Ivonne Reifschneider, Präsidentin der Stiftung Huilo-Huilo

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Das Leben von Ivonne Reifschneider, Architektin und Nachfahrin schweizerischer Einwanderer, ist tief geprägt von der Verbindung mit der Natur und ihrer Magie. Sie ist Präsidentin der Stiftung Huilo-Huilo, die sich für den Schutz des temperierten Regenwaldes in der Region Los Ríos einsetzt, lokale Entwicklungsprojekte fördert und Hotels gebaut hat, die direkt aus dem Märchenbuch zu stammen scheinen.

Was wollten Sie als Kind werden?
Einer meiner Träume war es Tänzerin zu werden. Schon als ganz kleines Mädchen habe ich Schwanensee, Les Sylphides und andere Ballette gesehen, die eine ätherische, sehr magische Welt zeigen und eine wunderschöne, inspirierende Musik haben.

Wenn Sie wieder auf die Welt kämen, würden Sie den gleichen Beruf ergreifen?
Ich bin Architektin – ein Beruf, der mir das Handwerkzeug dafür gegeben hat, Räume im Einklang mit der Natur und den Menschen, die sie bewohnen, zu gestalten. Ich glaube, dass es ein Beruf ist, der es mir erlaubt hat, unsere Umwelt und den tiefen Sinn unseres Naturerbes schätzen zu lernen. Das hat mich immer interessiert, insbesondere die Botanik. Ich denke, dass die Architektur uns eine Welt der Fantasie und der Kreativität öffnet, was wesentlich in meinem Leben ist.

Wer war und ist Ihr Vorbild?
Vor einigen Jahren hatte ich das Privileg, den Architekten und Naturforscher Rodolfo Hoffmann kennen zu lernen, der eine außergewöhnliche Fähigkeit hat, Architektur und Natur in seinen Werken und Schriftstücken zu integrieren. Sein Werk «Magna Magistra Mater Natura» zeigt mittels schöner Illustrationen von Naturstrukturen ein tiefes Verständnis der natürlichen Welt. Sie dienen als Inspiration für menschengemachte Strukturen, zum Beispiel das Wachsen von Pflanzen, Kristallen und ihre elementaren und geometrischen Formen, die Zeichnungen auf den Flügeln von Insekten, die schönen Muster der Schmetterlinge, mit denen sie ihren Feinden Botschaften senden. Bienenwaben sind perfekte Bauten, obwohl sie von Individuen geschaffen werden, die zusammen einen Schwarm bilden. Wir haben heutzutage die Begeisterungsfähigkeit für die natürliche Welt verloren, die uns umgibt.

Wofür sind Sie Ihren Eltern dankbar?
Meine Eltern haben mich ich selbst sein lassen und immer an mich geglaubt und mir vertraut. Wir lebten in einem Haus mit einem großen Garten in Avenida Ossa, der der magische Ort meiner Kindheit war. Wir sind viel gereist, sehr oft in den Süden an wundervolle Orte mit Naturwald und Bergen. Wir reisten mit vielen Verwandten, was meine Kindheit glücklich machte und mir Kraft für traurige und schwierige Momente gegeben hat.

Was war Ihr schlechtestes Schulfach?
Das ist schwierig für mich zu sagen. Als Einzelkind war die Schule für mich wichtig und unterhaltsam, schon alleine, um andere Kinder kennenzulernen. Ich denke, dass mehr als von einem Fach die guten oder schlechten Erfahrungen von den Lehrern abhängen. Die humanistischen Fächer und Biologie waren meine Lieblingsfächer.

Was macht Sie glücklich?
In der Natur zu sein, im Wald, an der reinen Luft, laufen zu können und in Ruhe beobachten zu können. Zu wissen, dass es meiner Familie und meinen Lieben gut geht.

Was macht Ihnen Angst?
Ich mag das Eingesperrt sein nicht, die Dunkelheit, Höhen, extreme Abenteuer und Menschenmengen.

Worauf könnten Sie verzichten?
Ich glaube, es gibt materielle Dinge, auf die ich verzichten könnte. Die Freiheit hingegen ist für mich eins der höchsten Attribute, das ich nicht verlieren möchte.

Was ist Ihnen peinlich?
Etwas nicht einzuhalten, wozu ich mich verpflichtet habe.

Wen beneiden Sie?
Ich könnte nicht sagen, dass ich eine bestimmte Person beneide. Vielleicht beneide ich die Freiheit der Jugend heute, die reisen, neue Studien oder Arbeiten beginnen und verschiedenen Möglichkeiten wahrnehmen kann.

Mit wem würden Sie nie tauschen wollen?
Mit einem Politiker. Ich habe das Gefühl, dass sie anstatt Lösungen zu suchen, dunkle Angelegenheiten unter dem Motto «Teile und herrsche» vorantreiben. Die Welt muss sich jedoch in Richtung Toleranz, Verständnis und Respekt für unterschiedliche Ansichten in der Gesellschaft entwickeln.

Wen würden Sie gerne einmal treffen?
Ich wollte immer meine Großeltern kennenlernen, insbesondere meine Großmutter mütterlicherseits. Sie stammte aus einer Pionierfamilie, die Ende des 19. Jahrhundert aus der Schweiz auswanderten. Sie haben sich als Kolonisten in Galvarino und anschließend in Victoria niedergelassen. Ich glaube, dass das Durchhaltevermögen und der starke Wille in dieser Familie sehr wichtig in meinem Leben waren.

Was würden Sie niemals tun?
Ich würde niemals etwas gegen meine Prinzipien und fundamentalen Werte tun. Und natürlich würde ich niemals ein Lebewesen schlecht behandeln.

Was regt Sie auf?
Wenn mir Sachen zugeschrieben werden, die nicht getan habe.

Was ertragen Sie mit Humor?
Jede Art von Missverständnis oder Meinungsverschiedenheit mit meinen Enkeln. Sie sind für eine Quelle der Erneuerung und lassen mich die Dinge aus anderen Perspektiven sehen.

Über welche eigenen Schwächen ärgern Sie sich?
Hauptsächlich die Schüchternheit.

Weshalb würden Sie nie aus Chile auswandern?
Ich bin in Chile geboren, meine Wurzeln haben sich hier entwickelt, meine engere Familie, meine Töchter und meine Freunde sind hier. Und Chile ist ein Land, in dem ich sehr nahe an der Natur gelebt habe, was für mich wesentlich ist. Das Naturerbe Chiles ist divers und einzigartig, und für mich gibt es keinen anderen Ort auf der Welt mit dieser Vielfalt und landschaftlichen Schönheit. Der einzige Grund auszuwandern wäre fehlende Freiheit.

Wenn Sie einen Tag Präsident wären, was würden Sie ändern?
Ich glaube, ich würde die Wertschätzung unseres natürlichen Erbes ändern und die Erfahrung und das Bewusstsein darüber von klein auf in die Bildung mit aufnehmen.

Was sollten die Chilenen ernster nehmen?
Das kulturelle und natürliche Erbe des Landes. Es ist die Basis der Identität, des Selbstbewusstseins und die Möglichkeit für eine nachhaltige Entwicklung und eine Zukunft. Das müsste Teil unserer Gegenwart und Zukunft sein und nicht etwas, das ohne Sinn aus der Vergangenheit aufbewahrt wurde. Das eröffnet viele Entwicklungschancen, bei denen die lokale Identität und die jeweiligen Werte erhalten bleiben.

Welches Buch lesen Sie gerade?
Ich lese gerade «Kallinco, el Lago Sagrado», der geheime Name des Sees Neltume in der Region Los Ríos. Es wertet die kulturellen Besonderheiten dieser Gegend auf. Und gleichzeitig habe ich angefangen «El Ultimo Adiós» von Kate Morton zu lesen.

Was ist Ihr Lieblingsgericht?
Ich mag italienisches Essen, besonders Nudeln, Gemüse und Obst.

Was machen Sie am liebsten in Ihrer Freizeit?
Ich lese gerne, schreibe, male, gucke Filme, laufe in der Natur spazieren und treffe mich gerne mit meinen Töchtern und Enkeln.

Bei welchem Film haben Sie geweint?
Meine älteste Erinnerung ist Bambi, und danach haben meine ältere Tochter und ich, als sie etwa acht war, einen Lassie-Film gesehen. Die dramatischen Abenteuer, die der Junge und sein Hund erlebten, haben uns beide sehr erschüttert.

Welchen Männertyp finden Sie anziehend?
Ich glaube, mich ziehen Abenteurer an, Männer, die selbstsicher, intelligent, und fantasiebegabt sind, und die in der Lage sind, die Welt mit Kinderaugen zu sehen und über die einfachen Dinge des Lebens staunen können.

Wem wollten Sie schon lange ein Kompliment machen?
Ich hätte mir gewünscht, Douglas Tompkins besser kennenzulernen wegen seiner anderen Sicht auf unser Naturerbe und wegen seines Konzepts des Naturschutzes durch private Eigentümer. Er hat gezeigt, dass wir unseren Ur-Traum vom Erhalt der Natur nicht aufgeben dürfen.

Was sollte Ihnen später einmal nachgesagt werden?
Ich weiß es nicht, aber ich wünsche mir, dass man sich an meine Nähe zur Natur erinnert und dass die tiefe Magie, die sie inspiriert, ein Teil meines Lebens waren.

Wie lautet Ihr Lebensmotto?
Verliere nie die Fähigkeit, den Wert und die Tiefe in den Menschen und Dingen zu sehen, und das zu sehen, was transzendieren wird.

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