Vom Flachland in die Berge

Dr. Jochen Fritz, Leiter des Lehrerbildungsinstituts (LBI)

LBI Jochen Fritz
Dr. Jochen Fritz ist seit August 2016 Leiter des Lehrerbildungsinstitutes (LBI) in Chile.

 

Seit August ist Dr. Jochen Fritz neuer Leiter des Lehrerbildungsinstituts (LBI). Der gebürtige Kölner war zuletzt stellvertretender Schulleiter einer Abendschule in Hamburg, bevor er mit seiner Partnerin nach Chile kam. Ein wenig hat er das Land schon bereist.

Von Arne Dettmann

Die jährliche Theater-Chor-Reise des LBIs führte die Studenten dieses Mal zu Aufführungen an den Deutschen Schulen in Villarrica, Temuco, Los Ángeles, Concepeción und Chillán. Mit dabei war auch Jochen Fritz. Auf einer zweiten «Erkundungstour» zur Direktorenkonferenz in Osorno lernte er auch dort die Deutsche Schule kennen. Die langen Bus- und Autofahrten hätten sich gelohnt, so sein Fazit: «Ich habe es genossen und mich satt gesehen: Abwechslungsreiche Landschaften, die schönen Seen Villarrica und Llanquihue und dazu Vulkane und Berge. Einfach toll!»

Vielleicht rührt die Begeisterung auch daher, dass Jochen Fritz die vergangenen zehn Jahre in einer Stadt gelebt hat, wo es keine Gebirgslandschaften gibt und die höchste Erhebung gerade einmal etwas mehr als 100 Meter misst. Im norddeutschen Hamburg arbeitete er an der Abendschule «Vor dem Holstentor», einer staatlichen Bildungseinrichtung, an der Erwachsene den Abiturabschluss erlangen können. In den letzten fünf Jahren war er dort als stellvertretender Schulleiter tätig.

Jochen Fritz stammt gebürtig aus Köln, zog jedoch mit sechs Jahren nach Holland, wo sein Vater studierte. Später ging die Familie in die Nähe von Aachen. Dort besuchte der Junge eine bilinguale deutsch-französische Schule, in ihrer Art vergleichbar mit der Deutschen Schule Santiago. «Da wurde wahrscheinlich mein Interesse fürs Ausland geweckt.» Der Vater wiederum arbeitete für eine englische Firma und nahm den Sohn viel auf seinen Geschäftsreisen in Europa mit.

Sein Zivildienst führte ihn zwei Monate lang nach Südfrankreich und anschließend wieder nach Deutschland. Danach studierte Jochen Fritz Internationale Kultur, Literaturwissenschaft, Philologie sowie Französisch an den Universitäten in Bonn, Brüssel, Madrid und Köln. Mit dem Magister in Literaturwissenschaft in der Tasche erhielt er ein Stipendium, um zu promovieren. An der Uni Bonn unterrichtete Jochen Fritz schließlich französische und lateinamerikanische Literatur, bevor er in Aachen ein zweijähriges Lehrer-Referendariat machte und nach Hamburg ging.

Dabei war es gar nicht selbstverständlich gewesen, von der Universität auf die Schule umzusatteln. Denn als Jochen Fritz studierte, herrschte damals in Deutschland ein Einstellungsstopp bei Lehrerstellen. Aber der Beruf faszinierte ihn weiterhin, während er schon an der Hochschule lehrte. «Schule finde ich interessanter, man ist bei Schülern einfach näher dran am Geschehen als bei Studenten.»

Die Ausschreibung des LBIs zur Neubesetzung der Leitung passte für ihn wie die Faust aufs Auge: Hier könnte er sowohl seine Uni-Erfahrung als auch seine Zeit als Schullehrer miteinbringen. Lateinamerika begeisterte ihn ohnehin, hatte er doch schon Kuba, Peru, Argentinien und Brasilien bereist.

«Es ist bemerkenswert, wie die deutsche Gemeinschaft hier in Chile über einen so langen Zeitraum – angefangen von der ersten Einwanderung – die deutsche Sprache aufrecht erhalten hat und die emotionelle Anlehnung an Deutschland bewahren konnte», erklärt Jochen Fritz. Das Beibehalten einer Fremdsprache und Kultur in einem anders geprägten Land sei anspruchsvoll, ja sogar schwierig. Umso überraschender, wie stark in Chile deutsche Schulen und andere Institutionen verwurzelt und gut aufgestellt seien. Er ist davon überzeugt, dass auch das LBI in Zukunft dabei eine wichtige Rolle spielen kann und sollte.

Die neue Kooperation zwischen LBI und der Universidad de Talca (siehe auch www.pedagogiasenaleman.utalca.cl) sei eine große Chance, denn mit ihr würden die LBI-Abschlüsse aufgewertet und international anerkannt. Daher habe er es sich zum Ziel gesetzt, während seines Sechsjahresvertrages diese gelungene Zusammenarbeit auszubauen und mit Leben zu füllen.

Zum einen habe die Universität nun auch einen Campus für Erziehungswissenschaften in Linares eröffnet, der LBI-Studenten offen stehe. Zum anderen soll nach den Winterferien im nächsten Jahr ein gemeinsames Masterprogramm mit der Ludwigs-Maximilians-Universität München (LMU) starten. Dabei können Studierende dann anderthalb bis zwei Jahre am LBI lernen und anschließend für ein halbes Jahr lang nach München gehen. Jochen Fritz: «Die LMU zählt zu den höchstgerankten Unis in Deutschland und weltweit. Diese Kooperation ermöglicht also, übers LBI einen tollen internationalen Abschluss für Chile zu erhalten.»

Jochen Fritz ist aber nicht nur von seiner neuen Arbeitsstelle und deren Möglichkeiten begeistert. Ihm gefällt – wie so vielen Deutschen hier vor Ort – Chile auch ganz privat: Santiago sei eine lebendige Stadt, die mit vielen Restaurants, Theatern und Kinos aufwarte. Ein paar Museen habe er bereits besichtigt. Zusammen mit seiner Frau Verena, die als Lehrerin an der Deutschen Schule Thomas Morus angefangen hat, erkundet Jochen Fritz per Fahrrad an den Wochenenden die neue Heimat.

In seiner Freizeit widmet er sich zudem gerne der Literatur. Unter den lateinamerikanischen Lieblingsautoren wären vor allem die Argentinier Jorge Luis Borges und Julio Cortázar zu nennen. Aber auch vom Chilenen Roberto Bolaño habe er einiges gelesen. Im Gegensatz zu seiner vorherigen Tätigkeit in Hamburg wird Jochen Fritz für die schriftstellerische Lektüre nun hoffentlich genügend Zeit nach dem LBI finden. Denn am Abendgymnasium in der Hansestadt waren seine Arbeitszeiten ganz anders geartet – nämlich von 13 bis 22 Uhr.

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