Liebst du dein Kind, dann schicke es auf Reisen

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Als ganz junge Frau begann Marie Luise von Frey auf Wunsch ihres Vaters mit der Laienschauspielerei. Heute, mit 47, stand sie zum siebten Mal auf der Freilichtbühne des Theaters auf dem Berg. Ende 2015 spielte sie in Kleists «Der Prinz von Homburg» die Kurfürstin, eine hilfsbereite, gutmütige Herrscherin, die in dem Geschichtsdrama Nestwärme und Mütterlichkeit verkörpert. Eigenschaften, die auch im wirklichen Leben der Deutsch-Chilenin eine wichtige Rolle spielen.

Von Petra Wilken

Marie Luise von Frey kam 1968 in Göttingen zur Welt. Ihr Vater, der Tiermediziner Walter von Frey, hatte ein Stipendium für ein zweijähriges Aufbaustudium in der norddeutschen Universitätsstadt erhalten. Doch kaum war das Baby flugtauglich, ging die Familie nach Santiago zurück, denn die Fortbildung des Vaters war gerade abgeschlossen. Marie Luise erzählt das mit Wehmut. «Seitdem fliege ich immer wieder zurück», beschreibt sie eine Sehnsucht, die ihr in die Wiege gelegt worden zu sein scheint.

«Die ersten neun Jahre meines Lebens war ich Einzelkind. Das war sehr schön», schwärmt sie. In dieser Zeit lebte die Familie zwei Jahre lang in Davis, Kalifornien, wo ihr Vater diesmal an einem akademischen Austauschprogramm teilnahm. Auch davon hat sie nur die besten Erinnerungen. Ein großer Einschnitt hingegen war es, als ihre beiden Geschwister geboren wurden: Tatjana und Alexander.

Sie half ihrer Mutter bei der Betreuung der beiden Kleinen. Am Anfang war es schwer, aber dann hatte sie immer mehr Freude daran, und die Erfahrung, die sie mit ihren jüngeren Geschwistern machte, legte den Grundstein für ihre spätere berufliche Laufbahn.

Marie Luise von Frey ist – inzwischen seit 24 Jahren – mit Leib und Seele Grundschullehrerin. Eigentlich wollte sie etwas im medizinischen Bereich studieren. Doch ihre Eltern legten ihr ans Herz, sich am LBI, dem Lehrerbildungsinstitut Wilhelm von Humboldt, einzuschreiben. Sie probierte es aus und stellte fest, dass die Vorkenntnisse im Umgang mit kleinen Kindern und die deutsche Sprache ihr das Studium sehr erleichterten. Sie war die erste Studentin des LBIs und sogar die erste, die sich an dem Institut eingeschrieben hat.

Sie zeigte auch Begeisterung für die Schauspielerei. Ihr Vater war mit Peter von Kiesling befreundet, dessen Familie das Theater auf dem Berg auf dem Weg nach Farellones ins Leben gerufen hat und bis heute betreibt. Sie brauchten Schauspieler bei dem Laientheater. «Da will ich mitmachen», sagte sich Marie Luise. «Der Anfang war schwer, denn Peter von Kiesling, der die Gruppe leitete, war sehr streng». Sie wollte niemanden enttäuschen und war nervös. Letztendlich merkte sie jedoch, dass die Verbindung mit der deutschen Sprache und Kultur tat ihr viel Spaß machten.

Trotz dieser Vorliebe heiratete sie keinen Mann aus der deutsch-chilenischen Kolonie. Während ihres letzten Studienjahrs am LBI lernte sie den Chilenen Luis Andrés Orellana kennen und verliebte sich. Sie absolvierte während dieser Zeit ein Praktikum in Chillán, doch ihr «pololo» kam sie regelmäßig mit dem Zug besuchen. 1993 heirateten sie, und im selben Jahr bekam sie ihre erste 1. Klasse an der Deutschen Schule Santiago.

Zwei Jahre später kam ihre Tochter Sofia zur Welt. «Trotzdem wollte ich weiterarbeiten», erzählt sie und erinnert sich an die Lauferei – von Zuhause zur Kinderkrippe, von der Kinderkrippe in die Schule – und nachmittags wieder zurück. Nachdem ihr Sohn Nicolas geboren wurde, machte sie das mit zwei Kindern. Zum Glück dauerte das nur zwei Jahre, denn dann ging die Familie nach Venezuela. «Das war eine sehr schöne Familienzeit», erinnert sie sich. «Wir wohnten in Valencia in der Nähe der Küste. Die Kinder gingen halbtags in den Kindergarten und nachmittags gingen wir zusammen ins Schwimmbad. Ich habe meine Kinder mit Kokosnussmilch aufgezogen», schwärmt sie.

Nach zwei Jahren mussten sie wieder zurück. «Wir erlebten eine sehr schwierige Anpassungszeit in Chile». Die Zeit an karibischen Stränden war einfach zu herrlich gewesen. Doch nach einiger Zeit bekam sie wieder eine Stelle an der Deutschen Schule Santiago, diesmal als «Co-Educadora» für die ersten Klassen, die sie bis heute ausübt.

Sie beschreibt diese Tätigkeit als  begleitende Lehrerin so: «Ich gehe in die Klassen und nehme die Kinder aus dem normalen Unterricht heraus, die aus verschiedenen Gründen Schwierigkeiten haben. Das kann aufgrund von Krankheit sein oder weil ein Kinder sich etwas langsamer an den Lernrhythmus gewöhnt. Mit diesen kleinen Gruppen mache ich individualisierten Unterricht.» Sie sei streng, meint sie und ergänzt: «Im Sinne von klaren Regeln. Die Kinder brauchen das, sonst verlieren sie sich in der Klasse».

Das liebevolle Begleiten, jedoch verbunden mit klaren Regeln, war ihr auch bei der Erziehung ihrer eigenen Kinder sehr wichtig. «Wenn du eine Verpflichtung eingehst, musst du das durchziehen», erklärt sie. Zudem ist ihre Erziehung davon geprägt, auch in der Generation ihrer Kinder, die bereits die fünfte ist, die Verbindung zur deutschen Kultur aufrecht zu erhalten. So ist sie mehrmals mit ihren Kindern nach Deutschland geflogen, und sie bestärkt sie jetzt als junge Erwachsene, das auch weiterhin alleine zu tun. «Wenn du dein Kind liebst, dann schicke es auf Reisen», habe ihre Mutter immer gesagt.

Zudem hat sie auch die ganze Familie dazu bewegt, beim Theater auf dem Berg mitzumachen. 2008, beim Stück «Die Physiker», hat sie beide Kinder und auch ihren Mann auf die Bühne gebracht. Auch jetzt war ihr Mann wieder dabei. «Er ist aufs Liceo Alemán gegangen und spricht deutsch», erklärt sie.

Er sei deutscher als alle anderen. Alles, was mit der Gemeinschaft zu tun habe, begeistere ihn. Deshalb unterstützte er sie auch, als sie ein Ferienhaus in dem deutschen Einwanderort Contulmo bauen wollte, ganz in der Nähe des Elternhauses ihrer Mutter.

«Ich bin sehr mit meinem Leben zufrieden», resümiert sie beim Gespräch mit dem Cóndor. Dabei hat sie vor zehn Jahren – bei allem Glück – einen Schicksalsschlag akzeptieren müssen, der sie vor sie vor eine harte Probe stellte: Mit 38 Jahren wurde bei ihr Insulinabhängigkeit festgestellt. Eine Diagnose, die sie zwang, ihre Lebensgewohnheiten zu ändern. «In der ersten Zeit war ich verzweifelt», erzählt sie. Doch dann habe sie begonnen, mit der Krankheit zu leben. «Ich muss im Gleichgewicht mit meiner Seele sein.»

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One Comment

  1. Pedro Funk

    Un gusto saber de ella y un muy afectuoso saludo a Marie Luise de quien fui profe en el LBI cuando cursó su formación pedagógica ahí, siendo parte de la primera promoción. ¡Suerte y éxito en lo que emprendas, colega!

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