Im Namen der Freiheit

Der Cóndor kann sich glücklich schätzen, dass er Axel Kaiser überhaupt in Santiago angetroffen hat, um ihn zu interviewen. Denn sein Wohnsitz ist Heidelberg, wo er an der Universität gerade seine Promotion schreibt. Doch auch dort ist der junge Akademiker, Stiftungsgründer und Publizist nicht allzu häufig anzutreffen.

Axel Kaiser (32) ist Gründer der Fundación para el Progreso in Santiago de Chile.
Axel Kaiser (32) ist Gründer der Fundación para el Progreso in Santiago de Chile.

Dieser ganze Jetset und der Rummel um seine Person sind ihm kein Gräuel, ganz im Gegenteil. Axel Kaiser besitzt zwar einen deutschen Reisepass und ist auch Chilene, doch im Grunde sieht er sich auf der internationalen Bühne als Kosmopolit. In Chile jedenfalls könne er nicht mehr ausschließlich leben, diese Welt hier vor Ort sei im definitiv zu klein geworden. «Ich brauche diese Reisen, um mit vielen Menschen in Kontakt zu kommen.»

Manchmal kommt ihm sein Erfolg unerwartet und bisweilen auch ein bisschen unheimlich vor. Der Jurist, der an der Universidad Diego Portales Rechtswissenschaften studierte, lernte nebenbei viel über Wirtschaft und fing irgendwann an zu schreiben. Zunächst in der Zeitung «Diaro Financiero», da war er gerade einmal 23 Jahre alt. Mittlerweile hat Axel Kaiser drei Bücher veröffentlicht: «El Chile que viene» (2006), «La fatal ignorancia» (2011) und «La miseria del intervencionismo» (2011). Für seine Essays heimste er mehrere Preise ein, so zum Beispiel vom Cato Institute in Washington, einer der einflussreichsten ökonomisch-politischen Denkfabriken der USA. Oder just vergangene Woche einen mit 15.000 US-Dollar dotierten Preis der Grupo Salinas, die in Mexiko einen der anspruchsvollsten Essay-Wettbewerbe innerhalb der spanischsprachigen Welt organisiert. Den Preis wird Kaiser von dem ehemaligen Präsidenten der Tschechischen Republik, Václav Klaus, persönlich bekommen.

Dabei ist das Thema, mit dem Axel Kaiser so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, auf den ersten Blick betrachtet recht simpel. Es geht nicht um bahnbrechende Erkenntnisse der Neurowissenschaften und auch nicht um eine neue Relativitätstheorie. Nein, Axel Kaiser beschäftigt sich mit einer Grundposition der politischen Philosophie, die ihre Wurzeln in der Aufklärung und den englischen Revolutionen des 17. Jahrhunderts hat: den Liberalismus.

 

Freie Märkte

Leitziel ist dabei die Freiheit des Individuums vor staatlicher Gewalt, bezogen auf die Ökonomie befürworten liberale Vertreter ganz im Sinne von John Locke (1632-1704), dem «Vater des Liberalismus», und Adam Smith (1723-1790), dem Begründer der klassischen Nationalökonomie, das Recht auf Privateigentum, Vertragsfreiheit, freie Marktwirtschaft und damit den Freihandel. Dass das kein alter Hut von gestern ist, lässt sich in der «Chicago Tribune» und im New Yorker Wirtschaftsmagazin «Forbes» nachlesen, in denen Axel Kaiser vergangene Woche seinen Artikel «Is this the end of the Chilean economic miracle?» publizierte.

Im Hinblick auf die Wahlen am 17. November zeigt Axel Kaiser darin auf, dass die Chilenen aufgerufen sind sich zu entscheiden, ob das liberale Wirtschaftsmodell Chiles – ein Erbe aus der Pinochet-Zeit, eingeführt von den «Chicago Boys» – unter der konservativen Präsidentschaftskandidatin Evelyn Matthei weitergeführt werden soll; oder ob unter der Ex-Präsidentin Michelle Bachelet eine radikale Abkehr hin zu einer Politik mit sozialistischem Anstrich stattfindet.

Es ist natürlich klar, welche Option Axel Kaiser selbst bevorzugt. Allerdings ist der 32-Jährige längst kein verblendeter Ideologe, der die Wirklichkeit nicht wahrhaben will. «Bachelet ist charismatisch, ich halte sie persönlich betrachtet sogar für nett. Sie hat große Chancen, die Wahlen zu gewinnen.»

Und dann? Eine Revolution, wie sie vielleicht ein erzkonservativer Zeitgenosse befürchtet, werde es zwar nicht geben. Dafür seien die politischen Widerstände zu groß. Doch die Richtung hin zu mehr Sozialausgaben, mehr Staat und höheren Steuern sei die falsche. «Chile ist stark abhängig vom Kupferexport und hat mit dem hohen Kupferpreis Glück gehabt. Doch das geht irgendwann zu Ende. Und dann wird die Lage in den kommenden Jahren schwieriger.» Das Land habe bisher versäumt, seine Produktivität zu steigern. Kommen dann noch höhere Staatsschulden hinzu, sei das Wirtschaftswachstum in Gefahr. «Für die Politiker ist es leicht zu sagen, dass der Staat sich verschuldet. Doch die Schwächsten in der Gesellschaft werden das bezahlen müssen.»

Und so lehnt denn auch Axel Kaiser beim ewigen Konfliktthema Bildung ein kostenloses Hochschulstudium für alle, wie es Michelle Bachelet anpeilt, ab. Denn nichts auf der Welt sei gratis zu bekommen, die öffentlichen Gelder dafür müssten schließlich auch von den Geringverdienern aufgebracht werden, und das sei eben wirtschaftlich und ethisch nicht in Ordnung. Ohnehin gebe das Nachbarland Argentinien ein abschreckendes Beispiel: Dort sei der Staat ineffizient und Studierende im öffentlichen System unterm Strich teurer als in privaten Universitäten.

 

Kampf der Ideen

Bemerkenswert für chilenische Verhältnisse ist, dass Axel Kaiser sich nicht in ideologische Schubladen – «entweder du bist hier links oder rechts» – einordnen lassen will. So vermisse er die alte Concertación, denn im Gegensatz zum neu betitelten Bündnis «La Nueva Mayoría» hätte die vorherige Koalition, zum Beispiel unter Präsident Lagos, recht vernünftig regiert und eine Öffnung der Märkte betrieben. Vom aktuellen Präsidenten Piñera wiederum sei er enttäuscht. Anstatt liberal habe dieser sich sozialdemokratisch aufgeführt. Und auch die Kandidatin Evelyn Matthei versuche über das Versprechen von Transferleistungen Stimmen zu gewinnen.

Das alles erzeuge eine hohe Erwartungshaltung innerhalb der Bevölkerung, die von Intellektuellen noch geschürt würde. Konkret meint Axel Kaiser das Buch «El otro modelo», das im Juli erschien und für eine Reform des neoliberalen Wirtschaftsmodells eintritt. «Es wird bei den Menschen ein Gefühl erzeugt, dass dieses System total unfair sei und so nicht weitergehen könne. Und dabei werden Gedanken einer Planwirtschaft aufgegriffen, die nicht funktionieren können, wie die Geschichte beweist.»

Ganz bewusst hat Axel Kaiser daher mit seiner im vergangenen Jahr gegründeten «Fundación para el progreso» ein Gegengewicht dazu schaffen wollen. Die Stiftung mit sieben Mitarbeitern erstellt Publikationen und hält Seminare ab, um liberale Ideen und die Überzeugung von einer freien Marktwirtschaft zu verbreiten. «Das ist meine Leidenschaft, und von dieser Aufgabe bin ich fest überzeugt.»

Die Stiftung hat sich zu Ehren von Jean Gustave Courcelle-Seneuil mit dessen Namen als Zusatztitel versehen. Der französische Ökonom (1813-1892) war Professor an der Universidad de Chile und zudem Berater im chilenischen Wirtschaftsministerium. Er gilt als einflussreicher liberaler Vertreter bei der Entwicklung der politischen Ökonomie in der noch jungen Republik Chile. Courcelle- Seneuil wird auch von Axel Kaiser in seiner Doktorarbeit in Heidelberg thematisiert.

 

Helfer am Skilift

Die deutsche Stadt unweit der Mündung des Neckars in den Rhein hat es ihm angetan. Und das liegt nicht nur an den Kneipen und dem vielfältigen kulturellen Angebot mit Theater- und Opernaufführungen. «Die öffentliche Diskussion in Chile ist leider teilweise erbärmlich eingeengt. Das hängt wohl mit unserer `Insellage´ zusammen, so als ob es nur uns selbst gäbe auf der Welt.»

Axel Kaisers Vorfahren waren vor dem Ersten Weltkrieg nach Chile ausgewandert, sein Großvater aus Stuttgart machte als Letzter 1935 rüber. Der Enkel wurde 1981 in Santiago geboren und wuchs in Villarrica auf, wo die Familie Land besitzt und er die Deutsche Schule besuchte. Axel Kaiser spricht perfekt deutsch, was er nicht nur seinen Eltern als deutsche Muttersprachler, sondern auch seiner Großmutter zu verdanken habe, die darauf sehr viel Wert gelegt habe. Neben dem Schüleraustausch in Deutschland hat Axel Kaiser auch im österreichischen Tirol gejobbt – und zwar als Helfer am Skilift.

Der Deutsch-Chilene machte einen Masterabschluss im Internationalen Recht an der Ruprecht-Karls-Universität und einen am Heidelberg Center for American Studies. Dass er für sein Studium in den Genuss eines aus Staatsmitteln finanzierten Stipendiums der Friedrich-Naumann-Stiftung kam und im «El Mercurio» im Juni dieses Jahres einen Essay veröffentlichte, in dem er sich gegen ein Recht auf kostenlose Bildung für alle aussprach, brachte Kritik gegen ihn auf. In einem Interview in der Zeitung «The Clinic» konterte Kaiser: «Zu behaupten, dass es kein Recht auf Bildung für alle – inklusive den Reichen – gibt, bedeutet nicht, dass keine öffentlichen Gelder in Bildung investiert werden müssen. Stipendien sind eine vernünftige Investition, weil sie der Marktlogik folgen und den Wettbewerb unter Studenten fördern. Das ist das komplette Gegenteil zur kostenlose Erziehung für alle.»

Übrigens lieferte sich Axel Kaiser auch mit dem «Cóndor» (siehe Nr. 4044 und 4046) einen argumentativen Schlagabtausch bezüglich dieses Themas. Doch so etwas sieht er akademisch-sportlich und gelassen. Er bewundert Goethe sowie den österreichischen Ökonom Friedrich August von Hayek, die in mehreren Disziplinen auf geniale Weise bewandert waren. «Es gibt doch so viele Themen, über die wir diskutieren sollten. So lange dabei Argumente fallen, bin ich gerne dabei.»

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