Kunstrichtung mit Zukunft

Normalerweise malen, schnitzen, hauen, spielen, mimen, deklamieren, singen oder komponieren Künstler. Bei María José Muñoz ist das anders: Ihr Interesse gilt dem Raum, dem Weiten, und damit ist auch der Raum gemeint, in denen sie ihre Exponate aufbaut. «Je nachdem, was ich dort vorfinde, werde ich ein Objekt, zum Beispiel eine Skulptur, oder eine Installation kreieren», erklärt sie. 

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María José Muñoz: «In Berlin sind die Leute äußerst offen und vorurteilslos und dazu gut informiert.»

Eine Installation ist laut Wikipedia in der bildenden Kunst «ein meist raumgreifendes, ortsgebundenes und oft auch orts- oder situationsbezogenes dreidimensionales Kunstwerk».

Diese Kunstwerke können die verschiedensten Formen und Strukturen haben – auch bei den verwendeten Materialien besitzen ihre Schöpfer die Freiheit, zu verwenden, was ihnen in den Sinn kommt: Holz, Papier oder Metall sind nur einige Beispiele davon. María José beginnt mit der Gestaltung ihrer Installationen, sobald sie den Ort, in dem sie gezeigt werden sollen, bereits kennt: «Wenn ich die Eigenschaften und Merkmale des Raums verinnerlicht habe, kann ich einen Vorschlag ausarbeiten, der diesen Raum interveniert und mit diesem Ort eine Einheit bildet». Zur Vorbereitung ihrer Interventionen stellt sie eine sogenannte «Zeichnung im Raum» her. Diese Zeichnung skizziert sie auf Papier: «So entsteht eine Verbindung zwischen der bidimensionalen Zeichnung und der dreidimensionalen Installation im Raum».

Ihre ersten Arbeiten in dieser Kunstrichtung waren kurzlebig: «Es waren Installationen, die nicht gesammelt, verkauft oder verwahrt werden konnten. Der Hintergedanke war, etwas gegen die Vermarktung der Kunst zu unternehmen».  Später, nachdem sie nach Deutschland gereist war, gab sie diese, wie sie jetzt glaubt, «radikale» Sichtweise auf. Ihre heutigen Werke sind abmontierbar, können verwahrt und neu aufgebaut werden.

Diese Kunstrichtung unterscheidet sich somit von der herkömmlichen Bestrebung, dass die Werke verkauft werden müssen, weil der Autor davon leben muss. «Es ist schon komplex», gesteht María José Muñoz, «ich denke, dass die Kunst nicht kommerziell ist. Künstler machen Kunst, weil es für sie ein Bedürfnis und dazu ihre Ausdrucksform ist. Man überlegt nicht, wenn ich das so oder so mache, dann werde ich so viel verdienen».

 

Deutschland, eine optimale Künstlerplattform

Die junge Chilenin verbringt einen großen Teil ihrer Zeit in Deutschland, wo die Voraussetzungen für ihre Tätigkeit optimal sind: «Künstler können dort Halbtagsanstellungen nachgehen, zum Beispiel als Assistenten von anderen Schaffenden, womit man leben und außerdem Werkstoffe anschaffen kann, um eine Werkstatt bezahlen zu können».

Eine besonders wichtige Instanz sind die Galerien, die zwischen den schaffenden Künstlern und den Kunstinteressierten vermitteln: «Das ist ideal», hat sie feststellen können, «denn sie bauen die Kontakte auf. Ohne Kunstgalerien könnte man in Berlin etwa nicht bestehen». In Chile sind wir noch nicht so weit, meint sie, «in der Tat widmet sich ein minimaler Prozentsatz meiner Kollegen der Kunst, und der Rest macht irgendetwas anderes».

In Europa dagegen haben Installationen ein festes Publikum. Die Besucher sind gebildet und interessiert. Schaffende spüren förmlich ihren Hunger nach neuen Ausdrucksformen: «In Berlin sind die Leute äußerst offen und vorurteilslos», versichert sie, «aber dafür sind sie gut informiert. Die Anzahl Museen und Kunstgalerien in Berlin ist enorm, und was dort ausgestellt wird, ist hochqualitativ. Installationen und Experimentalkunst sind Richtungen, die in Berlin zudem groß in Mode sind. Ebenso ist es mit der abstrakten Kunst, die gegenwärtig viel verkauft wird».

María José Muñoz ist in Santiago geboren und aufgewachsen. Schon als kleines Mädchen malte sie gerne. Ab dem 10. Lebensjahr nahm sie an einer Werkstatt teil. Hier konnte sie ihren Spaß an der Kunst voll entfalten. Als sie  sich kurz vor Schulabgang für ein Studium entscheiden musste, war ihr klar, dass ein schöpferischer Beruf – damals dachte sie an Malerei – den Vorrang hatte. Eine andere Möglichkeit war nämlich Jura, da sie väterlicherseits erblich «vorbelastet» ist – ihr Vater ist Rechtsanwalt.

 

Auslandsreise mit Folgen

Ihre Ausbildung genoss sie an der Universidad Católica. Vor dem Staatsexamen nahm sie an einem Studentenaustausch in Valencia teil. Dieser Auslandsaufenthalt verursachte in María Josés beruflichem Leben eine Zäsur: «Ich gab die Malerei auf und entschied mich für Experimentalarbeiten, für Installationen und Interventionen». Es war ein regelrechter Kurswechsel: «Spanien hat eine andere Kultur, ich habe viel Neues kennengelernt, die außerordentlichen Sammlungen in den Museen, die Künstler. Es waren sechs Monate mit einem Input nach dem anderen, wo ich enorme Museen und hervorragende Kollegen kennenlernen konnte. Bis dahin war ich auf der Suche einer künstlerischen Identität, die mich nicht zufriedenstellte. In Spanien fand ich, was ich gesucht hatte».

Sie kehrte anschließend nach Chile zurück, beendete nach einem Jahr ihr Studium und versuchte anschließend, ihren Beruf auszuüben: «Das war kompliziert, denn man weiß nicht, was man tun soll. Man muss alles machen: die Arbeit suchen, etwas produzieren, die Kontakte herstellen und sich selbst vermarkten. Auf der Universität bin ich darauf leider nicht vorbereitet worden. Das hat mir die Zeit danach gegeben, und besonders mein Lehrgang in Deutschland. Aber bevor ich nach Deutschland ging, war es alles andere als einfach. Ich hatte große Lust, etwas zu tun, aber keine Finanzierung». Glücklicherweise bekam sie als Museumsführerin der Fundación Telefónica eine Anstellung. Sie arbeitete zwei Jahre bei der Telefongesellschaft und bewarb sich für ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes – mit Erfolg.

María José Muñoz reiste nach Berlin, um an der Universität der Künste (UdK) ein Aufbaustudium wahrzunehmen. Drei Jahre lernte sie an dieser Hochschule, und beendete ihre Ausbildung mit einer Meisterschülerprüfung. Heute arbeitet sie als freie Künstlerin in der deutschen Hauptstadt.

Nach der erfolgreichen Prüfung hatte sie Anrecht, von der Hochschule sich für einen Preis anmelden zu lassen: «Ich habe nicht gewonnen, aber ich hatte die Gelegenheit, auszustellen». Diese Empfehlung hatte außerdem zur Folge, dass  María José Muñoz zu einer Messe auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof eingeladen wurde, wo sie auf dem Stand der UdK einige ihrer Werke ausstellen durfte.

Heute pendelt María José zwischen Chile und Deutschland hin und her. Am liebsten würde sie abwechselnd je sechs Monate in jedem Land bleiben. Das ist zurzeit noch nicht möglich. Vorerst ist sie damit beschäftigt, mehr Ausstellungsmöglichkeiten zu erhalten.

Langfristig ist sie, was die Entwicklung ihrer künstlerischen Laufbahn anbetrifft, recht optimistisch: «Ich würde gerne, als erstes Ziel, in einer Berliner Galerie meine Werke aufbauen», plant sie, «und für später habe ich den Wunsch, in den großen Museen auszustellen, sowohl in Chile, als auch in Berlin und den anderen großen Kulturzentren. In dem Sinne bin ich superehrgeizig», gibt sie mit unbeirrbarer Offenheit zu.

 

Von Walter Krumbach

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