Martin Frederick, ehemaliger Trainer der chilenischen Nationalmannschaft im Bogenschießen

«Chile ist in der Weltrangliste ordentlich nach oben geklettert»

Martin Frederick, ehemaliger Trainer der chilenischen Nationalmannschaft im Bogenschießen
Martin Frederick, ehemaliger Trainer der chilenischen Nationalmannschaft im Bogenschießen

 

Kurz vor seinem Abflug empfängt Martin Frederick (49) den Cóndor zwischen gepackten Taschen, um Resümee zu ziehen, bevor er sich in ein neues Land aufmacht. Sechseinhalb Jahre hat der Deutsche die chilenische Nationalmannschaft im Bogenschießen trainiert.

 

Von Petra Wilken

Die Präzisionssportart mit Pfeil und Bogen gehört seit 1972 zu den olympischen Sportarten. In letzter Zeit ist sie weltweit immer beliebter geworden. Wer sie als Leistungssport ausüben will, braucht ein hohes Konzentrationsvermögen, psychische Ausgeglichenheit, eine gute technische Auffassungsgabe und eine gehörige Portion Kraft. Letztere ist notwendig, da Männer mit dem technologisch hochentwickelten Sportgerät bei jedem Schuss 23 Kilogramm bewegen, Frauen immerhin noch 18 Kilogramm. Bei einem Training ist es üblich, dass 300 Schuss abgegeben werden.

Das Einstiegsalter in diesen Leistungssport ist deshalb höher als zum Beispiel beim Schwimmen oder Eiskunstlaufen, das zwischen fünf und sieben Jahren liegt. Beim Bogenschießen liegt es bei zwölf Jahren. Martin Frederick jedoch war erst sieben, als er Pfeil und Bogen in die Hand bekam. Seit 42 Jahren ist er jetzt eng mit ihnen verwachsen, zuerst als Leistungssportler und dann als Trainer. In Deutschland hat er den höchstmöglichen Posten erreicht: Zwischen 2005 und 2010 war er Chefbundestrainer für Erwachsene und gleichzeitig auch für die Nachwuchsentwicklung zuständig.

 

Keine Teilnahme an den Olympischen Spielen

Frederick ist im Ostberliner Pankow geboren und aufgewachsen. Da in der leistungsport-orientierten DDR nur die Sportarten gefördert worden seien, in denen viele Medaillen gewonnen werden konnten, hatte er nicht das Glück, zu Europa- oder Weltmeisterschaften zu reisen. «Uns Bogenschützen war es nicht vergönnt, an den Olympischen Spielen teilzunehmen», erzählt er. Er war 22, als die Mauer fiel und sich dies änderte. 

Er entschied sich für eine Karriere als Trainer und begann beim SG Bergmann-Borsig, einer der größten Sportvereine in seinem Berliner Bezirk Pankow. Dieser wurde Mitte der 90-er Jahre leistungsstärkster Verein im Nachwuchsbereich und gewann später bei den Olympischen Spielen 1996, 2000 und 2004 Silber- und Bronzemedaillen. Daraufhin wurde er hauptamtlicher Trainer für ganz Berlin, womit er das Bogenschießen zu seinem Beruf machte. Im Jahr 2000 wurde er Bundestrainer für den Nachwuchs, und 2005 berief ihn der Deutsche Schützenbund zum Chefbundestrainer für die erwachsenen Bogenschützen.

In den deutschen Schützenvereinen üben 30.000 Mitglieder die Schießsportvariante mit Pfeil und Bogen aus. In Chile sind lediglich 400 Bogenschützen im Verein. «Bei 30.000 ist es natürlich einfacher, ein Talent zu finden», meint Martin Frederick. Trotzdem stehen die Chilenen den Deutschen gar nicht viel nach. «In den sechseinhalb Jahren ist Chile in der Weltrangliste ordentlich geklettert», erklärt Frederick. Auf dem Kontinent liegen die männlichen Bogenschützen nach den USA und Kanada auf Platz 3. In einigen Weltcupveranstaltungen gehörten sie zu den Top 10. «Im Männerbereich haben wir Kontakt an die Weltspitze», betont der Trainer.

 

«Damit haben wir Geschichte geschrieben.»

Er blickt mit Stolz und Genugtuung auf seine Zeit in Chile zurück. Die Chilenen hatten ihn angefragt, nachdem eine Bogenschützin im Rahmen des Programms «Olympische Solidarität» 2010 bei ihm trainiert hatte. 2011 stellte ihn die Federación Chilena de Tiro con Arco (FECHTA) als Cheftrainer ein.

Wenige Monate später gewann Denisse Van Lamoen die Weltmeisterschaften im italienischen Turin. «Damit haben wir Geschichte geschrieben. Für Chile war es die erste Goldmedaille einer Frau in einer olympischen Sportart bei einer WM», erzählt er. Prompt wurde Denisse Van Lamoen 2011 zur Sportlerin des Jahres gewählt, und er zusammen mit Jorge Sampaoli zum Trainer des Jahres.

2016 in Rio 2016 qualifizierte sich zum ersten Mal ein männlicher Bogenschütze für die Olympischen Spiele: Ricardo Soto war mit 16 Jahren der jüngste Bogenschütze in Rio und der jüngste Sportler der Delegation unter chilenischer Flagge bei diesem sportlichen Großereignis. Er schaffte den 9. Platz. Für Frederick steht der Erfolg von Ricardo Soto für das, was er seiner Meinung nach am besten kann und bei seiner Arbeit in Chile geleistet hat: Strukturen aufbauen.

 

Strukturen aufbauen, Trainer ausbilden, Teamarbeit

«Ricardo Soto stammt aus Arica. Ich habe mich darum bemüht, Strukturen auch in den Regionen aufzubauen», betont er. Neben der Talentsuche beinhalte das auch Trainerausbildungen und Teamarbeit, um eine neue Generation junger Athleten in Chile aufzubauen.

Martin Frederick weiß, dass die Familien in Chile selbst einen großen Beitrag leisten müssen. Sportförderung gibt es wenig. Doch er geht mit dem Gefühl, dass Chile im Bogenschießen inzwischen gut aufgestellt ist, auch wenn bei den Frauen noch einiges zu leisten sei. «Chile ist mehr oder weniger fertig mit Strukturen», meint er und erwähnt den offiziellen Status als «Federación Deportativa Nacional», den die Fechta 2016 erlangte. «Mein Kollege, der Kubaner Ricardo Baños, wird die Arbeit weiterführen. Wir waren ein gutes Gespann», findet er.

Er selbst sitzt auf gepackten Koffern nach Berlin zurück, wo er eigentlich nie weg wollte, weil es einfach seine Stadt sei. Doch von dort aus wird er sich nach einem neuen Platz in der Welt umgucken. «Die Asiaten sind die besten im Bogenschießen – Indien, Japan, China. Doch die unangefochtene Nummer eins ist Südkorea», erzählt er. Er sieht sich jedoch eher in Bhutan. «Ich weiß inzwischen, wo meine Stärke liegt. Das ist im Aufbau von Strukturen». Das kleine Königreich zwischen Indien und Tibet hat Bedarf signalisiert.

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One Comment

  1. Er hat den Weg bereitet, so was ist vorbildlich und wünschenswert auch für viele weitere Bereiche

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