Markus Scholz – Völkerkundler und Historiker

Geschichte greifbar machen

Markus Scholz

«Siehe zu, mein Schatz, wo du ein paar Reales kannst dir borgen. In Kürze schicke ich dir genug…. Bitte Herrn Bersin darum, die Kinder in die Schule zu nehmen…auch hier findet man deutsche Tischler, wo es Ruhe und Brodt auch Schnaps zum Frühstück giebt.» Zeilen aus einem Brief eines deutschen Einwanderers und Pianisten vom 13. Mai 1873 in Talca an seine Familie.

Von Silvia Kählert

Die Ururenkelin des Verfassers bat im Februar Markus Scholz um die Übersetzung. «Es ist super spannend einen Einblick in die schwierigen Lebensumstände eines deutschen Einwanderers zu bekommen», erklärt der Völkerkundler. Das Gesicht des Mannes erhellt sich sichtlich, als er über diesen besonderen Fund erzählt. Markus Scholz klappt ruhig seinen Laptop auf. Auf dem Bildschirm steht der Originaltext in der verschnörkelten, kaum zu entziffernden Kurrentschrift. «Erst musste ich mich in die Schrift reinfuchsen. Dann erfolgte die Transkription, das heißt die möglichst genaue Wiedergabe des Textes Wort für Wort.»

Im Leben des deutschen Wissenschaftlers gibt es vieles, was ihn mit diesem Brief als Zeugnis der Geschichte Chiles verbindet. Es fing damit an, dass er als Schüler des Wiesbadener Leibniz-Gymnasiums als dritte Fremdsprache Spanisch wählte. «Eine Lehrerin stammte aus Argentinien. Das verschaffte mir ein breiteres Bild der spanischen Sprache», erkennt er im Nachhinein. Nach Abitur und Zivildienst entschied der junge Mann daher aus Fernweh, 2002 für drei Monate den Süden Chiles zu bereisen.

Völkerkunde und Romanistik an der Universidad de Chile

Das zweite Mal kam er 2005 nach dem Grundstudium an der Universität Frankfurt für ein ganzes Jahr zurück in das ihm inzwischen lieb gewordene Land. Dieses Mal als Student der Völkerkunde und Romanistik an der Universidad de Chile in Santiago. «Dort fand ich einen Tandem Partner. Er brachte mir die chilenischen Begriffe bei, ich half ihm mit Deutsch.» Alles in allem ein sehr prägendes Jahr für ihn, denn: «Fünf Tage vor Abflug begann ich mit meiner späteren chilenischen Frau Bessy auszugehen.» Inzwischen hat das Paar den vierjährigen Sohn Mateo.

Thema seiner Abschlussarbeit waren die Mapuche. Eine gute Gelegenheit wieder ein Semester für Feldforschung in Chile zu verbringen: «Ich führte Gespräche mit verschiedenen Mapuches. Außerdem wertete ich Pressemitteilungen verschiedener Mapuche-Organisationen aus, um ihre Identität und ihre Sichtweise auf die chilenische Gesellschaft zu analysieren. Wesentlich für sie sind bis heute ihre Sprache und Kultur, aber auch ihre Verbundenheit mit dem Land.»

Geschichte Lateinamerikas

Seine Doktorarbeit an der Universität Heidelberg schrieb er über einen Teil der Geschichte Lateinamerikas: «Die Franziskaner als Missionare im kolonialzeitlichen Peru». Anders als die Jesuiten sei dieser Orden nicht so straff organisiert gewesen und habe nicht alles so gewissenhaft dokumentiert. Die demütigeren Franziskaner gingen einfühlsamer vor, erklärt der Völkerkundler: «Als Bettelmönche waren sie bisweilen toleranter gegenüber indigenen Traditionen.»

Eine ganz neue Herausforderung verschlug Markus Scholz 2014 in den Norden Deutschlands. Im Übersee-Museum in Bremen erarbeitete er als Teil des Kuratorenteams die neue Dauerausstellung «Amerika». Eine Aufgabe ganz im Sinne von Scholz: «Das war für mich eine Gelegenheit, meine Kenntnisse von Lateinamerika einem breiteren Publikum näher zu bringen.» Das ließ sich mit einer Reise in das Heimatland seiner Ehefrau verbinden. «Für das Museum erwarb ich in Santiago chilenische Trachten». Insbesondere die typische Huaso-Bekleidung vom Hut über den Poncho bis zu den Reitsporen stand auf der Einkaufsliste.

Kulturgeschichte im Museum

In Bolivien beschaffte er Kostüme der Diablada, des Tanzes der Teufel. «Der Tanz erzählt vom Kampf zwischen Gut und Böse. Die Teufel symbolisieren die sieben Todsünden, gehen aber ursprünglich auf andine Gottheiten zurück, die weder absolut böse noch absolut gut sind.» Die Mischung aus Katholizismus und örtlichen Traditionen beim Karneval von Oruro zeige den Museumsbesuchern einen faszinierenden Teil von Lateinamerika, erklärt Scholz. Es habe ihm viel Spaß gemacht, «Kulturgeschichte im Museum greifbar zu machen.»

Nachdem die Ausstellung 2016 eröffnet worden war, beendete Scholz die Arbeit in Bremen. Nun hat der Lateinamerika-Kenner eine neue Aufgabe für sich gefunden. «Ich möchte eine Missionssammlung der bayrischen Kapuziner erforschen, die ab 1896 in der Araukanie tätig waren». Für moderne Museen ist es wichtig zu wissen, wie die Ausstellungsstücke erworben wurden und dies auch der Öffentlichkeit erklären zu können. Diese Keramiken, Webarbeiten, Silberschmuck-Objekte und vieles mehr stammen von den Mapuche aus der Gegend zwischen Temuco und Valdivia. Bekannt sei vor allem der Kapuziner Felix José de Augusta für seine Grammatik und sein Wörterbuch des Mapudungun, berichtet der Völkerkundler. Die Objekte befinden sich im Museum Fünf-Kontinente in München. «In diesem Projekt fließt alles zusammen, was ich bisher gemacht habe: meine Kenntnisse über die Mapuche, über die Missionsarbeit der Mönche in Südamerika und die Museumserfahrung», erklärt begeistert Scholz. Er hat bereits einen Antrag bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft gestellt.

Auch mit der Transkription des rund 140 Jahre alten Briefes knüpft Scholz an seine Arbeit im Bremer Museum an:«Bremen war über Jahrzehnte hinweg der wichtigste Hafen für deutsche Auswanderer nach Übersee.» Da sein Augenmerk darauf liegt, Geschichte begreifbar zu machen, freut sich der Wissenschaftler über die Wirkung des Textes: «Meine Auftraggeberin hat nun etwas über ihre ganz persönliche Familiengeschichte erfahren. Man hat gemerkt, dass sie stolz, aber auch gerührt war. Die eigenen Wurzeln verraten auch etwas über sich selbst.»

Print Friendly, PDF & Email

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.