Inge Schöbitz – Künstlerin: Die Spätberufene

Inge Schöbitz Pfeiffer
Inge Schöbitz Pfeiffer

Die vierfache Mutter Inge Schöbitz Pfeiffer begann ihr zweites Leben mit 46 Jahren: Sie widmet sich der Kunst. Die aus Llanquihue stammende Deutsch-Chilenin ist heute eine anerkannte Künstlerin für Aquarellmalerei.

Von Silvia Kählert

«Immer ist die Begegnung mit dem weißen Blatt voller Erwartung und voller Angst zugleich. Und es ist viel weniger traumatisch, wenn man mit Wasser arbeitet und das Wasser, das transparent über das Blatt Papier läuft, eine feuchte Spur hinterlässt, die man benutzen oder so lassen kann.» Mit diesen Sätzen beginnt das Heft zur ersten Ausstellung von Inge Schöbitz. Sie hat spät in ihrem Leben begonnen als Künstlerin zu arbeiten, aber von Anfang an gewusst, dass ihr Metier die Aquarellmalerei sein sollte.

Heimat Llanquihue – «Es wurde auch zuhause Deutsch gesprochen.»

Drei ihrer Kinder hatten Schule oder Studium beendet, der Jüngste war 13 Jahre alt, als sie entschied, Kunst zu studieren. Da zeigte sich auch der Einfluss ihrer deutschen Wurzeln: «Wenn ich etwas mache, dann richtig. Das sei sehr deutsch, wurde mir mal gesagt», schmunzelt sie. Mit 18 Jahren hat sie nach der Schule in ihrer Heimatstadt Llanquihue geheiratet. Danach zog das Paar nach Santiago. Der Kontakt zu ihrer großen Familie ist immer sehr eng geblieben. «Jedes Jahr gibt es ein großes Familientreffen um den Geburtstag meiner Großmutter herum in Llanquihue. Wir sind dann 80 oder mehr Verwandte», erzählt die Deutsch-Chilenin und fügt hinzu: «1852 ist mein Ururgroßvater nach Chile mit dem Schiff gekommen. Mein Vater und meine Mutter sind deutschstämmig und es wurde auch zuhause Deutsch gesprochen.»

Besonders nahe standen ihr die drei zwischen 1913 und 1917 geborenen Schwestern ihres Vaters. Um ihre Erinnerungen festzuhalten, schrieb sie über sie das kleine Buch «Mis tres tías» (Meine drei Tanten). Bei der Frage nach unerfüllten Wünschen, bemerkte ihre Tante Elly: «Ich finde, dass ich mehr von meinem Leben hatte als Laura und Selma, die viel abhängiger waren.» Ihre Nichte wuchs auch noch zu einer Zeit auf, in der es nicht üblich war, dass Frauen ihren eigenen Weg gingen. Den Mut und die Kraft dafür nahm sich Inge Schöbitz daher erst mit 46 Jahren. Nun begann sie selber die Universität zu besuchen, um von Grund auf Geschichte und Methoden der Kunst zu erlernen.

Ein sechs Meter großes Aquarellbild

Eines Tages sprach sie mit ihrem Professor der Universidad Católica über die Ausstellung der Bilder. Da sie sich auf Aquarellmalerei spezialisiert hatte, wollte sie diese Technik anwenden. Es waren aber nur Ölbilder zugelassen. Ihr Lehrer antwortete ihr: «Ein Aquarellbild lasse ich nur aufhängen, wenn es mindestens sechs Meter groß ist.» Das bedeutete für die hartnäckige Studentin nicht das Aus, sondern war ein Ansporn. Zufällig hatte sie sich gerade aus Argentinien eine große Rolle mit Papier mitgebracht. Zuhause machte sie sich gleich an die Arbeit. Sie breitete ein sechs Meter langes und zwei Meter breites Blatt vor sich auf dem Boden aus. Mit großen Pinseln und Farbtuben legte sie los. «Aquarellieren ist wie ein Dialog: Wenn ich mit Wasser male, passiert etwas auf dem Bild und es ist vorher nicht sicher, was. Dann muss ich schnell reagieren.» In etwa zwei Stunden war das Kunstwerk vollendet. «Ich habe nur mit Weiß- und Schwarztönen gearbeitet. Mein Motiv waren Blätter, die ich beim Blick in die Baumkrone sah.» Der Professor war begeistert, hängte ihr Bild auf und gab die Bestnote, eine 7.

Im Jahr 2009 fühlte sie sich so weit, eine eigene Ausstellung vorzubereiten. «Meine Erfahrung ist: Gute Kunst ist 30 Prozent, was man kann, und 70 Prozent, was man beobachtet.» Unter dem Titel „Alles ist weniger, als es ist, alles ist mehr» von Paul Celan entstanden wieder großformatige, schwarzweiße Bilder. «Kunst drückt das aus, was man nicht sieht», sagt sie zu den Werken. 

«Ich machte zu dieser Zeit eine verzweifelte, schwierige Phase in meinem Leben durch. Die Malerei war für mich wie eine Therapie.»

Ihre Ausstellung 2017 trug die Überschrift «Huellas» – Spuren. Bei diesen Bildern benutzte die Künstlerin neben weißen und schwarzen auch rote Töne. Es sind Menschenumrisse, meistens sind Gesichter zu erkennen. «Ich machte zu dieser Zeit eine verzweifelte, schwierige Phase in meinem Leben durch. Die Malerei war für mich wie eine Therapie.» Dies hat die Künstlerin erst im Nachhinein gemerkt. «Ich freute mich aber, dass viele beim Betrachten der Bilder zu mir meinten, dass ich starke Schmerzen haben müsse. Das zeigt, dass ich mein Inneres nach außen bringen konnte.» Inzwischen erhielt die Künstlerin für einige ihrer Bilder den ersten Preis des Instituto Chileno Japonés und der Sociedad Nacional de Bellas Artes Alhambra.

Wichtige Vorbilder sind für Inge Schöbitz die Werke der expressionistischen Künstlergruppe «Brücke» und vor allem die Aquarelle Emil Noldes. Die aktuelle Debatte in Deutschland über die antisemitische Einstellung des Künstlers hat sie verfolgt. In jedem Fall wurde seine Kunst in der Nazi-Zeit verboten: «Er musste heimlich arbeiten. Das war auch ein Grund, warum er Wasserfarben verwendete. Diese rochen nicht und man konnte sie sehr einfach in ein Tuch wickeln und verstecken.»

2010 übernahm Inge Schöbitz die Werkstatt der Künstlerin Lea Kleiner. Der Unterricht jeden Mittwoch mit ihren Schülern bereitet ihr große Freude. Thema sind die Weltkulturerbe-Stätten in Chile. Bilder des Kurses von Motiven der Altstadt Valparaísos wurden bereits an verschiedenen Orten in Chile ausgestellt.

In Inge Schöbitz selber rumort es auch wieder: «Ja, ich will bald wieder eine eigene Ausstellung.»

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