Ihre Enkel nennen sie «Ami»

Im Wohnzimmer von Sunke Becker könnte man meinen, in Deutschland zu sein. Eine ganze Seite des Raumes ist eine große Fensterfront mit Blick auf einen gepflegten Rasen und einen Pool. Eine Elchfigur – ein Familienerbe – auf der Fensterbank. Auf der gegenüberliegenden Seite ein alter Gobelin, altehrwürdige Brokatkissen auf dem Sofa und daneben das Porträt des deutschen Urgroßvaters Moritz Gleisner.

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«Eine Oase», sagt Sunke Becker (75) in ihrer schlichten und eleganten Art über ihr großes Haus in Vitacura. An diesem Wintermorgen ist es tatsächlich sehr ruhig im Haus. Wenn sie jedoch erzählt, was los ist, wenn all ihre zwölf Enkel kommen, strahlen ihre Augen. Wenn dann noch die Enkel ihrer Freundin dazu kommen, die für sie wie eigene Großkinder sind, dann sind es sogar insgesamt 24 Kinder. Eine Großmutter mit so vielen Enkeln ist dann doch wieder sehr chilenisch und in Deutschland vermutlich eher selten anzutreffen.

Der Hamburger Kaufmann Moritz Gleisner ist 1852 nach Chile ausgewandert und hat sich in Concepción niedergelassen. Trotz der langen Zeit ist die enge Verbindung der Familie mütterlicherseits mit dem Heimatland und insbesondere mit Hamburg und der «Waterkant» nie abgerissen. Die Kaufmannsfamilie war es gewohnt, lange Schiffsfahrten auf sich zu nehmen und pendelte viel zwischen Deutschland und Chile hin und her. So kam es, dass Sunkes Mutter Renate Becker auch in Hamburg geboren wurde. Die Hamburger Tradition gab sie mit dem seltenen friesischen Namen Sunke auch an ihre Tochter weiter.

Dennoch war es Sunke, die 1962 Familientraditionen brach: Nach 110 Jahren war sie die erste, die einen Chilenen heiratete. Ihre Mutter war damit gar nicht einverstanden, doch ihr Vater meinte: ‚Das Wichtigste ist, dass du glücklich bist‘. Ihr Vater war in den 1930er Jahren aus Deutschland nach Chile gekommen. Sein Vater wiederum war im Ersten Weltkrieg gefallen, und seine Mutter musste vier Söhne alleine durchbringen. Deshalb schickte sie ihren Ältesten in eine Kaufmannslehre. Danach suchte er sein Glück in Chile – und fand es in einem Stoffhandel in Concepción, wo er Renate Becker kennenlernte. Der Familie gehörte damals der Eisenwarenhandel Gleisner in Concepción. Noch heute ist er teils in Familienbesitz, auch wenn er jetzt Eisenwarenhandel Amunategui heiβt.

Wenn Sunke Becker sich an ihren Vater erinnert, dann vor allem an die Ausflüge, die die Familie damals gemeinsam unternahm. «Mein Vater war von der Natur in Chile begeistert. Er fuhr mit uns mit dem Auto bis nach Puerto Montt. Und wenn es nicht weiter ging, mietete er Pferde oder Maulesel. Das machte damals sonst niemand. Er kannte ganz Chile.» Als Sunke 1939 geboren wurde, kam seine Mutter für drei Monate nach Chile. Kurz darauf brach der Zweite Weltkrieg aus. Nach dem Krieg wurde ihr die Einreise in die sowjetisch besetzte Zone verweigert, so dass sie nicht in ihre Heimatstadt Gotha zurück konnte. «So wurde aus einem Besuch von drei Monaten ein Aufenthalt von elf Jahren in Chile», erzählt Sunke Becker von den Schicksalen in ihrer Familiengeschichte.

Als Sunke Becker 18 wurde, entschied die Familie, dass eine Ausbildung in Hamburg angemessen sei. Eigentlich wollte sie Hebamme werden, aber das fand ihre Mutter nicht schicklich. Dann meinte Sunke: Krankenschwester, aber auch das fand nicht die Zustimmung ihrer Mutter. So wurde sie schließlich Krankengymnastin. «Damals war das noch so, man machte, was die Eltern sagten», erinnert sich Sunke Becker. So absolvierte sie zwischen 1958 und 1960 eine Ausbildung zur Krankengymnastin an der Uniklinik Eppendorf. «Es war eine herrliche Zeit. Ich bin von Hamburg begeistert».

Sie gehörte noch zu der Generation von Frauen, die ihren Beruf aufgaben, nachdem sie heirateten. Sie bekam vier Kinder, erst zwei Töchter, dann zwei Söhne. «Alle zwei Jahre, ganz ordentlich», schmunzelt sie. Dennoch machte sie das Krankengymnastik-Examen in Chile nach und hat immer wieder privat in ihrem Beruf gearbeitet. Am liebsten arbeitet sie mit Kindern. Besonders gerne erinnert sie sich an den Fall eines spastisch gelähmten Jungens. „Die Ärzte sagten, er würde nie laufen können“, erzählt sie. «Nach mehreren Monaten Behandlung ist er gelaufen. Das war der größte Erfolg, den ich je gehabt habe», sagt sie gerührt. Sie hat den Jungen nicht wiedergesehen, aber sie hat gehört, dass er geheiratet und Kinder hat. «Das ist mir eine große Freude.»

Der Wunsch, anderen Menschen zu helfen, zieht sich durch ihr Leben wie ein roter Faden. Während der Pinochet-Zeit wurden mehrere soziale Dienste ins Leben gerufen, in denen Frauen soziale Freiwilligenarbeit übernahmen – Frauen in Lila, Frauen in Hellblau und andere Farben. Bis heute sind sie unter diesen Namen bekannt. «Wir hatten hellblaue Kittelschürzen und weiße Kragen und haben für die Stiftung gearbeitet, die heute Integra heißt», erzählt sie. Am liebsten hat sie auch hier mit Kindern gearbeitet. In den schlimmsten Zeiten bekamen Kinder Mittagessen, und sie erinnert sich gerne an eine Vorschule in der población La Bandera. «Man hat viel gesehen», spielt sie auf die soziale Misere an, die sie während dieser Freiwilligenarbeit kennengelernt hat. «Ich mache es sehr gerne. Man kann ein wenig helfen», findet sie.

Das tut sie auch seit langen Jahren im Vorstand des Altenheims der evangelisch-lutherischen Kirche in der Straße Ricardo Lyon in Providencia. Hier ist sie in die Fuβstapfen ihrer Mutter Renate getreten, die rund 20 Jahre lang Vorstandsvorsitzende war. Die Frauen im Vorstand kennen sich teilweise auch schon seit Jahrzehnten und teilen diese diakonische Arbeit. Jeden Mittwochnachmittag treffen sie sich im Heim.

Neben dem ehrenamtlichen sozialen Engagement nimmt sich Sunke Becker Zeit, um Kurse zu belegen – zu aktuellen gesellschaftlichen oder zu Geschichtsthemen. Ein Hobby von ihr ist seit eh und je die Keramikmalerei. Zudem ist sie Bridge-Spielerin. Eine ihrer Bridgerunden hat mit der Leidenschaft ihres Mannes zu tun: Er ist Segelflieger und bis heute als Ausbilder tätig. Während ihr Mann fliegt, trifft sie sich mit drei anderen Ehefrauen von Segelfliegern und spielt Bridge.

Ihre beiden Töchter hingegen gehören zu der neuen Generation von Frauen, für die es zur Norm geworden war, gleichzeitig im Berufsleben «ihren Mann zu stehen» und Kinder großzuziehen. Glück haben die Frauen, die eine Mutter haben, die ihnen helfen kann. Sunke Becker hat das mit Freuden getan, als die ersten Enkel kamen. Wie es dann so üblich ist, durften die Enkel mehr als die Kinder früher. Die ersten sechs Enkelkinder wurden sozusagen in ihrem Schlafzimmer großgezogen. «Sie nennen mich Ami», erklärt sie. «Zuerst sagten sie Mami, aber ich habe ihnen gesagt, dass ich Omi bin. Daraus haben sie Ami gemacht». Chilenisch-deutscher Kindermund.

«Keines meiner Kinder hat einen Deutschen oder eine Deutsche geheiratet», berichtet sie. «Manche fragen mich: ‚Was seid ihr?‘ Ich sage dann: ‚Wir sind Deutsch-Chilenen‘. Die Deutschen haben ihre Vorteile und die Chilenen haben auch ihre Vorteile», findet sie. Für sie selbst hat das allerdings nie so ganz gegolten, denn für viele Chilenen ist und bleibt Sunke Becker Deutsche.

 

Petra Wilken

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