«Kinder sind offen, Kinder sind ehrlich»

>Ihr Fach ist die Krankengymnastik, und am liebsten arbeitet sie mit Kindern. Daher hat sie sich auf die kleinen Patienten spezialisiert. Karin Boese erzählt mit großer Begeisterung von ihrem Beruf, den sie bisher in verschiedenen Ländern ausgeübt hat.

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Als frischverheiratete junge Frau ging sie nach Venezuela, wo sie am Centro Médico Docente La Trinidad eine Anstellung erhielt. «Ich habe fast ausschließlich auf dem Gebiet der Neurologie gearbeitet», erzählt sie. Neurologische Behandlungen «beziehen sich auf all jenes, was mit dem Gehirn zu tun hat. Ich gebe dem Gehirn einen Auftrag und je nachdem wie er zurückkommt, kann ich bei den Bewegungen des Patienten sehen, ob sie dem Alter des Kindes entsprechen oder ob da etwas nicht in Ordnung ist». Dieses Gebiet kommt oft bei Frühgeburten zum Einsatz, «und heute sind es jedes Mal mehr, die vor der 40. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen, weil die Überlebenschancen immer größer werden».

Karin Boese schildert Fälle von «Frühchen», wie sie sie nennt, die in der 25. Woche geboren werden und um die 500 Gramm wiegen. «Es ist sehr schwierig, diese Kinder hochzukriegen», versichert sie. Zudem liegen Frühgeburten in den ersten sieben Lebensjahren in ihrer Entwicklung zurück. «Sie sind den anderen unterlegen. Sie haben die Enge des Mutterleibs nicht mitbekommen, weil sie immer nur geschwebt haben». So kommen sie auch auf die Welt, «und das ist, wie wenn man auf dem Mond aufwächst. Um sich aber hier zurecht zu finden, braucht ein Mensch eine Tiefensensibilität».

Damit meint die Therapeutin Muskeln, Sehnen, und überhaupt alles, was tief im Körper liegt. Wenn ein Kind zum Beispiel springen will, dann muss es wissen, wie es sich mit der Schwerkraft zurechtzufinden hat, «aber die Frühchen wissen das nicht». Deswegen beginnen sie später zu Krabbeln und zu Laufen als «normale» Kleinkinder. Damit nicht genug, werden sie von einer Sprachtherapeutin betreut, die ihre Fertigkeit im Reden überwacht. Ebenso wird die Handfertigkeit beobachtet. «Es ist eine Teamarbeit», betont sie.

Karin Boese ist der Ansicht, dass ein «Einzeltherapeut» diese Problematik nicht meistern kann, weil er unmöglich sämtlichen Herausforderungen gewachsen ist, die so ein Fall stellt. «Es ist modern, dass Krankengymnastinnen einzeln arbeiten, das kann man heute beobachten. Um diesen Kindern aber gerecht zu werden, müssen sie von einer Gruppe Fachleute behandelt werden, da so viele Gebiete involviert sind».

 

«Die hatten zu wenig Sport!»

Karin Boese wurde in Santiago geboren. In der chilenischen Hauptstadt besuchte sie die Deutsche Schule, wo sich relativ bald ihre Interessen abzuzeichnen begannen: «Mein Lieblingsfach war Sport», erzählt sie, «und meine Lehrerin Bärbel Heise hat mich, ohne es zu wissen, zur Krankengymnastik hingeführt, indem sie mich oft bat, bei bestimmten Übungen Hilfestellung zu leisten. Das war pädagogisch hervorragend, weil ich gemerkt habe, dass es einige sehr schwer hatten, vorwärtszukommen, und bei anderen steckt es in den Genen». Sie ist davon überzeugt, dass ihre Rolle im Sportunterricht und der Rückhalt ihrer Lehrerin, die ihr Interesse und vielleicht auch ihre Begabung erkannte, einer der ausschlaggebenden Gründe war, dass sie Krankengymnastin wurde.

Nach dem Abitur ging sie ihrem Vater zuliebe an das Humboldt-Seminar, «aber es hat mir nicht zugesagt. Die hatten zu wenig Sport!» Karin gab die Lehrerausbildung nach einiger Zeit auf. Kurzentschlossen ging sie nach Heidelberg und später nach Tübingen, um sich in Krankengymnastik ausbilden zu lassen. In den berühmten deutschen Universitätsstädten fand sie die Erfüllung ihrer beruflichen Wünsche.

Nach dem Praktikum begann sie in Deutschland zu arbeiten. Inzwischen spitzte sich in Chile die politische Lage zu – es war Anfang der 1970er Jahre – und Karin verspürte den Wunsch, in ihre Heimat zurückzukehren. «Ich war jung und idealistisch», schmunzelt sie, «und verspürte den Drang, meinen Beitrag in dieser schweren Zeit zu leisten». Sie nutzte damals die Gelegenheit, ihr deutsches Diplom an der Universidad Católica anerkennen zu lassen.

Karin Boese lebt seit vier Monaten in Chile. In diesem Zeitraum hat sie bei verschiedenen Kliniken «ein bisschen reingeguckt», und war positiv überrascht, dass die ihr vertrauten modernen Behandlungsmethoden angewendet werden.

Noch ist sie nicht berufstätig, sondern damit beschäftigt, sich umzusehen, wo sie ihre Tätigkeit ausüben wird. Damit wird sie, sobald es möglich ist, beginnen, und selbstverständlich werden ihre Patienten ausschließlich Kinder sein.

Die Frage drängt sich auf: Weshalb arbeitet sie am liebsten mit den kleinen Erdenbürgern? «Weil sie ehrlich sind», antwortet sie lachend, «Kinder sind offen. Wenn man ein gutes Gefühl für Kleinkinder und ein gutes diagnostisches Auge hat, dann merkt man sofort, was mit ihnen los ist». Das stellen Krankengymnastinnen bereits fest, wenn sie einen Patienten gehen sehen. Die Art der Bewegungen übermittelt die Information, die der Therapeut sucht.

 

Erwachsene sind manipulationsfähig

Bei Erwachsenen ist dies anders: «Da sie schon so lange auf der Welt leben, sind sie manipulationsfähig. Man fragt sich dann: Hat er nun etwas oder bildet er sich das ein? Die Kinder dagegen sagen einem genau, was sie tun können und was nicht. Wir erkennen, wo der Fehler ist, wo wir einhaken können».

Dazu kommt, dass Kinder ein Leben vor sich haben. Man kann viel aufbauen. Einem Erwachsenen kann man zu einem besseren Leben verhelfen, «aber bei einem Kind weiß ich genau, es fängt jetzt von null an». Außerdem leistet die Natur ihren Beitrag: «Auch wenn diesem Kind keine gute Krankengymnastik zuteil wird, heilt es oftmals von alleine».

Aber nicht nur Frühgeborene werden von Krankengymnastinnen behandelt. Auch bei Schwangerschaften, die bestens verlaufen sind, kann es bei den Neugeborenen genetische Schäden geben. Außerdem «kommen heute die autistischen Kinder ganz groß. Diese Fälle haben oft – natürlich nicht immer – mit den künstlichen Befruchtungen, die derzeitig durchgeführt werden, einen Zusammenhang». Aber das ist wieder ein anderes Gebiet, welches Karin Boese nicht behandelt. Heutzutage sind bekanntlich die Bereiche der Medizin hochspezialisiert und säuberlich voneinander getrennt.

In ihrer Freizeit ist Karin Boese «ein Sportmensch». Gegenwärtig ist ihre Hauptbeschäftigung zwar Kochen, aber in den kommenden Wochen möchte sie sich die Zeit nehmen, wieder wie einst zu Wandern und die Natur zu genießen. Kein Zweifel: dafür wird sie in ihrer alten neuen Heimat mehr als genügend schöne Standorte finden.

 

Walter Krumbach

 

 

Texto foto: Karin Boese ist Krankengymnastin mit einem Herz für Frühgeborene.

 

Foto: Walter Krumbach

 

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