«Ich liebe es auf der Baustelle zu sein»

4157_p16_1

Die Mutter von Karolin Rochna ist Bildhauerin, ihr Vater war Ingenieur. Die Tochter vereint beides: sie ist Architektin geworden. In ihrem Lebenslauf stechen Flughäfen in Deutschland und Hubschrauberhallen in Chile hervor. Jetzt leitet die 45-Jährige ein Projekt für Sozialwohnungen, bei dem sie sich von einem architektonischen Meisterwerk des 19. Jahrhunderts inspirieren lassen hat.

Von Petra Wilken

Die Deutsch-Chilenin hat zwischen 1989 und 1994 Architektur an der Universidad Católica von Valparaíso studiert. «Dort hatten wir eine besondere Art des Unterrichts», erklärt sie. «Man fährt einmal im Jahr mit seiner Klasse an einen Ort von Südamerika, wo man mit den Bewohnern ein Projekt durchführt.» Fundar América heißt diese Initiative, die 1969 an der Universität begann.
Seit ihrer Studentenzeit hat sie eine Vorliebe für Valparaíso, auch wenn sie dort nie wieder gelebt hat. Ihr neues Projekt hat ihren Ursprung dort und könnte auch in der Hafenstadt als erstes umgesetzt werden, wenn alles so läuft, wie sie es plant. Sie malt ein Quadrat auf ein Blatt und ein weiteres Quadrat im Inneren. «Das ist ein Gebäude mit Wohnungen für zehn Familien. Dieses ist ein Innenhof, der von allen gemeinsam genutzt wird», erklärt sie ihre Zeichnung. «Dort können die Kinder beaufsichtigt spielen, alle können ihre Fahrräder abstellen, ohne dass sie in Gefahr sind, gestohlen zu werden. Es gibt Platz für Gemüsebeete, Container für Glas und Papier. Die Abfallbeseitigung ist auf den Hügeln von Valparaíso ein großes Problem, weil dort die Mühlfahrzeuge nicht hochkommen. Deshalb gibt es überall so viel Müll, der ja eine Brandgefahr darstellt.»
Karolin Rochna denkt praktisch und an die Bedürfnisse der Bewohner. Doch das Modell stammt nicht von ihr, sondern ist von der Población Obrera Unión inspiriert, ein dreistöckiger Block mit großem Innenhof und 42 «Proletarier-Wohnungen», der 1898 auf dem Cerro Cordillera einweiht wurde. Das Gebäude wurde von Juana Ross Edwards finanziert, die mit dem seinerzeit reichsten Mann Chiles verheiratet war, Agustín Edwards Ossandón, dem Begründer der Banco de A. Edwards. Sie ging als größte Philanthropin des 19. Jahrhunderts in die chilenische Geschichte ein, ließ Hospitäler und Kinderheime und eben auch Sozialwohnungen für die Arbeiter errichten, die vom Land nach Valparaíso strömten, um dort ein neues Leben aufzubauen.
In den Jahren 2007/2008 ist der Block der Población Obrera Unión auf Initiative seiner Bewohner und mit staatlichen Mitteln von Grund auf renoviert worden. Er steht unter Denkmalschutz und dient gleichzeitig als ein Modell für moderne Sozialwohnungen, die den Bewohnern mehr Lebensqualität bieten sollen als viele der herkömmlichen Varianten.
Nach dem Brand in Valparaíso im April 2014 sind noch immer viele Menschen ohne endgültige Bleibe. «In Chile gibt es immer wieder Katastrophen, bei denen Menschen obdachlos werden», sagt Karolin Rochna. In ihrem Lösungsvorschlag sollen die Wohnungen 32 und 45 Quadratmeter groß sein. Das scheint zu klein für ein angenehmes Wohngefühl, doch zum Vergleich: Die typischen Mediaguas sind nur dreimal sechs Meter groß. Aber das sollen ja auch nur Übergangslösungen sein.
«Das soll so sein, ist es aber meistens nicht», antwortet Karolin Rochna vehement. Sie erklärt, dass die 18 Quadratmeter großen Notbehausungen, die nach dem Erdbeben 2010 oder nach dem Brand in Valparaíso errichtet worden sind, für viele bis heute die einzige Bleibe sind. Sie hätten nicht einmal Badezimmer oder Küchen. Diese seien natürlich in ihrem Modell, das sie und ihre Partnerin Carolina Hiriart «Casa Clan» nennen vorgesehen. «Sozialwohnungen mit kultureller Identität», beschreiben sie das Projekt, für das sie Finanzierungen bei Corfo beantragt haben und sich auch an der Ausschreibung für kulturelle Projekte Fondart beteiligen wollen. Das Projekt liegt ihr am Herzen, und sie hofft, ihre beruflichen Erfahrungen in diese sozial bewegte Initiative einbringen zu können.
Nach dem Studium ging Karolin Rochna nach Deutschland. «Ich war 25, Architektin und hatte die deutsche Staatsangehörigkeit», bringt sie ihre Motivation auf den Punkt. Ganz klar war ihr nicht, was sie machen würde, aber sie wusste, dass es sie weiterbringen würde. Die deutsche Staatsangehörigkeit hatte sie dank ihres Großvaters, der aus Frankfurt an der Oder stammte und 1908 als Ingenieur 1908 nach Potosí und Sucre in Bolivien kam, wo er für die Bergwerke arbeitete. Anschließend kam er nach Chile, wo er im Salpeterabbau tätig war. Sein Sohn Heinrich Rochna wurde ebenfalls Ingenieur und war zeitweilig Rektor an der Universität von Concepción. Er heiratete die chilenische Bildhauerin Hilda Cárcamo.
Als Karolin Rochna in Deutschland war, fiel ihr auf, dass dort mit lateinamerikanischer Kunst oft nur das traditionelle Kunsthandwerk verbunden wurde. Sie gründete deshalb eine Agentur als Vertretung für chilenische Künstler, die über diese mehrere Ausstellungen in Deutschland organisieren konnte. Das war jedoch nur ihr Nebenjob. Sie war inzwischen in einem großen Planungsbüro in München angestellt, bei dem sie hauptsächlich an dem Ausbau des Flughafens von Dresden beteiligt war. Ihre Arbeit fand im Büro am Bildschirm statt, was sie nicht ganz befriedigte, da sie kein Büromensch ist, sondern vielmehr immer in Bewegung. «Ich liebe es auf der Baustelle zu sein.»
Im Vergleich mit der Arbeitsweise in Chile hat sie die Präzision in der Architektenarbeit in Deutschland erstaunt. «Da gibt es eine Brücke zwischen dem Parkplatz und dem Flughafen in Dresden. Die Brücke wurde in München geplant und in Leipzig gebaut. Als sie dann in Dresden angeliefert wurde, passte haargenau jede Verschraubung in die andere.» Nach sechs Jahren war der Flughafen in Dresden fertig. Sie wusste, wenn sie jetzt nicht gehen würde, würde sie in Deutschland bleiben.
Doch es zog sie nach Chile zurück. Bei einem Besuch in Santiago kaufte gerade der Architekt der Bundesbaudirektion für Südamerika eine Statue bei ihrer Mutter. Die Bundesbaudirektionen sind für die Liegenschaften der Bundesrepublik zuständig. In Santiago wurde derzeit die neue Botschaft in Las Hualtatas gebaut. Karolin Rochna wurde dafür eingestellt.
Der Bau des neuen Botschaftsgebäudes hatte seine eigenen Anekdoten, denn seine endgültige Ausführung ist dem Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 in New York geschuldet. Vor dem Terrorakt war das Gebäude offen geplant gewesen, mit Parkplätzen auf dem Vorplatz und ohne Ummauerung. Anschließend wurde das vorgelagerte Pförtnerhaus hinzugefügt, in dem Handtaschen und Handys bei einem Besuch abzugeben sind. Die Gemeindeverwaltung von Vitacura gab die Ausnahmegenehmigung dazu, dass die Botschaft keine Parkplätze für die Besucher zur Verfügung stellen musste; Zaun und Mauer wuchsen in die Höhe, und die Fensterscheiben wurden neun Zentimeter dick.
Nach der Anstellung für die Bundesbaubehörde arbeitete Karolin Rochna sechs Jahre lang als unabhängige Architektin für die deutsch-französische Firma Eurocopter auf dem Flughafen Tobalaba und gestaltete Hubschrauber-Hallen und -landeflächen.
Im Jahr 2007 hat sie ihren Arbeitsrhythmus erst einmal runtergefahren, denn da kam ihre Tochter Francisca zur Welt. 2009 folgte ihr Sohn Jorge. Beide gehen inzwischen auf die Grundstufe der Deutschen Schule Santiago. Auch dort hat sie sich bereits als Architektin eingebracht. In diesem Jahr gewann sie einen Wettbewerb des Elternbeirats. Sie baute eine Art Amphitheater im Hof der Schule – eine Schnecke aus Holz und mit Sand gefüllt, in denen die Schüler draußen lesen oder Theaterunterricht machen können, sobald das Wetter es erlaubt.
Im Moment hofft sie darauf, dass die Pläne für ihre «Casa Clan» in Valparaíso finanziert werden können. «Die Regierung hat Gelder, oftmals werden sie nicht genutzt und gehen verloren», erläutert sie. Sie hofft, dass ihr Modell des gemeinschaftlichen Wohnblocks Anklang findet, nicht nur wegen der Lebensqualität für die Bewohner, sondern auch als Beitrag für das Stadtbild. «Diese vielen kleinen Schachteln, die überall gebaut werden, machen keinen guten Eindruck», sagt sie mit Nachdruck.

Print Friendly, PDF & Email

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*