Auf dem Landsitz wurde die Liebe zur Musik gesät

Magdalena von Oepen Münnich, Psychologin

Magdalena von Oepen
«Ich habe meine ersten Jahre zwischen Schafen und Kühen verbracht», erzählt Magdalena von Oepen im Cóndor-Gespräch.

 

Heinz von Oepen gehörte zu den deutschen Einwanderern, die in den 1920er Jahren ihr Glück in Chile suchten. Er heiratete eine Deutsch-Chilenin, die aus zwei bereits seit Langem im Land etablierten Familien stammte. Er fand das Glück. Magdalena ist das letzte von fünf Kindern des Ehepaares.  

 

Von Petra Wilken

Im Jahr 1928, als die Weltwirtschaftskrise auf ihren Höhepunkt zuging und in Deutschland große Arbeitslosigkeit herrschte, schiffte sich Heinz von Oepen nach Chile ein. Er stammte aus Westfalen, war gerade mal 20 Jahre alt und setzte alles darauf, sein Glück woanders zu suchen.

In Valparaíso lernte er Gertrud Münnich Kunstmann kennen. Ihre Vorfahren gehörten zu den alteingesessenen deutschen Einwanderern in Chile: die Familie Kunstmann, die sich 1850 in Valdivia niedergelassen hatte und die Münnichs, die in Valparaíso sesshaft geworden waren. Der Großvater hatte dort die Apotheke Münnich gegründet, die es bis heute in der Avenida Pedro Montt gibt, und ihr Vater, Dr. Guillermo Münnich, war Chirurg am Deutschen Hospital in Valparaíso. Er erklärte seinem Schwiegersohn in spe, dass er zunächst eine Ausbildung bräuchte und schickte ihn nach Patagonien, um die Schafzucht zu lernen.

Aufgrund des Nachnamens könnte man meinen, dass Heinz von Oepen adeliger Abstammung war. «Ich weiß nicht, wo das Von herkam», meint jedoch Magdalena von Oepen. «Soweit ich weiß, war mein Großvater Maler. Also Anstreicher, nicht Künstler», stellt sie klar. Wie dem auch sei, Heinz von Oepen machte seine Sache gut und so übergab ihm sein Schwiegervater Ländereien in Puchuncaví in der Nähe von Quintero in der Region Valparaíso.

«Ich habe meine ersten Jahre zwischen Schafen und Kühen verbracht», erzählt Magdalena von Oepen. «Weil ich das letzte von fünf Kindern war, fiel es meiner Mutter schwer, sich von mir zu trennen. Sie gab mir Unterricht in Lesen, Schreiben und Rechnen, und ich bin erst in die dritte Klasse eingeschult worden».

Wie ihre drei Schwestern und ihr Bruder besuchte sie die Deutsche Schule auf dem Cerro Concepción in Valparaíso und wohnte bei den Großeltern auf dem  Cerro Alegro nahe des Deutschen Hospitals, wo sie geboren worden war und ihr Großvater arbeitete. «Die Ferien habe ich mit meinen Geschwistern und vielen Cousins und Cousinen auf dem Land verbracht. Da ging es immer hoch her. Zuhause wurde sehr viel Musik gemacht. Wir vier Mädchen haben alle Klavierunterricht bekommen. Mein Bruder sollte Geige lernen, aber er hat es bald aufgegeben».

Die Ländereien wurden nachher zum großen Teil enteignet, aber das Gutshaus konnte die Familie behalten. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte Magdalena schon ihr eigenes Leben aufgebaut. Es war in ihrer Generation noch nicht sehr verbreitet, dass Frauen an die Uni gingen. Anfang der 40er Jahre geboren, studierte sie ab 1960 Psychologie an der Universidad de Chile. «Ich habe in zwei Etappen studiert. Im dritten Studienjahr habe ich geheiratet, und als die Kinder kamen, habe ich zehn Jahre lang ausgesetzt. Als mein jüngster Sohn in die Schule kam, habe ich das Studium wieder aufgenommen. Den Titel habe ich erst bekommen, als ich 39 Jahre alt war», erzählt sie.

Unter den Fachrichtungen in klinischer Psychologie, auf die sich die Studierenden damals an der Universidad de Chile spezialisieren konnten, wählte sie die Gestalttherapie. «Sie ist sehr natürlich und logisch. Mir gefiel, dass man den Patienten nichts einbläut, sondern dass sie alleine entdecken, was mit ihnen ist. Wie Fritz Perls sagt, es geht darum, dass sie sich auf ihre eigenen Beine stellen. Da ist auch die Idee vom Hier und Jetzt. Es steht nicht an erster Stelle das, was  passiert ist, sondern was man selber daraus macht. Das Gefühlsleben und das Körperbewusstsein sind in der Gestalttherapie sehr wichtig, weil sie dem Patienten ermöglichen, seinen eigenen Weg zu finden.».

Die Gestalttherapie praktizierte sie mit den Patienten in ihrer Praxis in Providencia. Gleichzeitig arbeitete sie als Psychologin an einer staatlichen Schule. Als das Lehrerbildungsinstitut Wilhelm von Humboldt (LBI) gegründet wurde, wurde ihr angeboten, das Fach Psychologie dort zu übernehmen. Sie entwickelte die Lehrpläne dafür und unterrichtete in den ersten Studienjahren allgemeine Psychologie, im zweiten Jahr Entwicklungspsychologie und im dritten Jahr Lernstörungen.    

Als sie 60 wurde, hörte sie am LBI auf und stellte auch ihre Praxis ein. Ihre drei Söhne standen inzwischen auch auf eigenen Beinen. «Die drei sind mein ganzer Stolz. Sie sind sehr verschieden, verstehen sich aber sehr gut ». Der Älteste ist Astrophysiker, der zweite hat Landwirtschaft studiert, betreibt eine Plastikfabrik und verwaltet das Gut in Puchuncaví; und der Jüngste ist von Beruf Toningenieur, hat sich der Rockmusik ergeben, wie sie sagt – Heavy Metal – und lebt in Spanien.

Die Liebe zur Musik, die auf dem Land in Puchuncaví gesät wurde, hat ihre Früchte getragen. So ist ihre Schwester Dagny von Oepen, die in München lebt, professionelle Pianistin geworden, ein Enkel hat eine eigene Band, eine andere Enkelin spielt Klavier und singt. Magdalena selbst hat während ihre Kinder klein waren, keine Zeit zum Klavier spielen gehabt. Dafür hat sie in verschiedenen Chören gesungen. Heute singt sie im Singkreis „Arturo Junge“.

Die deutsche Sprache aufrecht zu erhalten, war für sie eine Selbstverständlichkeit. Auch ihr Mann war von beiden Elternteilen her deutschstämmig. Ihre drei Söhne gingen auf die Deutsche Schule. «Sie sprechen besser deutsch als ich», sagt sie. Es ist kaum zu glauben, denn ihr Deutsch ist nahezu perfekt und akzentfrei. «Ich musste mich umstellen, als ich beim LBI angefangen habe, denn da habe ich gemerkt, dass ich als Kind  ein ganz anderes Deutsch gelernt hatte», erzählt sie.

Heute mit 76 Jahren fährt sie alle zwei Wochen auf das Land in Puchuncaví. Sie liebt es, in dem großen Garten zu wirtschaften, den ihre Eltern angelegt haben. Es gibt einen Blumen- und einen Gemüsengarten mit allem, was je nach Saison gerade wächst. «Das ist für den Haus- und Familienverbrauch. Was mein Sohn auf dem „fundo“ anbaut, wird an die Supermärkte verkauft», erklärt sie. Ab und zu lädt sie ihre damalige Schulklasse nach Puchuncaví ein oder es kommt der ganze Chor mit. Dann klingt es in dem alten Gutshaus wieder wie früher.

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