Francisco Kamann, Karatelehrer beim Club Manquehue

«Der Gegner bist du selbst»

Francisco Kamann, Lehrer für Karate beim Club Manquehue
Francisco Kamann, Lehrer für Karate beim Club Manquehue

 

Francisco Kamann ist Trainer der Karateabteilung beim Club Manquehue. Für den Anhänger der traditionellen japanischen Variante dieser Kampfsportart ist Karate eine Schule des Lebens, eine Philosophie. Mehr als 40 Jahre widmet er ihr inzwischen.

 

Von Petra Wilken

«Auch wenn es paradox klingt: Im Karate werden Schläge und Fußtritte ausgeteilt, doch es erhöht den inneren Frieden, fördert den Respekt und steigert das Selbstvertrauen», erklärt Kamann. Zumindest in der Schule so, die er vertritt, in der Karate mehr als nur Sport ist, sondern die dazu beitragen will, dass die Kämpfer ihre Persönlichkeit positiv entwickeln und zu einem höherem inneren Gleichgewicht gelangen.

Schon als Kind interessierte sich Francisco Kamann für Philosophie, den Ursprung des Lebens und den Sinn der menschlichen Existenz. «Daraus entstand mein Interessiere an der Philosophie und der Kunst des Ostens. Nach viel Lektüre haben die sogenannten Kampfkünste, insbesondere Karate, meine Aufmerksamkeit erregt.»

Rückblickend auf seine Jugendzeit ist er davon überzeugt, dass auch die Schulwahl, die sein Vater für ihn vornahm, seine Vorlieben weiter gefördert haben. Er ging auf das Liceo Alemán, das damals im Zentrum in der Straße Moneda Ecke Manuel Rodríguez untergebracht war und von der Kongregation Verbo Divino betrieben wurde.
 

Mysterien des Universums und der menschlichen Existenz

«Da ich auf eine konfessionelle Schule ging, lernte ich viel über die christliche Religion», erzählt Kamann. «Es waren sehr gute Lehrer und ihre progressive europäische Denkweise hat mir sehr gefallen.» Besonderen Einfluss hatte sein Physiklehrer auf ihn, Padre Bernhard Stariska, der von den Mysterien des Universums und der menschlichen Existenz sprach. «Er hatte Astronomie studiert und war ein ganz außergewöhnlicher Mensch.» Die offene Weltanschauung der deutschen Mönche seiner Schule gefiel ihm sehr.

Sein Großvater war aus Deutschland in den Süden Chiles eingewandert. Sein Vater Gaspar Kamann sprach selbst kaum noch deutsch, dennoch wollte er, dass der Sohn die Sprache lernte. Die Kamanns wohnten in Curicó, wo er auf dem Land aufwuchs. Sein Vater betrieb Landwirtschaft.  

Im Jahr 1966 begann Francisco Kamann Karate in einer Schule in Santiago zu lernen, die von einem japanischen Meister namens Sensei Seiichi Akamine geleitet wurde. Der Meister, der 1920 geboren wurde und direkt von Samurais abstammen soll, lebte in Brasilien und hatte 1958 eine Karate-Do-Schule in Sao Paolo eröffnet, die mehr als tausend Praktizierende hatte. Kamann reiste mehrmals nach Brasilien in seine Schule.

Als er 1972 sein Studium als Sportlehrer an der Universidad de Chile aufnahm, hatte er bereits den schwarzen Gürtel und seine berufliche Karate-Laufbahn begann. Er gründete an der Uni eine Karateabteilung und wurde zudem von der Hochschule als Trainer eingestellt, obwohl er noch Student war. Kurz darauf richtete er zudem eine Karateschule bei sich zuhause ein. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits verheiratet und hatte seine eigene Familie gegründet.
 

Traditionelles Karate vom Meister

Bei einer Reise 1978 besuchte Akamine den Unterricht von Francisco Kamann an der Universidad de Chile. «Mein Stil und meine Art zu unterrichten gefielen dem Meister. Er bat mich, sein Schüler zu werden und durch mich sein Vermächtnis zu hinterlassen», berichtet Kamann. «So begann ich, jedes Jahr nach Sao Paolo zu reisen, bis er 1995 starb.» Er brachte Kamann nicht nur traditionelles Karate bei, sondern führte ihn zudem in eine alte Lehre ein, die mit der Numerologie verwandt ist und «kaité» heißt. «Ich haben vielen im privaten Umkreis damit helfen können.»

Die orientalische Philosophie, die für Kamann wichtige praktische Aspekte für das tägliche Leben hat, brachte ihn schließlich 1982 dazu, Psychologie zu studieren. «Als Psychologe habe ich viel über das menschliche Verhalten gelesen.» Seine Kenntnisse bringt er seit 1992 im Club Manquehue ein, wo er damals die Karateabteilung aufbaute. Der Unterricht ist ab fünf Jahren für alle Altersstufen geeignet. «Physische Kondition ist keine Voraussetzung. Jeder entwickelt sich, wie er kann. Dein Gegner ist nicht ein anderer, sondern du bist es selbst. Du arbeitest an dir selbst, an deinem Verhalten, deiner Arbeit, deinen persönlichen Beziehungen. Es gibt eine Verbindung zwischen den Bewegungen und den Gefühlen und Emotionen», erklärt Kamann.
 

Respekt und Selbstkontrolle

In den Karatestunden lernen die Schüler Disziplin, sich formal zu begrüßen, den Respekt vor den anderen und Selbstkontrolle. «Wenn ein Kind das andere auslacht, dann spreche ich mit ihm. Es gibt keine Strafen, sondern Erklärungen und Gespräche. Es ist beeindruckend, die Veränderungen zu beobachten.» Insbesondere auch für Kinder mit Entwicklungsstörungen oder emotionalen Schwierigkeiten sei seine Methode hilfreich. «Psychologische Studien heben den Beitrag von Karate bei derartigen Schwierigkeiten hervor.»  

Seine eigenen Kinder sind längst erwachsen. 2012 ließ sich Francisco Kamann nach 39 Ehejahren scheiden. Inzwischen hat er drei Enkelkinder, zwei in Chile und eines in Deutschland, da seine Tochter Karin seit 13 Jahren in Hamburg lebt und mit einem Deutschen verheiratet ist. Letztes Jahr hat sie ein Pädagogik-Studium mit Höchstnote abgeschlossen. Und das auf Deutsch. Der Stolz ist Francisco Kamann ins Gesicht geschrieben. «Ich bin genauso stolz auf die berufliche Entwicklung meiner Tochter Lisette, die eine eigene Produktionsfirma gegründet hat, und auf meinen Sohn Erich, der Psychiater ist», fügt er hinzu.

 

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