Im Reich der Königin der Farben

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Das Büro von Patricia Reutter ist lichtdurchflutet, Möbel in Rottönen, kontrastreiche Wanddekoration in kräftigen Farben. Der Raum strahlt Wohlsein, Lebensfreude und Stärke aus. Es ist das Reich der Königin der Farben, der Geschäftsführerin von Anilinas Montblanc im Stadtteil La Reina.

 Von Petra Wilken

 In der Bluse und dem seidenen Halstuch von Patricia Reutter setzen sich die lebendigen Farbtöne fort – hellrot, das in rosa und orange ausläuft. Sie empfängt mich mit strahlendem Lächeln und einem direkten langen Blick ihrer blauen Augen. Sofort fühle ich mich wohl, im Gespräch mit einem Menschen, der das Glück gehabt hat, seine berufliche Laufbahn zu seiner Leidenschaft zu machen und dabei andere zu inspirieren.   

Für ihren Einsatz für andere ist Patricia Reutter im vergangenen November ausgezeichnet worden. Sie ist zu einer von «100 Mujeres Líderes» ernannt worden, eine Auszeichnung, die die private Organisation «Mujeres Empresarias» alljährlich zusammen mit dem Mercurio an Frauen vergibt, die in verschiedenen Kategorien Vorbildliches geleistet haben. Patricia Reutter ist für «Colorearte» ausgezeichnet worden, ein landesweiter Wettbewerb für Schulen, den sie vor zwölf Jahren ins Leben gerufen hat und der ihr ganzer Stolz ist. Der Name ein Wortspiel aus Farbe, Kunst und so etwas wie «sich selbst in Farbe setzen» und sagt eigentlich alles darüber aus, was sie sich von dem Projekt erhofft.

Der Wettbewerb hat das Ziel, den Kunstunterricht an den Schulen Chiles zu fördern und den Kindern sowie den Lehrern die Möglichkeit zu geben, neue Techniken, Kreativität und vor allem ein Projekt als Gruppe zu bearbeiten. Im Laufe der Jahre haben mehr als 70.000 Schülerinnen und Schüler aus dem ganzen Land an Colorearte teilgenommen.

Jedes Jahr gibt es eine neue Herausforderung. So stand der Wettbewerb, der gemeinsam mit den Stiftungen Mustakis und Mar Adentro durchgeführt wird, 2014 unter dem Motto «Los colores del AGUA» und 2015 «El color de lo nuestro». Der Fantasie der Schüler und ihrer Lehrer sind dabei keine Grenzen gesetzt. Sie entwickeln ein Projekt und reichen die in Szene gesetzten Produkte als Fotografien bei der Jury ein. Die Lehrer haben darüber hinaus die Möglichkeit, an Fortbildung-Workshops in Zusammenarbeit mit dem Institut Inacap teilzunehmen.

«Wir können so ein Sandkorn zur Bildung in Chile beitragen», sagt Patricia Reutter. «Am Anfang, als ich mit meinem Vater und einem Onkel bei Montblanc angefangen habe, gab es nur die kleinen typischen Schachteln », erklärt sie, «aber mit der Zeit haben wir unsere Palette erweitert, und heute haben wir viele zusätzliche Dinge, die mit Textildesign zu tun haben. Pure Leidenschaft», kommentiert sie.

Mit den kleinen Schachteln meint sie das traditionsreiche Produkt, das Anilin von Montblanc, das mit dem Schweizer Kreuz und einer Abbildung vom Montblanc auf kleinen goldfarbenen Metallkästchen überall in Chile verkauft und zum Färben von Textilien verwendet wird.

Der Großvater von Patricia Reutter – Hans Reutter Frommknecht – war Anfang des vergangenen Jahrhunderts aus Pforzheim in Deutschland nach Chile ausgewandert. Er gründete 1915 in Santiago eine Drogerie mit Pharmazeutischen Produkten. Patricia begann 1975 bei Reutter Ltda. zu arbeiten, das im vergangenen Jahr sein 100. Jubiläum gefeiert hat. 1986 wurde das Unternehmen unter seinen zwei Söhnen aufgeteilt. Die Firma Montblanc hatten sie innerhalb der Firma Reutter Ltda. gegründet. Heinz Reutter behielt Reutter Ltda. und Francisco Reutter Anilinas Montblanc Ltda.

«Wir haben den kleineren, dafür aber viel unterhaltsameren Teil des Unternehmens erhalten», erzählt Patricia Reutter. Es ist ihr anzumerken, dass sie nicht hätte tauschen wollen. «Alle Leute, die hierher kommen, haben etwas Schönes vor. Sie gehen zufrieden wieder weg. Das trägt zu einer guten Energie bei. Und immer gibt es etwas Neues bei uns», bezieht sie sich auf das Firmengebäude in La Reina, in dem ein Lager, ein Labor, Werkstätten zum Färben sowie ein Ladengeschäft und Räumlichkeiten für kunsthandwerkliche Kurse untergebracht sind.

Zu den regelmäßigen Kursen in Textildesign gehören das Stofffärben mit Batik und der Technik Shibori, bei der die Stoffe erst mit Fäden abgebunden und dann in Farbe getaucht werden. Und seit Kurzem hat sich Montblanc die Verbreitung des Filzens in Chile auf die Fahnen geschrieben. Die schon in vorchristlicher Zeit belegte Technik des Herstellens von Textilien durch Filzen – zum Beispiel mit Schafswolle – ist von Künstlern neu entdeckt worden. Wer mit dieser Art von Stoffen nur Filzpantoffeln und -hüte verbindet, wird begeistert davon sein, was inzwischen alles aus Filz entsteht – neben Kleidung und Gebrauchsgegenständen auch farbenfrohe, fantasievolle Kunstobjekte.  

Eine der Vorreiterinnen in dieser Textilkunst ist die Holländerin Marjolein Dallinga, die mit Kostümen für den Cirque du Soleil bekannt geworden ist – Kostüme, die die Artisten in Fantasiewesen aus anderen Welten verwandeln. Das Kunsthandwerk braucht einen Meister, sagte sich Patricia Reutter und lud Marjolein Dallinga nach Chile ein. In diesem Jahr werden wiederum zwei internationale Stars auf Einladung von Montblanc nach Chile kommen, die in der Lage sind, aus Filz Kunstobjekte entstehen zu lassen: Lisa Klakulak aus den USA und Renata Kraus aus Litauen.

«All dies trägt zur Welt der Farben bei», sagt die 66-Jährige. Sie persönlich liebt die kräftigen Farben und mag es nicht gediegen. «Ich arbeite mit Farben, die sich gegenseitig stören und gleichzeitig potenzieren», erklärt sie. Als sie jung war, sei dies alles andere als üblich gewesen. «Damals war es doch unmöglich Rot und Orange oder Grün und Blau zu kombinieren».

Damals ging Patricia Reutter auf die Deutsche Schule Santiago. Im Laufe ihres Lebens heiratete sie zweimal und bekam Zwillinge: Karen und Francisco Westendarp. Beide arbeiten heute in dem Familienunternehmen mit 19 Mitarbeitern.

Während des gesamten Interviews irritieren mich Farbreflexe, die über ihre Kleidung huschen und mit ihrem Haar spielen. Sie scheinen zu unterstreichen, was sie sagt – überall ist Farbe. Die Reflexe kommen von Glaskugeln, die an ihrem Fenster hängen und das Sonnenlicht brechen. «Ja», sagt sie mit ihrem strahlenden Lächeln. «Ich nenne sie bichitos».

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