Ehrenamt in Benin und Santiago

Dr. Ina Gruber, Präsidentin des Vereins der Österreicher in Chile

Ina Gruber
Ina Gruber arbeitet an der Schweizerischen Botschaft in Santiago de Chile.

In Österreich geboren, mit einem Deutschen verheiratet, angestellt an der Schweizerischen Botschaft in Santiago – Ina Gruber ist mit dem gesamten deutschsprachigen Raum verbunden. Seit kurzem ist sie Präsidentin des Vereins der Österreicher in Chile.

Von Petra Wilken

Als Mutter von drei Kindern und mit einem anspruchsvollen Vollzeitjob als Head of Trade Point Chile in der Schweizerischen Botschaft ist ihr Tag schon recht vollgepackt, doch der ehrenamtliche Einsatz für die Gemeinschaft war ihr schon immer ein Bedürfnis. Bereits seit zwei Jahren engagiert sie sich im Direktorium des Österreich-Vereins.

Den Verein gibt es seit 55 Jahren, er hat knapp 70 aktive Mitglieder. 300 Personen erhalten die Newsletter und Einladungen zu den Veranstaltungen. «Der Verein richtet sich an die Auslandsösterreicher, aber auch Chilenen und andere Personen, die eine Beziehung zu Österreich haben, sind herzlich willkommen», so Ina Gruber.

Die meisten Mitglieder leben in Santiago, weshalb fast alle Aktivitäten in der Hauptstadt stattfinden. «Wir haben Veranstaltungen zu kulturellen und sozialen Anlässen und versuchen, das moderne und das traditionelle Österreich widerzuspiegeln. Gerade die Leute, die schon lange in Chile leben, freuen sich besonders über Traditionen, die sie von früher kennen».

Es gibt Veranstaltungen für die ganze Familie, die fester Bestandteil der Agenda des Vereins sind, wie Ostereier-Suchen, Laternenumzug und Nikolaus-Fest. Aber auch Besuche bei der Bomba Austriaca, Besichtigungen von Firmen oder landwirtschaftlichen Betrieben, die Österreicher in Chile aufgebaut haben, werden organisiert.

Ein «Gustostückerl» (die Bayern würden «Schmankerl» sagen) stellt alljährlich ein Treffen mit der österreichischen Nationalmannschaft Herren-Abfahrt dar, die während der dortigen Sommerzeit zum Training nach Portillo kommen. «Da sitzen wir mit Olympiasiegern auf Du und Du an einem Tisch», erzählt Ina Gruber. Jeden ersten Donnerstag im Monat wird ein Stammtisch angeboten, oftmals im Club Manquehue. «Wir sind eine weitere Anlaufstelle für die Österreicher, die nach Chile kommen, und für viele so etwas wie ein emotionaler Zufluchtsort. Wir haben oft ähnliche Herausforderungen, ähnliche Fragen, besonders in der Anfangszeit».

Ina Gruber selbst hat die Eingewöhnungsphase schon länger hinter sich. Sie ist vor acht Jahren mit ihrem Mann und dem ältesten Sohn aus Deutschland nach Chile gekommen. Inzwischen hat das Paar drei Söhne – acht, fünf und zwei Jahre alt. Das Paar lebte in Bonn, als es gemeinsam die Entscheidung traf, ins Ausland zu gehen. Ihr Mann bekam eine Professur in Physik an der Universidad Católica.

Wenn man es ganz genau nimmt, ist Chile für Ina Gruber bereits die dritte Auslandserfahrung. Sie wurde im österreichischen Graz geboren. Ihre Familie zog dann aus beruflichen Gründen nach Freilassing in Bayern – ganz in der Nähe von Salzburg sehr nah an der Grenze, aber eben auf der anderen Seite. Ina Gruber ging dort zur Schule («In den Winterferien gingen wir immer zum Skifahren in die Steiermark») und studierte nach dem Abitur Agrarökonomie in München, um anschließend in Bonn zu promovieren. Sie schrieb ihre Doktorarbeit über Wirtschaftswachstum und Klimawandel in Benin, Westafrika.

Dort machte sie die erste «richtige» Auslandserfahrung. «Benin ist eines der ärmsten Länder, 65 Prozent der Menschen sind Analphabeten, unser Projekt war dagegen ein reines Forschungsvorhaben, eine andere Welt», fasst die Österreicherin zusammen. Um über die Forschungsarbeit hinaus etwas zum täglichen Leben vor Ort beizutragen, gründeten sieben Doktoranden, neben ihr Geologen, Hydrologen und Mediziner, den Verein Baobab Benin und bauten Schulpartnerschaften in Bonn und Köln auf. Die Vereinsgründung fand am Hauptforschungsstandort statt – weit weg von jeglicher Infrastruktur, ihr beninischer Counterpart war der Ältestenrat des Dorfes.  

«Es war schwierig denjenigen in Deutschland, die nicht im Projekt gewesen sind, zu vermitteln, was in diesem Land passiert. Die Schulpartnerschaft begann als klassische Briefpartnerschaft. Die deutschen Schüler fragten in ihren Briefen: ̔Was habt ihr für ein Handy? Welche Playstation benutzt ihr?̔ Sie machten sich keine Vorstellung davon, dass es in der Schule keinen Strom gab und dass es um sechs Uhr abends dunkel wurde», erzählt Ina Gruber.

Der Verein installierte nicht nur Solarstrom auf dem Dach der Schule, die sich damit zum sozialen Treffpunkt im Ort entwickelte, sondern baute auch eine Gesundheitsstation. «Der Ältestenrat hatte beschlossen, dass ein junger Mann aus dem Dorf in der Stadt eine krankenpflegerische Ausbildung machte. Er musste sich verpflichten, nach der Ausbildung zurück in sein Dorf zu kommen. Das hat auch geklappt. Damit das Projekt nachhaltig würde, gründeten wir auch einen Baobab-Verein in Benin. Wir hatten Zweifel, ob die Einheimischen ehrenamtlich arbeiten würden, aber es hat funktioniert, weil die Leute sehen, dass sich etwas tut», berichtet sie ihre Erfahrung.

Bei der Gründung hatte der Baobab-Verein sieben Mitglieder, nach zehn Jahren besteht er immer noch und zählt heute 60 Mitglieder. Eine Erfolgsstory, an der Ina Gruber auch nach all den Jahren weiter mitarbeitet. Sie koordiniert bis heute die Newsletter des Vereins – trotz der Entfernung und ihrem Leben in einer wieder ganz anderen Kultur.     

Eigentlich wollte das Paar nur zwei bis drei Jahre in Chile bleiben, doch dann bekam sie vor fünf Jahren ihre Anstellung an der Schweizerischen Botschaft. Seit Mai 2016 hat sie dort sogar zwei Aufgaben. Sie wurde zum Head of Trade Point Chile von Switzerland Global Enterprise ernannt, der Institution der Eidgenossen für die Exportförderung. Ihre Aufgabe ist es schweizerische Firmen beim Markteinstieg zu unterstützen. Dabei arbeiten sie und ihr Mitarbeiter eng mit der Schweizerischen Handelskammer zusammen. Letztere ist für die Firmen zuständig, die sich bereits in Chile angesiedelt haben, während der Trade Point in der Botschaft sich auf die Neuankömmlinge konzentriert.

Die zweite Aufgabe von Ina Gruber ist in der Handelsabteilung der Botschaft angesiedelt. Dort ist sie für die Marktbeobachtung und Berichterstattung zuständig. «Beide Aufgaben ergänzen sich sehr gut», sagt sie. «Ein spannendes und volles Programm», fügt sie hinzu. 180 schweizerische Firmen sind in Chile aktiv, viele darunter sind klein- und mittelständische Unternehmen, aber auch viele der namhaften Großen sind hier vertreten, wie der Warenprüfkonzern SGS, Nestlé oder die Pharmaunternehmen Novartis und Roche.

«Wir haben regelmäßig Anfragen. Manche wollen Chile als Hub, um von hier aus in die Region zu gehen oder um Südamerika zu testen. Die Stabilität und die Freihandelsabkommen sind Argumente, die Chile attraktiv machen. Wir informieren zum Beispiel wie die Gehälter hier sind, das Ausbildungsniveau oder das Technologieverständnis oder suchen einen chilenischen Geschäftspartner», erzählt sie von ihrer Arbeit.

Mit 15 Mitarbeitern herrsche an der Botschaft ein familiäres Ambiente – was nicht damit zu verwechseln sei, dass es gemächlich zuginge. Das sei nicht die passende Beschreibung, meint Ina Gruber. Bleibt ihr zwischen der Botschaft, dem Österreicher-Verein und Familie noch Zeit für Hobbys? «Wenn mal Zeit bleibt, lese ich sehr gerne. Ich muss mich aber zurückhalten, wenn ich erst mal anfange, wird es manchmal drei Uhr nachts. Dann wird der nächste Tag richtig schwer».   

Print Friendly

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*