«Als Kleinunternehmerin muss man alles können»

In Chile ein elegantes Fotoalbum guter Qualität zu finden, ist gar nicht so einfach. Viele Alternativen gibt es nicht. Glücklicherweise hat Sandra Rusch schon lange ein Faible für Alben dieser Art. Mit der Marke RU Papel hat sie eine kleine Manufaktur ins Leben gerufen, die alte Buchbinder-Traditionen aufleben lässt. Jetzt hat sie mit ihrem Unternehmen den ersten Platz im Förderfonds «Capital Abeja» gewonnen.

Chiles Präsidentin Michelle Bachelet gratuliert Sandra Rusch bei der Preisverleihung des Förderfonds Capital Aveja.
Chiles Präsidentin Michelle Bachelet gratuliert Sandra Rusch bei der Preisverleihung des Förderfonds Capital Aveja.

Capital Abeja ist eine relativ neue Förderlinie der staatlichen Institution Sercotec, die kleine und mittlere Unternehmen unterstützt. Ausschließlich weibliche «emprendedoras» werden gefördert. Michelle Bachelet höchstpersönlich hat kürzlich den ersten Preis an Sandra Rusch übergeben.
«Ich war so stolz», erzählt sie, doch ihr Vater Heiner Rusch sei noch viel stolzer gewesen. Hunderte von Kleinunternehmerinnen aus ganz Chile haben ihre Projekte eingereicht und das von Sandra Rusch wurde als bestes in der Region Metropolitana prämiert.
«Es gibt drei Förderlinien», erklärt Sandra. Die erste dient der Unterstützung einer neuen Geschäftsidee, die zweite ist für neue Kleinunternehmen, die weniger als ein Jahr alt sind; und die dritte ist für bereits etablierte Firmen. In dieser dritten Linie, in der Sandra Rusch den ersten Platz belegt hat, werden Projekte bis zu maximal drei Millionen Pesos gefördert.
«Das ist nicht viel Geld», sagt Sandra ganz offen. Für sie zählt neben der Möglichkeit, damit eine neue Maschine für ihre Buchbinderei zu kaufen, vor allem die Erfahrung mit dem Förderinstrument. «Andere Förderfonds verlangen einen Businessplan. Das ist schon recht aufwendig.» Nun hat sie durch die Bewerbung um das Capital Abeja Einblick in die verschiedenen Weiterbildungsangebote von Sercotec für kleine und mittlere Unternehmen erhalten und ist ganz begeistert. «Kostenlose Vorträge und Kurse über Rechnungswesen, die Gestaltung von Internetauftritten, Social Marketing» zählt sie auf. «Als Kleinunternehmerin muss man ja alles können», fügt sie hinzu.
Die Firma RU Papel besteht aus der Buchbinderei in der Avenida Apoquindo in Las Condes und zwei Ladengeschäften – einem im Pueblo del Inglés und einem in der Galería Drugstore in Providencia – und hat sieben Mitarbeiter. All dies ist das Resultat des Unternehmertums der 39-jährigen Deutsch-Chilenin, die vor zehn Jahren begann, ihr Hobby professionell auszubauen.
Nach dem Abschluss der Deutschen Schule Santiago studierte Sandra Rusch Architektur an der Universidad Católica und arbeitete an mehreren Großprojekten mit wie der Clínica Bicentenario und dem Hospital der Mutual. Mit dem Architekten Gustavo Greene arbeitete sie auch für die Deutsche Klinik Santiago und die Firma Kaufmann.

Benediktiner-Tradition
Nebenbei jedoch begann sie, Fotoalben herzustellen, weil sie selbst leidenschaftliche Hobbyfotografin war. Sie fand ihre Fotos für zu schön, um sie in ein gängiges Plastikalbum zu stecken. In Santiago Poniente fand sie einen Buchbindemeister, der noch Fadenheftung per Hand machte. «Das war noch die alte Tradition der Benediktiner-Mönche, die Buchbinder ausgebildet haben», erzählt Sandra. «Leider machen es ihre Söhne nicht mehr weiter».
Dafür hat sie mit RU Papel das Buchbinderhandwerk, das im 13. Jahrhundert in Kirchen und Klöstern Europas seinen Ursprung hatte, wieder aufleben lassen – mit Handarbeit, auserlesenem Papier und Pappen für die Deckel. Das Ganze jedoch den modernen Zeiten angepasst: mit exklusivem Design und beschränkten Auflagen – auf Kundenwunsch auch in besonderen Ausführungen. Neben Fotoalben gibt es Notizbücher in allen möglichen Formaten und Farben. «Unsere Ladengeschäfte sehen voll aus, aber es gibt immer nur ein Exemplar pro Format und Farbe. Ich sage immer: Wenn du jemanden siehst, der ein Notizbuch von uns in derselben Farbe und im selben Format hat wie du – heirate ihn!»
Das Temperament und die positive Lebenshaltung von Sandra Rusch sind nur zwei der Eigenschaften, die sie zu einer erfolgreichen Geschäftsfrau gemacht haben. Man/frau muss aber noch einiges mehr mitbringen, um zum Unternehmer oder zur Unternehmerin zu werden.
«Ich liebe, was ich mache», unterstreicht sie. Egal, was es auch immer zu tun gibt, Sandra ist sich nicht zu schade, die Ärmel hochzukrempeln. «Früher hatte ich immer gepflegte, toll lackierte Fingernägel.» Das gehöre der Vergangenheit an. Ihr Auto sei gleichzeitig das Nutzfahrzeug der Firma. «Ich fasse überall mit an.» Und zählt als weitere Bedingungen für den Erfolg auf: «Man muss einen starken Charakter haben, beständig und hartnäckig sein. Ausdauer eben. Man muss belastbar sein und immer wieder aufstehen. Und man muss an das glauben, was man macht. Dann kommen noch Diplomatie und Teamarbeit hinzu».

Die Diplomatie vom Vater
In ihrer Familie habe niemand ein Geschäft gegründet, aber die Diplomatie verdanke sie ihrem Vater. Wohl auch das Talent für Zahlen, denn ihr Vater ist Betriebswirt von Beruf. Von ihrer Mutter, die Sportlehrerin ist, habe sie die Fähigkeit geerbt, Gruppen in jeder Situation leiten zu können. Schließlich sei ihre Mutter zwanzig Jahre disziplinarische Inspektorin an einer Katholischen Mädchenschule gewesen.
Die Neigung für Zahlen ist in ihrer Familie ausgeprägt. Zwei Brüder von Sandra sind Betriebswirte und einer ist Bauingenieur. Die künstlerische Veranlagung hingegen ist weniger verbreitet und kommt nach Sandras Meinung von ihrer Großmutter väterlicherseits. Sie kam in der 1930er Jahren aus Dresden nach Chile. Noch sehr jung nahm sie eine Arbeitsstelle im Kaffeehaus Hucke im Paseo Ahumada an, arbeitete die Vitrinen aus und war aber bald auch für die Auswahl des Personals zuständig. Die Chileninnen hätten sie komisch angeguckt, erzählt Sandra. Eine junge Frau, die ihren Mann steht. Das war damals noch ungewöhnlich. «Meine Großmutter Meissner hatte schließlich Buchhalterin gelernt. Sie wusste ihr Köpfchen zu gebrauchen». Ihr Hobby sei jedoch die Kupferarbeit gewesen.
Ihre Großmutter hat es nicht geschafft, ihr Hobby zum Beruf zu machen. Ihre Enkelin hingegen schon. Nach zehn Jahren weiß sie, welches die Stärken ihrer Marke RU Papel sind: Ihre Kunden schätzen es, dass die Produkte auf alte Traditionen setzen und gleichzeitig umweltfreundlich sind. Es wird nur zertifiziertes Papier benutzt und die Pappdeckel kommen aus Deutschland, weil sie dort bessere Qualität haben. Das schätzen immer mehr Boutique-Hotels und Weinkellereien, die zu ihrem Kundenstamm gehören. «Wir wollen gar nicht viel größer werden», erklärt Sandra Rusch.
ProChile sei gerne dabei behilflich, ins Ausland zu exportieren. Doch sie hat das Gefühl, dass der Zeitpunkt noch nicht reif ist. Sie möchte erst ihre Produktionsprozesse konsolidieren, bevor sie sich auf einen neuen großen Schritt einlässt. «Es ist wichtiger, dass wir hier im Team Spaß bei der Arbeit haben», betont sie und deutet auf die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in der Werkstatt.
Sie werden sich demnächst an einer neuen Maschine einarbeiten, einer für Heißfolienprägedruck, mit der die Alben und Notizbücher beschriftet werden können. Diese Arbeit hat RU Papel bisher außer Haus geben müssen – nicht immer mit Ergebnissen, die den kritischen Augen der Chefin standhielten. Nun, mit dem «Bienenkapital» werden auch diese Details in der eigenen Werkstatt gelöst werden können.

Petra Wilken

Print Friendly, PDF & Email

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*