Kein Fall ist hoffnungslos

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Das Mädchen ist um die zwei Jahre alt. Sein Blick ist wie abwesend, der kleine Körper schlaff, es kann nicht einmal den Kopf aufrecht halten. Die Krankengymnastin Renate Bender steigt auf das Pferd, nimmt das Kind in die Arme, setzt es behutsam auf den Pferderücken und bittet den Burschen, der die Zügel hält, loszugehen.

Von Walter Krumbach

Der Gaul reagiert sofort. Er setzt sich langsam in Bewegung. Eine halbe Stunde wird er in gemächlicher Gangart seine lebende Last tragen.

«Bei der Hippotherapie geht es um die Behandlung von Krankheiten, es ist ja nicht nur auf dem Pferd zu sitzen und spazieren zu gehen», erklärt Renate Bender, «das therapeutische Reiten basiert auf drei Prinzipien: erstens, die Übertragung der Gangart des Pferdes auf den Rumpf des Patienten. Das hilft, wenn sie Lähmungen haben, damit sie sensoriell fühlen, wie die Gehbewegungen sind.

Das zweite Element ist der Charakter der Pferde. Sie haben nämlich eine ähnliche Verhaltensweise wie die Menschen. Wenn du sie gern hast oder wenn du sie bestrafst, merken sie es. Sie geben Zuneigung und nehmen sie auch an. Und drittens ist da die Körperlichkeit. Das Pferd ist ein großes Tier, das uns etwa im Kampf auf alle Fälle besiegen würde. Diese Körpernähe hilft vielen Kindern, zum Beispiel den Autisten. Die schauen einen nicht richtig an. Die interessieren sich für nichts, sie stellen keine Verbindungen her. Wenn so ein Kind nun auf dem Pferd sitzt, muss es sich darauf konzentrieren, es anschauen, es anrühren und als Behandler kann man ihm sagen, was es tun soll, und so entsteht eine Beziehung».

Renate Bender legt das Mädchen auf den Bauch, später auf den Rücken. Nach 25 Minuten vergeht ihm die Geduld, es beginnt zunächst leise, aber allmählich lauter und energischer werdend, zu protestieren. Die halbe Stunde ist nun bald vorbei, der Gaul wird angehalten, das Kind vorsichtig herabgenommen und den wartenden Eltern, die den Vorgang aus der Ferne beobachtet haben, in die Arme gereicht.

25 Prozent der Patienten Renate Benders haben infantile Zerebralparesen. An zweiter Stelle kommen mit etwa 15 Prozent Kinder mit Down-Syndrom, es folgen die Autisten und schließlich verschiedene andere Syndrome, metabolische Krankheiten und Kranke, die an den Folgen eines Unfalls behandelt werden müssen. In der letzten Zeit haben Fälle von Kindern mit schlechtem Betragen zugenommen. Die Therapeutin hat hierzu eine Erklärung parat: «Die Kinder sitzen stundenlang in der Schule, zuhause gehen sie an den Computer, sie bewegen sich nicht! Hier bei uns können sie laufen, auf dem Pferd sitzen und dazu werden sie behandelt».

Patient und Tier stellen eine Beziehung her

Die Therapie übernehmen außer der Expertin in Hippotherapie Psychologen, Physiotherapeuten und Helfer. Während der Behandlung auf dem Rücken des Pferdes entsteht eine Interaktion zwischen dem Patienten und dem Tier, «die sowohl körperlich als auch psychisch ist», betont Renate Bender, «einerseits ist da die Übertragung der Bewegung, auf die er andauernd unbewusst reagieren muss, und andererseits stellt er mit dem Pferd eine Beziehung her, was sehr hilfreich ist. Die Kinder freuen sich, wenn sie herkommen, sie kommen nicht zu einer Behandlung. Durch die Motivation, arbeiten sie viel besser mit».

Die Eltern der Patienten dürfen übrigens nicht mithelfen. Sie schauen lediglich zu. Das hat zum einen pädagogische Gründe: «Die Kinder würden sich wie zu Hause benehmen, während man mit einem Behandler viel mehr erreichen kann», und zum anderen aus Sicherheitsgründen: «Sie kennen nicht die Pferde und wissen daher nicht, wie man sich ihnen gegenüber zu verhalten hat». Die Tiere sind für ihre Arbeit speziell trainiert worden. Renate Bender unterstreicht, dass sie «keine Reitpferde, sondern darauf vorbereitet worden sind, damit die Patienten sich auf ihrem Rücken umdrehen oder auf den Bauch legen können».

Wie stellt man den Erfolg bei einer Behandlung fest? «Normalerweise merken die Eltern bereits nach dem ersten Monat, dass ihr Kind eine bessere Haltung hat», stellt die Krankengymnastin fest, «denn dass man auf dem Pferd sitzen muss und dabei nicht herunterfällt bewirkt, dass die Muskulatur des Oberkörpers stärker wird.» Eltern weisen immer wieder darauf hin, dass schon nach einem Monat die Kinder nicht nur besser sitzen, sondern auch den Löffel anders in die Hand nehmen.

Die Erfolge hängen jedoch in großem Maße von der Krankheit ab, die behandelt wird. Die meisten Pathologien, die Renate Bender und ihre Mitarbeiter behandeln, «sind dauerhafte, wie zum Beispiel das Down-Syndrom. Es sind Schäden, mit denen die Patienten geboren werden und die nicht heilbar sind. Wir wollen hier die Lebensqualität verbessern, dass sie unabhängiger werden, dass sie arbeiten können. Oder wenn ein Kind nicht einmal sitzen kann, wollen wir zumindest erreichen, dass es lernt, sich zu setzen».

Trotz Polio Silber auf der Olympiade

Die Hippotherapie gibt es seit den 1950-er Jahren. Den Anfang machte Lis Hartel, eine junge Dänin, die als Kind eine begeisterte Reiterin war. 1943 erkrankte sie an Kinderlähmung. Nach ihrer Heilung konnte sie nicht mehr gehen, setzte es aber durch, wieder zu Reiten. Allmählich wurden Fortschritte bemerkbar, die sie dazu anspornten, sich mit dem Dressurreiten intensiv zu befassen. Obwohl sie vor und nach jedem Ritt auf fremde Hilfe angewiesen war (sie konnte auf das beziehungsweise von dem Pferd weder auf- noch absteigen), hatte sie einen durchschlagenden Erfolg: Lis Hartel erhielt bei den Olympischen Spielen 1952 und 1956 jeweils die Silbermedaille im Dressurreiten.

Der Fall Hartel wurde von Forschern untersucht. Die Fortschritte, die die Kranke in ihrer Zusammenarbeit mit dem Pferd machte, dienten fortan als Vorbild. Die erfolgreiche Therapie wurde mit der Zeit international bekannt und wird heute weltweit angewendet.

Renate Bender ist in Deutschland aufgewachsen und fing mit 11 Jahren an zu reiten. Später studierte sie Krankengymnastik. «Damals habe ich zum ersten Mal Kinder mit Zerebralparesen gesehen», erinnert sie sich, «die haben mich so beeindruckt, dass ich meinte, da will ich etwas machen». Später ging sie nach Nigeria und Brasilien, ließ sich jedoch nach der Heirat mit einem Chilenen endgültig in Santiago nieder. Als ihre Kinder herangewachsen waren, «ich war so um die 40 und hatte wieder ein bisschen mehr Zeit», widmete sie sich wieder den Pferden. Über eine deutsche Zeitschrift hatte sie sich über die Hippotherapie informiert und hatte festgestellt, «das ist mein Thema!»

Sie setzte sich in Deutschland mit dem Gründer der Hippotherapie in Verbindung, was einen regen Informationsaustausch zur Folge hatte. Renate Bender reiste nach Europa, in die USA, um verschiedene Behandlungszentren zu besuchen. «Und dann hab‘ ich eben angefangen», erzählt sie, «ich fragte an der Escuela de Equitación der Universidad Católica an, ob sie mir Pferde zur Verfügung stellen könnten und erhielt eine positive Antwort». Gleichzeitig nahm sie mit dem Teletón Kontakt auf, für die sie Kinder in Behandlung nahm.

Mit einem Pferdebesitzer gründete sie eine Gesellschaft, um unabhängig zu werden und ein Zentrum aufzubauen. 2004 gründete sie die Fundación Chilena de Hipoterapia. Zu dem Zeitpunkt hatte es sich bereits herumgesprochen, dass die Methode erfolgreich war. Heute ist die Nachfrage groß, Renate Bender, ihre Mitarbeiter und die 24 Pferde sind voll ausgelastet. «Und wir finanzieren uns!», sagt sie voller Freude. Wenn früher diese Behandlungsmethoden von gewissen Kreisen skeptisch betrachtet wurden, so sind sie heute voll anerkannt. Sie werden von der Wissenschaft voll anerkannt und, was für die betroffenen Patienten und ihre Familien besonders erfreulich ist, sie werden auch von den Isapres ausgezahlt.

 

Kontakt: www.hipoterapia.cl und E-Mail: renate.bender@gmail.com

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