Lernen mit Kopf, Herz und Hand

Xenia Le Quesne kam nach Chile, da war sie noch gar nicht geboren: Im Bauch ihrer hochschwangeren Mutter. ‚Du wirst noch am 11.11. niederkommen‘, wurde der aus Passau stammenden Deutschen kurz vor der Abreise nach Chile gesagt. So war es dann tatsächlich: Xenia kam am Martinstag – auch als Beginn der Faschingszeit gefeiert – in Osorno zur Welt. Ein Mädchen mit wilden Locken, Temperament und immer neuen Ideen.

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So jedenfalls kann man sich die heute 54-jährige Vizerektorin der Deutschen Schule St. Thomas Morus als Kind vorstellen. Mit positiver Energie, viel Schwung und Kreativität lebt sie ihren Beruf als bilinguale Grundschullehrerin. «Ich bin eine maestra», sagt sie. «Dafür gibt es kein deutsches Wort». Jedenfalls keins, das es beschreibt, was sie meint. Der in Chile berühmte «maestro chasquilla» ist ein wenig zu negativ belegt, aber ein wahrer «maestro» ist laut Xenia Le Quesne jemand, der mit dem ihm zur Verfügung stehenden Werkzeugen und einer gehörigen Portion Erfindungsgabe immer neue Herausforderungen meistert.

«Hier wird mit Kopf, Herz und Hand gelernt», meint Xenia Le Quesne über die Thomas-Morus-Schule, deren Konzept sie begeistert und inspiriert. «Wir machen jeden Tag Schule. Jeden Tag haben wir neue Ideen», sagt sie. So hat die Schule gerade «Die Sendung mit der Maus» eingeführt. Kurzfilme aus der langjährigen deutschen Fernsehsendung werden nun von Zeit zu Zeit in den Pausen auf einem Großbildschirm gezeigt. Jetzt will die Schule auch noch Nachrichten von «Logo» zeigen, ebenfalls ein Klassiker im deutschen Fernsehprogramm für Kinder.

«Technische Schwierigkeiten werden gelöst», unterstreicht die stellvertretende Schulleiterin zum Thema Großbildschirm energisch. Ein «geht nicht» werden die Mitarbeiter von ihr vermutlich nicht so leicht akzeptiert bekommen. Dies symbolisiert auch ein Scherenschnitt, der gerahmt auf ihrem Schreibtisch steht: Er zeigt einen spitznasigen Mann mit einer großen Schere. Der frühere Leiter des Lehrerbildungsinstituts (LBI) Felix Emminger hat ihn selbst gemacht und ihr geschenkt. Für sie bedeutet er, keine Scheren im Kopf zu haben und neue Ideen erst einmal reifen zu lassen ohne zu zensieren.

 

Concepción, Osorno, Bielefeld

«Ich begegne immer tollen Menschen», findet Xenia Le Quesne, als sie von ihrem beruflichen Werdegang erzählt. Viele von ihnen sind für sie zum Vorbild geworden. So zum Beispiel Günther Mornhinweg, ein Professor an der Universidad de Concepción, an der sie Bilinguale Grundschullehrerin studiert hat. Von insgesamt hundert Studenten, die Grundschullehramt studierten, waren in der deutsch-spanischen Sparte lediglich vier Studierende eingeschrieben. «Vom ersten Tag an hospitierten wir an der Deutschen Schule», erinnert sie sich.

Schon in der Zeit in Concepción baute sie ihre Verbindung mit der deutschen Kultur weiter aus und wurde Mitglied in der Mädchenschaft. Nach Abschluss des Studiums bekam sie ihre erste Stelle an der Deutschen Schule in Puerto Montt, bevor sie in ihrer Heimatstadt Osorno als Grundschulleiterin an die Schule ihrer Kindheit zurückkam.

Doch bevor es dazu kam, machte sie einen Abstecher nach Deutschland. Sie war inzwischen verheiratet mit Pedro Fischer, der auch in Osorno auf die Deutsche Schule gegangen war, und die beiden hatten zwei kleine Kinder: Christoph – heute 29 – und Katherinne, 25.

«Meine Mutter war entsetzt», erzählt Xenia, als sie und ihr Mann diese Entscheidung trafen. «Wir sind mit nur vier Koffern nach Deutschland gegangen und blieben vier Jahre». Sie gingen nach Bielefeld, wo ihr Mann Arbeit bei Thyssen Schulte bekam. Christoph ging in die Grundschule und Katherinne in den Kindergarten. Sie bekam bald Spanisch-Kurse an der Volkshochschule. Bei Rotwein, Gitarrenspiel und Cueca unterrichtete sie ganz auf chilenische Art.

Die Stadt Bielefeld wählten sie aus, weil dort ihre Eltern gelebt hatten, bevor sie gemeinsam nach Chile gingen. Ihr Vater stammte aus einer chilenisch-französischen Familie, die am Lago Rupanco ein Hotel verwaltete. Der Großvater schickte ihren Vater nach Europa, um eine Ausbildung als Konditor zu machen. Warum nach Deutschland, wenn die Familie aus Frankreich stammte? Der Vater war einem Freund gefolgt, der auch nach Deutschland gegangen war.

Während seiner Ausbildungszeit in Deutschland lernte ihr Vater ihre Mutter kennen, die Erzieherin war. Sie zogen nach Osorno, wo kurz darauf Xenia, das erste von drei Kindern zur Welt kam. Ihr Vater starb sehr früh mit 33 Jahren. Xenia erinnert sich: «Meine Mutter rief uns Kinder zusammen und sagte ‚So sieht es aus, Kinder: Hier in Chile sind wir allein. Wenn wir nach Deutschland gehen, werden uns unsere Verwandten helfen. Darauf haben wir Kinder eingewandt, dass wir hier aber unsere Freunde hätten. Meine Mutter entschied, in Chile zu bleiben.»

Für Xenia Le Quesne war das eine Lehrstunde in gelebter Demokratie mit Kindern. Ihre Mutter hat lange Jahre im Kindergarten der evangelisch-lutherischen Kirche in Osorno als Leiterin gearbeitet, nachmittags habe sie zudem Nachhilfe gegeben und abends für das Goethe-Institut gearbeitet. Bis heute sei ihre Mutter sehr aktiv. Die Entscheidung, in Chile geblieben zu sein, habe sie nie bereut.

 

Typisch deutsch

‚Du bist mehr Deutsche als ich‘, habe ihre Mutter mal zu ihr gesagt. «Ich bin überpünktlich, mein Wort ist meine Unterschrift», macht es Xenia an diesen Eigenschaften fest, die als typisch deutsch gelten. Von ihren fünf Freundinnen seien vier Deutsche. Gleichzeitig hat sie aber auch viel “typisch Chilenisches”. «Ich bin ‚aclanado‘ wie die Elefanten», sagt sie über sich. Ihre Multikulturalität hat in ihrem Beruf sicherlich den besten Ausdruck gefunden.

Nach ihrer Zeit an der Deutschen Schule in Osorno, wo sie Grundschulleiterin und stellvertretende Rektorin wurde, arbeitete sie fünf Jahre lang am LBI und gehört seitdem zum Arbeitskreis Bilingualer Schriftspracherwerb. Dieser Arbeitskreis hat für Chile das erste bilinguale Lesebuch für den deutsch-spanischen Schriftspracherwerb mit dazugehörender Anlauttabelle entwickelt. Stolz holt es Xenia Le Quesne aus dem Bücherschrank – und schlägt gleich die Seite mit «Kultrun» auf. Die Vermittlung von Kultur und Werten ist dem Team der Grundschullehrer, die in ehrenamtlicher Arbeit diese Fibel erstellt haben, sehr wichtig.

Inzwischen gibt es nicht nur Bili, die bilinguale Lesefibel, sondern auch noch Kuna, das Grundschullehrbuch für Kultur und Natur, das Kunstbuch Arlekin, Male und Lebu für andere Unterrichtseinheiten. «Das ist eine sehr, sehr schöne Erfahrung. Jeder gibt etwas dazu. Ich bin dem Leiter des LBIs, Alban Schraut, und Maren Gronert dankbar, dass in dieser Gruppe bei der Kreation von Texten mitwirken kann», sagt Xenia.

Die Produkte, die unentgeltlich am Wochenende entstanden sind, werden von den Schülern sehr geschätzt. Ihre erste Lesefibel Bili geben sie nicht gerne ab, wenn zu Beginn eines neuen Schuljahres der Flohmarkt für Schulbücher veranstaltet wird. Und die chilenische Erfahrung geht jetzt auch noch in die Welt hinaus: Grundschullehrer aus Brasilien hospitierten kürzlich an der Thomas-Morus-Schule, um die Erfahrung mit Bili ins Portugiesische zu übertragen.

 

Lernprozesse

Doch bei diesem ehrenamtlichen Engagement lässt es Xenia Le Quesne nicht bewenden. In ihrem Büro gibt es Stoffbeutel mit den Unterlagen für jeden Arbeitsbereich. Ein blauer Hoch-Tief-Stoffbeutel ist die DCB-Tasche. Dort arbeitet sie zusammen mit Ricarda von Dessauer als pädagogische Beraterin und ist Mitglied in einer Kommission, die den Besuch des deutschen Neurowissenschaftlers Manfred Spitzer im Oktober vorbereitet. In einem anderen Beutel hat sie die LBI-Unterlagen aufbewahrt. Für das Lehrerbildungsinstitut arbeitet sie zudem als Referentin in Fortbildungskursen.

Ein Thema, das ihr besonders am Herzen liegt, ist kooperatives Lernen. «Das spanische Wort alumno heißt “ohne Licht”», erklärt sie. Mit diesem Begriff ist sie gar nicht einverstanden. Nach ihrer Ansicht ist das Verhältnis von Lehrern und Schülern ein permanenter beiderseitiger Lernprozess. «In diesem Prozess dürfen und müssen wir Lehrer immer wieder Neues ausprobieren», betont sie. «Dabei müssen die emotionellen Kanäle stimmen. Humor, Empathie und das Respektieren der Diversität sind dabei wichtig.»

Wer sie in ihrem Büro besucht, bekommt davon gleich einen anschaulichen Eindruck. An der Wand kleben Weisheiten, die sie vermitteln möchte: “Man muss stehen zu dem, was man ist, aber offen bleiben für das, was man werden kann”, heißt es auf einem Zettel. Daneben ein Cartoon: Der Lehrer sagt: ‚Schöne Ferien, bessert euch‘. – ‚Danke, ebenso‘, die Antwort der Schüler.

 

Petra Wilken

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