Plastikverschmutzung an den Küsten. Die Schüler säubern nicht nur die Strände, sondern liefern mit ihren Aktionen wichtige Erkenntnisse darüber, wo welche Art von Abfall in welchen Mengen an den Küsten vorhanden ist.

So haben die jugendlichen Müllwissenschaftler in drei großen Forschungsaktionen 2008, 2012 und 2016 Daten geliefert. 3.551 Schüler von 99 Schulen haben mitgemacht, den Abfall an 69 Stränden des ganzen Landes zusammengetragen und nach Papier, Zigarettenkippen, Plastik, Metall und Glas sortiert. Ihr Ergebnis: An erster Stelle stehen Plastik und Zigarettenkippen. Antofagasta erwies sich als Region mit der größten Verschmutzung der Strände. Dort wurden 13 Müllteile pro Quadratmeter gefunden, das ist fünfmal so viel wie in Los Lagos und Coquimbo.

Inzwischen hat sich das Bundesministerium für Bildung und Forschung die Científicos de la Basura zum Vorbild genommen und 2016 die «Plastikpiraten» ins Leben gerufen. Ihr Einsatzgebiet sind bisher allerdings nicht die deutschen Meeresküsten, sondern die Flussläufe. Dort haben die jugendlichen Forscher zuletzt 2017 eine Fläche von rund 16.600 Quadratmetern abgegrast und im Schnitt 0,66 Müllteile gefunden. Was sie gefunden haben, unterscheidet sich kaum vom chilenischen Abfall: Auch in Deutschland steht mit 30 Prozent Plastik an erster Stelle, gefolgt von Zigarettenstummeln und Glas.

 

Müllstrudel rund um die Osterinsel

Neben seiner Arbeit als Professor an der UCN und den Aktionen mit Schulen gehört Martin Thiel zudem zum Forschungsteam ESMOI (Núcleo Milenio Ecología y Manejo Sustentable de Islas Oceánicas), das unter anderem die Gewässer um die Osterinsel und den Juan-Fernández-Archipel erkundet. Was er über die Osterinsel erzählt, scheint aus einem Horrorfilm zu stammen: Die südpazifische Wirbelströmung bildet einen riesigen Strudel aus Müll, und die Osterinsel liegt genau im Zentrum. In dem klaren Meereswasser um die Osterinsel herum gibt es eine riesige Ansammlung von zerfallendem Abfall, den sogenannten Mikroplastikteilchen.

«Der Plastikmüll zerbröselt und daraus entsteht eine Suppe aus vielen kleinen Mikroplastikteilen. Da Plastik viele verschiedene Farben und Formen hat, verwechseln viele Organismen es mit ihrer Nahrung. Ein Fischer von der Osterinsel hat uns die Mägen von Fischen überlassen. Bei der Untersuchung der Mageninhalte haben wir festgestellt, dass die natürliche Nahrung aus blauen Krebstieren besteht. Das hängt wiederum damit zusammen, dass das Wasser dort so klar ist. Wieso passiert es aber, dass sie Plastik schlucken? «Fische sind ja nicht blöd, sie haben eine Millionen Jahre lange Evolution hinter sich», so Thiel.

Im Laborversuch an einem größeren Speisefisch hat sich bestätigt, dass die Fische Plastik aufgrund von Farben aufnehmen. Wenn sie nur Plastik aufgenommen haben, spucken sie es wieder aus, aber wenn das, was sie aufgenommen haben, mit natürlicher Nahrung vermischt ist, dann schlucken sie es runter.

Martin Thiel erzählt von seinen Forschungen beim Kaffee im Flughafen Pudahuel, wo er gerade einen kurzen Stopp hat, um zu einem internationalen Wissenschaftskongress für Meeresökologie in die USA weiterzufliegen. Zuerst waren wir in einem Café verabredet, in dem es derzeit wegen Umbau jedoch nur Plastikbecher gibt. Thiel macht sofort auf den Fersen kehrt und sucht eine Alternative mit richtigen Tassen. Er hat zu viel Plastikverschmutzung gesehen, als dass er eine Einwegverpackung akzeptieren würde, wenn er sie vermeiden kann. «Es ist ein ganz effektives Umdenken in Politik und Wirtschaft nötig, sonst werden wir es bis zum Lebensende mit Plastik in den Meeren zu tun haben!», meint er. «Und werden es nicht wegkriegen», fügt er etwas resigniert hinzu.

«Ich komme gerade von vier Talks über Meeresökologie und habe nichts als Müll geredet. Ich bin es leid». Was ihn positiv stimmt, ist das neue Verbot von Plastiktüten überall in Chile. Es ist ein guter Start und lässt ihn hoffen, irgendwann wieder Krebsgetier oder Algen erforschen zu können.

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