Käthe Richter – Lebensgeschichte mit Kinostoff

Käthe Richter
Käthe Richter

 

Wer sich die Lebensgeschichte von Käthe Richter erzählen lässt, taucht in einen Film mit dramatischen Wendungen ein. Die Schauplätze: Deutschland, Österreich und Chile. Die Hauptdarstellerin: Ein junges, verwöhntes Mädchen aus gutem Hause, das es schafft, sich alleine im Kriegs-Deutschland durchzuschlagen und mit dem Dampfer «Presidente Errázuriz» schließlich wieder glücklich zu ihrer Familie nach Chile zurückkehrt. Großes Kino.

 

Von Petra Wilken

Die Welt stand in Flammen, als Käthe Richter am 27. November 1917 in Zerbst in Anhalt geboren wurde. Dass ihr Geburtsort im Zentrum des Weltkrieges lag, war einer der nicht zu erklärenden Zufälle in ihrem Leben. Sie hätte auch in Chile zur Welt kommen können, und sie hätte auch im Zweiten Weltkrieg nicht in Deutschland sein müssen. Doch in der Erzählung ihrer einhundert Jahre ist das kein Drama, sondern war einfach so, wie es war. Ganz im Gegenteil: «Im Großen und Ganzen habe ich sehr viel Glück gehabt», findet sie. Ihre beneidenswerte Vitalität bestätigt das.

Doch der Reihe nach: Ihr Vater Paul Richter war ein deutscher Schiffsarzt, der 1895 nach Chile gekommen war und sich in Iquique niederließ. Eines Tages hatte er so viel verdient, dass er sich eine Reise nach Deutschland leisten konnte. Das Schicksal wollte es so, dass sein Schiff einen Tag vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges anlegte und er in Deutschland bleiben musste. So arbeitete er als Arzt in einem Lazarett in Zerbst, wo er Anna Friedrich kennenlernte und sich in sie verliebte. Sie heirateten und bekamen zwei Kinder: Heinz und Käthe.

Kurz bevor Käthe zwei wurde, schiffte sich die Familie nach Chile ein und lebte zunächst in Iquique, wo ihr Vater während der Salpeterzeit ein gutes Einkommen als Arzt hatte. Da es dort keine deutsche Schule gab, wechselte die Familie nach Santiago. Doch noch vor der Einschulung ging die Familie für ein Jahr nach Deutschland.

Heinz und Käthe lebten bei der Großmutter in Zerbst, während die Eltern die kinderfreie Zeit nutzten und reisten. «Einmal kam mein Vater und sah, dass mein Bruder und ich auf dem Sofa hüpften. Kurz darauf stellte er einen Privatlehrer für uns ein, sodass wir schon lesen konnten wie die Großen, als wir in Santiago in die Schule kamen. Ich wollte gar nicht nach Chile zurück, sondern bei meiner Großmutter bleiben, aber sie haben mich nicht gelassen.»

Als sie das Bachillerato machte, dachte sie, dass sie wie ihr Bruder auch Medizin studieren würde. «Ich wusste nicht, dass Töchter nicht studieren, sondern zuhause warten, bis der Prinz kommt», meint sie ironisch. So war ihre ganze Ausbildung ein Englisch-Konversationskurs, der sich später einmal als äußerst nützlich erweisen sollte.

Inzwischen wurde das Jahr 1939 geschrieben und der Vater kaufte ihr die lang ersehnte Schiffspassage nach Deutschland. Kurz darauf bekam er Bedenken, dass es Krieg geben könnte. Doch Käthe fuhr trotzdem. Im August lernte sie auf der Insel Rügen einen jungen Studenten aus Wien kennen. Beide mussten schnell von der Insel aufs Festland zurück, denn nun brach der Krieg tatsächlich aus.

Der junge Österreicher ging nach Wien zurück, und Käthe Richter folgte ihm dorthin. Bald traf kein Geld mehr ein und sie musste Arbeit finden. Aber wie, ohne etwas gelernt zu haben? Sie bekam eine Stelle als Kontoristin bei Mitropa, der Bewirtungsgesellschaft der Bahn. Ihrer Meinung nach, weil sie beim Bewerbungsgespräch so nett von den Bergen in Santiago erzählte. «So blieb ich in Wien und der Jüngling und ich verkehrten, bis er zum Heer musste. Eines Tages rief er mich an und sagte ‘Ich komme nach Wien und dann heiraten wir.’ Zwei Tage bevor er kam, ist er gefallen. Danach wollte ich keinen anderen mehr haben. Ich dachte, das passiert wieder.»

Als die Russen im September 1944 nach Wien kamen, floh sie per Zug nach Bayern, wo sie bei einer Cousine am Chiemsee unterkommen konnte. «Dann kam die langersehnte Kapitulation. Wir umarmten uns. Die Amerikaner kamen und wollten, dass wir die Wohnung räumten. Ich habe mit ihnen auf Englisch gesprochen. Davon waren sie ganz angetan.» Die Familie ihrer Cousine durfte bleiben. Sie teilten sich die Wohnung und das Essen mit den amerikanischen Soldaten. «Seit zwei Jahren hatten meine Eltern nichts mehr von mir gewusst. Ich sprach mit einem General, der einen Brief von mir schickte, der tatsächlich ankam.»

Als der Postverkehr wieder aufgenommen wurde, schickte ihr Vater eine Schiffspassage auf der «Presidente Errázuriz», dem Dampfer, den die chilenische Marine mit Hilfsgütern der deutsch-chilenischen Gemeinschaft schickte. Das Problem war, dass sie zusammen mit der Familie ihrer Cousine nach Genthin bei Berlin in die Ostzone gezogen war, während die« Errázuriz» am 20. August 1947 in Hamburg in der Westzone ankommen würde. «Es war verboten, über die Grenze zu gehen. Im Niemandsland bestand die Gefahr, dass sie schießen würden.» Sie ging dennoch schwarz über die Grenze.

Als sie in Hamburg ankam, lag der Dampfer noch in Antofagasta in Quarantäne, weshalb sie sich nun zwei Monate in der Hafenstadt durchschlagen musste. «Ich musste mir Marken holen, um etwas zu essen zu bekommen. Bei der Essensausgabe spotteten sie über mich: ‘Ja, ja, es kommt ein Schiff und nimmt dich mit’». Doch es kam, und mit ihr fuhren 400 Menschen aus dem ausgebombten Deutschland nach Chile. Im Hafen von Valparaíso wartete ihre Familie. Mit ihrer Kleidung in einem Pappkarton ging sie von Bord. «‘Das schmeißen wir alles ins Wasser’, sagte mein Bruder».

Gut 70 Jahre ist das nun her. Lebenszeit, die aus Platzmangel nur noch ganz kurz zusammengefasst werden soll: Sie arbeitete 58 Jahre lang bei der Agentur Carlson Wagonlit und verkaufte Reisen. Sie verkaufte sie nicht nur, sondern reiste auch selbst ständig durch die Welt. Schiffsreisen sollten sie nie loslassen. Kreuzfahren hießen die jetzt. Mit 90 hat sie damit aufgehört. Aufgehört zu arbeiten hat sie mit 88. Da wohnte sie schon im Seniorenheim Tupungato in Vitacura. Geheiratet hat sie nie.

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