Industrie 4.0 – oder von Elefantenrüsseln und Stachelrochen

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Als Carlos Mario Marín (52) im März bei der Hauptversammlung der Camchal für Festo die Auszeichnung als Mitglied des Jahres entgegennahm, hatte er kein Problem damit, dass er seine Rührung nicht verbergen konnte. Das lebhafte Temperament des kolumbianischen Country Managers Chile passt bestens zum Management-Stil seines deutschen Arbeitgebers.

Von Petra Wilken

Seit 23 Jahren arbeitet Carlos Marín bei Festo. Das Unternehmen ist eines der deutschen Familiengründungen vom Beginn des 20. Jahrhunderts, die heute Weltbedeutung haben. 1925 wurde es in Esslingen bei Stuttgart zur Herstellung von Maschinen für die Holzbearbeitung gegründet. Diese Sparte gehört seit 2000 nicht mehr zu Festo. Das Unternehmen hat inzwischen ganz andere Sphären erobert: die weltweit führende Marktposition in der pneumatischen und elektrischen Bewegung der Industrieautomatisierung.

Wenn von Industrie 4.0 die Rede ist, der vierten industriellen Revolution, dann ist Festo vorne mit dabei. In 61 Ländern ist das Unternehmen mit eigenen Gesellschaften präsent. 2014 zählte es weltweit 17.800 Mitarbeiter. 

In Chile liegt das Firmengebäude an der América Vespucio Norte in Pudahuel, ganz in der Nähe vom Flughafen. 52 Mitarbeiter sind hier beschäftigt – Maschinenbau-, Elektro- und Mechatronik-Ingenieure. Dennoch sehen die weitläufigen, hellen Fertigungshallen, Fortbildungssäle und Büros eher leer aus. «Unsere Leute sind 90 Prozent ihrer Zeit bei den Kunden», erklärt Carlos Marín. Sie sind in virtuellen Büros unterwegs, ausgestattet mit Laptops und Firmenwagen. «Bei uns kommt es nicht auf den Acht-Stunden-Tag an, vielmehr arbeiten wir nach Zielvorgaben».

Der Elektroingenieur aus Medellín hat 2010 die Leitung des chilenischen Firmensitzes übernommen. Nach seinem Studium an der Universidad Nacional de Colombia absolvierte er ein Praktikum in einer Bierbrauerei und begann gleich darauf seine Karriere bei dem deutschen Automatisations-Experten, der in Kolumbien bereits drei Niederlassungen hatte: in Bogotá, Medellín und Cali.

Zusammen mit seiner kolumbianischen Frau ging er 2004 nach Lima, wo er die Betriebsleitung von Festo Peru übernahm. Nach sechs Jahren dort kamen beide zusammen mit ihrer kleinen Tochter nach Chile. Seine Mitarbeiter hier mussten sich erst an seinen Führungsstil gewöhnen, der die Festo-Unternehmenskultur präsentiert. «Der Chef weiß nicht alles, sondern muss seine Mitarbeiter fragen.» Er zitiert ein Sprichwort, das in Chile oft ironisch verwendet wird: «Quien sabe, sabe. Y quien no sabe, es jefe».

Bei Festo ist die Karriereförderung ein fester Bestandteil des Managements. Die Mitarbeiter müssen jährlich 70 Stunden interner Schulungen nachweisen können. Ein Planungsinstrument, das Anfang der 1990er Jahre in den USA entwickelt wurde, «Balanced Scorecard», wird benutzt, um vier Variablen untereinander abzuwägen: die Finanzen, die Kunden, die Prozesse und die Mitarbeiter.

«Es muss alles miteinander im Einklang stehen. Es nützt nichts, wenn die Finanzen im Moment stimmen, aber die Kunden nicht zufrieden sind. Es kann auch nicht sein, dass die Kunden zufrieden sind, aber die Preise zu gering, so dass unsere Finanzen leiden. Genauso kann es nicht sein, dass vielleicht alles andere okay ist, aber unsere Mitarbeiter leiden», erläutert Marín das Modell.

«Hier zu arbeiten ist ein Privileg», findet der Kolumbianer. Die Niederlassungen in der ganzen Welt sind stark vernetzt. «Deutschland ist der große Technologieentwickler», beschreibt er die Rolle des Headquarters. Die Kenntnisse über die Neuentwicklungen müssen über den gesamten Globus vermittelt werden. Dazu gibt es in allen Niederlassungen Wissens-Multiplikatoren. Letztens habe ihm ein 32-jähriger Experte für Wissensvermittlung in der Niederlassung in Brasilien erklärt, wie er einen bestimmten Technologieprozess neu anzupassen habe. «Muss ich machen, was mir dieser junge Mann sagt, der mal gerade seit zwei Jahren im Unternehmen ist?» fragt Marín. «Ja, denn er ist der Fachmann», unterstreicht er.

Die Wissensvermittlung ist ein elementares Standbein bei Festo. Das Zauberwort heißt LEAD – Leadership in Automation und Didaktik. Neben den Geschäftsfeldern kundenspezifischer Systemlösungen, Prozessautomation und Elektronischer Automation ist Festo Weltmarktführer in der technischen Aus- und Weiterbildung über die Tochterfirma Didactic. Auch in Chile liefert sie Berufsfachschulen High Tech und das notwendige Knowhow dazu. Jedes Jahr veranstaltet das Unternehmen zwei Olympiaden – eine industrielle und eine akademische. Dabei bildet Festo unter anderen Universitäten und Institute wie das Inacap oder das Duoc fort.

Zudem werden junge Fachleute unter 23 dafür trainiert, sich für die internationalen Olympiaden von WorldSkills zu qualifizieren, einem weltweiten Wettbewerb zur Förderung von Innovation und technischen Fertigkeiten. WorldSkills ist in mehr als 70 Ländern vertreten. In Chile veranstaltet Festo seit 2010 lokale Mechatronik-Olympiaden, an denen bis heute mehr als 400 Personen teilgenommen haben. Derzeit geht es darum, junge Chilenen für die Teilnahme am 44. Internationalen Wettbewerb fit zu machen, der im Oktober 2017 in Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten stattfinden wird.

Eben für diese Pionierarbeit an der Schnittstelle von Technologie, Innovation und Personen hat die Camchal Festo als Mitglied des Jahres ausgezeichnet. «Der Bereich Berufsbildung begeistert mich. Dazu beizutragen, dass die Wettbewerbsfähigkeit verbessert wird», erzählt Carlos Marin.

«Der Wissenstransfer ist für uns ein Vergnügen, aber auch soziale Verantwortung. Ich sage immer: ‚Liebe Leute, wir müssen aufhören reaktiv zu sein! ‘ Früher hat die Industrie aus Europa einen Ingenieur mitgeschickt, wenn eine neue Maschine eingeführt wurde». Die Universitäten hingen fünf Jahre hinterher, wenn neue Technologien bereits in der Praxis umgesetzt werden. «Nein!», ruft Marín aus. Es dürfe keine Zeit mehr verloren werden. Auch er denke bei seinen Entscheidungen inzwischen eine Generation weiter – an seine zehnjährige Tochter.

«Bei Festo in Deutschland wird heute erforscht, wie wir das Unternehmen in 20 Jahren sehen wollen. Wir bauen die Bewegung eines Elefantenrüssels oder eines Stachelrochens nach. Wir bauen auch Sachen, die wir jetzt noch gar nicht benutzen. Wir erforschen die Dinge der Zukunft», gibt Marín Beispiele aus dem Bereich Bionik, in dem das Unternehmen Prinzipien von der Natur übernimmt, die teils schon heute Bestandteil von industriellen Applikationen sind. «Hier in Lateinamerika hingegen denken wir nur an das Heute. Wir müssen aber fünf Jahre weiter denken.

Auch er selbst bildet sich weiter. Nachdem er vor einigen Jahren bereits einen Master in Marketing absolvierte, hat er sich jetzt an der Universität Adolfo Ibañez für einen «Advanced MBA» eingeschrieben. Dort ist er im Kreis von führenden Managern, die alle bereits über 40 sind und ihre Berufserfahrung teilen. Er erzählt wie die friedliche Gruppe letztens in einer Übung Konflikten und Stress ausgesetzt wurde und die Teilnehmer begannen, sich aneinander zu reiben. «Wenn alles gut läuft, will niemand die Dinge ändern», erklärt er begeistert. «Das ist das, was Festo seit 23 Jahren mit mir macht – ich muss ständig etwas verändern und etwas Neues lernen.»

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