«Mach keine Tür zu im Leben»

Dr. Claudia Engeler ist 2011 mit ihrem Mann und ihren vier Kindern nach Chile gekommen, um als Konrektorin der Schweizer Schule in Ñuñoa eine leitende Stellung zu übernehmen. Seit Anfang des Jahres ist sie Rektorin der Schule. Gleichzeitig ist die Schweizerin Autorin von Kinder-, Jugend- und Erwachsenenliteratur mit Kinderbüchern inzwischen auch erfolgreich in Chile.

Claudia Engeler liebt es kreativ: Zum 75-jährigen Jubiläum der Schweizer Schule hat sie eine Torte aus Pappe anfertigen lassen, aber mit richtigem Zuckerguss.
Claudia Engeler liebt es kreativ: Zum 75-jährigen Jubiläum der Schweizer Schule hat sie eine Torte aus Pappe anfertigen lassen, aber mit richtigem Zuckerguss.

«Du hast wohl eine Glaskugel in den Händen und kannst deine Zukunft sehen“» antwortete die Rektorin neulich einem erstaunten Schüler, der ihr unterbreitet hatte, dass er die Matur – wie die Reifeprüfung in der Deutschschweiz genannt wird – nicht ablegen würde, da er sie nicht bräuchte. Claudia Engeler erzählt diese Anekdote, um zu verdeutlichen, was sie selbst in ihrem Leben gelernt hat und «ihren» Schülern und Eltern vermittelt: ‚Man weiß nicht, was das Leben noch bringt, deshalb: Mach keine Tür zu – auch kein Fenster‘.
Claudia Engeler selbst hat viele Türen und Fenster geöffnet und mit 52 Jahren so viel zu erzählen, dass es für zwei Lebensläufe zu reichen scheint. Sie erklärt das gleich zu Beginn des Gesprächs mit der Prägung in ihrer Kindheit: «Es schlagen zwei Seelen in meiner Brust. Ich habe die ersten 20 Jahre meines Lebens in Mailand gelebt, weil meine Eltern aus der deutschen Schweiz nach Italien ausgewandert sind». So habe sie zwei Mentalitäten erlebt: eine gutbürgerliche, schweizerische Erziehung und das südländische Temperament. «Das war eine Spannung, die ich aber nicht als belastend, sondern als interessant empfunden habe. Vom Lateinischen: inter-esse, das heißt dazwischen sein», erklärt sie.
In den 60er Jahren sei Italien für Schweizer noch weit entfernt gewesen. Ihr Vater, sehr tüchtig und sprachbegabt, habe mit nur 25 Jahren eine leitende Stelle bei einer Firma in Mailand übernommen. Bis zur dritten Primarklasse ging Claudia Engeler auf eine öffentliche italienische Schule. Dann entschieden ihre Eltern, dass sie die Schweizer Schule besuchen sollte. «Ich habe die 60er und 70er Jahre voll erlebt», berichtet sie und weist auf die Brigate Rosse hin, die kommunistische Untergrundorganisation, die 1970 in Mailand gegründet wurde. Die Stadt war zudem für Arbeiter- und Studentenproteste bekannt.

Germanistik und Romanistik
Nach dem Abitur träumte Claudia Engeler davon, in Rom Literatur zu studieren. Doch ihr Vater bestimmte, dass sie entweder in Deutschland oder der Schweiz ihre Ausbildung absolvieren sollte. Sie entschied sich für Germanistik und Romanistik in der Schweiz. «Ich wusste nicht, ob ich Jura oder Wirtschaft studieren sollte. Letztendlich habe ich mich dafür entschieden, was ich am liebsten tue: mich mit Literatur beschäftigen. Aber ich habe schon damals überlegt, in die Wirtschaft zu gehen, denn ich wollte nicht Lehrerin werden.»
Sie lacht. «Alles, was ich nicht machen wollte, habe ich dann irgendwann doch getan. Deshalb sage ich nicht mehr: Das will ich nicht.» Und erzählt weiter: «Das Diplom fürs Höhere Lehramt habe ich ebenfalls gemacht. Ich habe gedacht, was ich habe, habe ich.» Deshalb hat sie anschließend auch noch ihre Dissertation geschrieben.
Danach war Claudia Engeler tatsächlich in der Wirtschaft tätig, wobei Pädagogik schon bei ihrer ersten Stelle eine Rolle spielte: Beim Schweizer Dachverband der Reisebüros arbeitete sie landesweit gültige Lehrpläne für Auszubildende aus. Anschließend ging sie in die Marketingabteilung eines großen Tour-Operators und war für die Reisebüros in der deutschen Schweiz und im italieinischsprachigen Kanton Tessin zuständig.

Drei Kinder in Potsdam
Später wanderte Claudia Engeler zum ersten Mal aus, und zwar nach Kleinmachnow, einer Gemeinde zwischen Seen und Wäldern in Brandenburg, in der Nähe von Berlin und Potsdam. Das war 1993, wenige Jahre nach der Wende. Ihr Mann war für die Firma «Ernst Basler und Partner» dorthin versetzt worden. «Wir waren komische Leute – Wessis, aber doch nicht richtig. Drei meiner vier Kinder sind in der Ernst-Thälmann-Klinik in Potsdam geboren worden. ‚Die Schweizerin kommt schon wieder‘, haben sie dort beim zweiten Kind gesagt», erinnert sie sich lachend.
Nach vier Jahren kehrte die in Deutschland gewachsene Familie in die Schweiz zurück. «Nun habe ich mit drei kleinen Kindern Arbeit in der Wirtschaft gesucht und mein Land als frauenfeindlich kennengelernt. Ich habe immer gearbeitet, auch als die Kinder klein waren, entweder vormittags oder nachmittags. Es war mir stets wichtig, selbstständig zu sein», erklärt Claudia Engeler. So wurde sie doch noch Lehrerin. Aber auch das war nicht einfach. Sie war 35, hatte zehn Jahre Wirtschaftserfahrung, aber wenig im Unterrichten. «Ich habe alles Mögliche unterrichtet – Deutsch für Arbeitslose, Deutsch als Fremdsprache, an der Volkshochschule, an privaten Schulen. Aber mein Ziel war es, an einem Gymnasium zu arbeiten».
Claudia Engeler erreichte ihr Ziel und bekam eine Anstellung am Liceo Artistico in Zürich, einem schweizerisch-italienischem Kunstgymnasium. Ihre letzte Stelle als Lehrerin war an einem privaten Gymnasium in Unterstrass, einem Quartier von Zürich. Dort unterrichtete sie sieben Jahre lang mit einer Hundert-Prozent-Stelle. Während ihrer Zeit als Lehrerin begann sie zu schreiben. «Ich habe schon immer gerne in meiner Fantasiewelt gelebt», überlegt sie laut. «Obwohl ich sehr praktisch veranlagt bin, führe ich immer wieder fast ein Parallelleben. Beide Welten befruchten sich und so gibt mir das tägliche Leben Stoff für meine Geschichten».
In ihren Jugend- und Erwachsenentexten sei die Realität hart. «Das kann wachrütteln». Ihre Geschichten für Kinder hingegen erzählten von einer schönen, guten, gerechten Welt. «So wie ich sie gerne hätte.» Die meisten veröffentlichten Bücher sind Kindergeschichten, von denen mehrere Titel im Schweizer Verlag Kunterbunt erschienen sind – Fabeln, in denen sie Tierfiguren Abenteuer bestehen lässt, die mit den Erlebnissen von Kindern und dem Erwachsenenwerden zu tun haben. Inspiriert haben sie dabei ihre eigenen Kinder. «Albert der Storch» erzählt zum Beispiel davon, «wie werde ich, was ich werden soll. «Wichtig ist, dass wir alle anders sind», verrät sie die Moral einer anderen Geschichte.

Fabeln, die inspirieren
Weitere Erzählungen für Kinder ab drei Jahren berichten von Jonas dem Schmetterling, Hauke dem Schaf, und – jetzt im September erschienen – Karl dem Krebs. Von ihm hat sie sich bei einem Besuch auf einer Nordseeinsel inspirieren lassen, wo sie erfahren hat, dass sich Krebse im Verlauf ihres Lebens bis zu 54-mal häuten. «Während dieser Zeit müssen sie sich ständig verstecken, denn sie sind Butterkrebse und können ganz schnell gefressen werden. Wir haben auch Phasen, in denen wir dünnhäutig sind. Wir Menschen sind in Wachstumsphasen auch empfindlich. Das muss so sein, denn sonst können wir uns nicht entwickeln.»
Diese Geschichte und die von Albert dem Storch sind Ende 2012 in Chile vom Verlag Zig-Zag auf Spanisch veröffentlicht worden. Unterdessen sind bereits über 6.000 Exemplare verkauft worden. «In der Schweiz wäre ich damit Bestseller-Autorin», sagt Claudia Engeler.
Als Mutter von vier Kindern hat Claudia Engeler vieles davon beobachtet, was sie in ihren Geschichten verarbeitet. Ihre beiden Ältesten, Adrian (21) und Jonas (19) studieren unterdessen in der Schweiz, während Anna (17) und Elena (15) noch in Chile zur Schule. Wenn sie von ihren Kindern erzählt, strahlt sie vor Glück und Stolz: Adrian studiert Maschinenbau und Jonas Anglistik, Germanistik und Romanistik, komponiert gleichzeitig Musik und hat schon zahlreiche Konzerte in Zürich gegeben. Jonas hat bereits mit 16 das Abitur gemacht und die Jüngste sei auch auf dem besten Weg, so früh die Schule abzuschließen. Ihre Tochter Anna hingegen ist dabei, sich an der University of British Columbia in Vancouver zu bewerben, um dort Wirtschaft zu studieren.
Trotz dieser Erfolgsgeschichten sagt Claudia Engeler: «Ich weiß, was Eltern für Sorgen haben. Meine Kinder haben auf ihrem Lebensweg auch ihre Umwege genommen. Es gilt, mit Liebe Grenzen zu setzen. Das ist ein Balance-Akt. Man soll ermuntern, aber auch mal sagen: so nicht.»
Die Autorin in ihr habe ihr dabei geholfen. Gerne würde sie mehr Zeit ihrer Literatur oder den Lesungen für Kinder widmen, die eigentlich mehr Puppenspiele und Animationen als klassische Lesungen sind, aber ihr Verantwortungsgefühl hält sie davon ab: Sie hat im Moment mit der Stelle als Rektorin der Schweizer Schule alle Hände voll zu tun. «640 Schüler und Schülerinnen, 400 Familien und 100 Mitarbeiter hängen davon ab, dass ich meine Arbeit so gut wie möglich ausübe», sagt sie.
Es gibt sechs Jugendbücher, zahlreiche Bilderbücher und einen Erwachsenenroman, die darauf warten, veröffentlicht zu werden. Im Moment schafft es Claudia Engeler nur vereinzelt, neue Gedichte und Kurzgeschichten zu schreiben. Aber mit 52 weiß man nicht, was das Leben einem noch alles bescheren wird. Jedenfalls wird sie keine Tür und kein Fenster zumachen.

 

Petra Wilken

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