«Ich bin ein Marathon-Typ und kein 100-Meter-Mann»

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Chile ist wie Österreich, sagte sich Christian Linsenmeyer. Ein Land voller Berge und Flüsse. Während Österreich etwa 70 Prozent seines Stroms aus Wasserkraft speist – ein Teil davon kommt aus 2.400 kleinen Kraftwerken – ist der Anteil dieser Energie in Chile von geringerer Bedeutung. Das ändert sich jedoch gerade. Linsenmeyer ist in dieses nicht ganz einfache, aber vielversprechende Marktsegment eingestiegen.

 Von Petra Wilken

Ende 1993 hatte Christian Linsenmeyer seinen Magister in Handelswissenschaften an der WU Wien abgeschlossen und gönnte sich eine sechsmonatige Reise durch Lateinamerika. Neben Venezuela und Manaus in Brasilien machte er am längsten in Chile Station – und zwar in der Nähe von Panguipulli auf dem Fundo des Vaters eines Freundes.
Den Besuch auf dem Gut nutzte der junge Österreicher, um sich sozial zu engagieren: Er unterstützte einen deutschen Pfarrer, der in dem Dorf Pucura eine kleine Poliklinik einrichtete. Doch das gab nicht den Ausschlag dafür, dass Linsenmeyer inzwischen seit 15 Jahren in Chile lebt. Das ist vielmehr darauf zurückzuführen, dass er auf dem Flug von Brasilien nach Santiago eine Chilenin kennengelernt hatte. Sie studierte noch, doch kaum war sie fertig, ging sie nach Wien.

Linsenmeyer arbeitete inzwischen beim Roten Kreuz in der internationalen Nothilfe und im Rotkreuz EU-Liaison-Büro in Brüssel. Ende 1998 entsandte ihn das Deutsche Rote Kreuz nach Honduras, wo der Wirbelsturm Mitch 11.000 Tote gefordert hatte. «Das war ziemlich heftig», beschreibt er diese Erfahrung. «Wir haben unter anderem 500 Häuser und zahlreiche Schulen gebaut». Das Paar lebte eineinhalb Jahre in Tegucigalpa. Im Juni 2000 kam es nach Chile.

Inzwischen haben Magdalena und Christian zwei Töchter von acht und elf Jahren, leben in Santiago und genießen die Nähe zu den Bergen und zum Meer. «An den Wochenenden geht es in unser Strandhaus, wir lieben die gute Luft und den Blick auf den Pazifik, das Landleben, die Kinder gehen dort mit Leidenschaft reiten». Im Winter geht die ganze Familie zusammen Skifahren und er zudem zum Ski-Bergsteigen außerhalb der Pisten.

Jedes Jahr fliegt sie nach Österreich, um mit Freunden und Familie Zeit zu verbringen und die Nachbarländer zu bereisen. Vor allem Italien hat es den Kindern angetan, das gute Essen und das warme Wasser des Meeres lieben sie ebensosehr wie den Besuch in der Spanischen Hofreitschule oder eine Sachertorte im Café Central in Wien.

Linsenmeyer kam ohne Job nach Chile. Doch das war kein Problem, denn sein Ziel war es ohnehin, sich selbstständig zu machen. Zusammen mit dem chilenischen Ingenieur Felipe Pichard gründete er eine Tochter des österreichischen Unternehmens TBE. Die Firma für Energiemanagement hat sich auf «Energy Performance Contracting» spezialisiert.

2007 kam eine weitere Firma hinzu. «Wir haben die Firma RP Global in Wien davon überzeugt, mit uns RP Global Chile zu gründen, mit dem Ziel Kleinwasserkraftwerke zu bauen. Das war zu einem Zeitpunkt, als die Kleinwasserkraft in Chile praktisch nicht existent war».

Jetzt sind die ersten beiden Laufkraftwerke (Wasserkraft ohne Staudamm) in Bau gegangen, eines mit 9 MW in der Region Araucanía und ein weiteres mit 3 MW in der Region de Los Ríos. Da sie unter 20 MW liegen, werden sie in Chile als erneuerbare Energie (ERNC – Energías Renovables No Convencionales) eingestuft. Große Staudämme hingegen werden aufgrund des umfangreichen Eingriffs in die Natur nicht zu den Erneuerbaren gezählt.

Warum hat es so lange bis zum Bau der ersten Wasserkraftwerke gedauert?

Christian Linsenmeyer: Von der Suche der Projekte über die Entwicklung bis zum Bau gibt es viele Schritte: Erwerben der Wasserrechte, die konzeptionelle und die Ingenieursplanung, die Umweltverträglichkeitsprüfung, Einigung mit den Landbesitzern, Verhandlungen mit der lokalen Stromgesellschaft, etc. Dieser Prozess dauert mehrere Jahre. Dann die Finanzierung. Die Banken machen einen Risiko-Check. Im Grunde genommen ist die Wasserkraft ein Business, das viel Ausdauer und Beharrlichkeit erfordert. Aber ich bin ein Marathon-Typ und kein 100-Meter-Mann.

Was gefällt Ihnen an der Wasserkraft?

Die Wasserkraft ist sauber, erneuerbar und, was wichtig ist, sie produziert Strom rund um die Uhr. Im Rahmen der Erneuerbaren trägt sie wesentlich dazu bei, Sonnenergie (PV)  und Windkraft zu komplementieren, da PV-Anlagen in der Nacht nicht produzieren und Windkraft je nach Standort auch meist mehr Energie zu bestimmten Stunden des Tages produziert. Die Wasserkraft ist daher eine wichtige Säule, um die Stromversorgung Chiles stabil und sauber zu halten.

Wir haben letztens mit Freude im Markt beobachten können, dass diverse PV- und Windkraftproduzenten in Zukunft auch Wasserkraft in ihrem Projektportfolio haben wollen. Energieminister Pacheco hat angekündigt, bis zum Ende der Amtszeit auf hundert Mini-Hydros zu kommen. Ich glaube kaum, dass er das aus den eben genannten Gründen schaffen kann, aber die Wasserkraft ist in Chile im Aufwärtstrend.

Weshalb ist der Moment günstig?

Die Strompreise waren in Chile in den letzten fünf Jahren sehr hoch, Chile hatte die teuersten Strompreise des Kontinents. Jetzt sind sie auf dem sogenannten Spotmarkt um mehr als ein Drittel auf «normales» Niveau gesunken. Das lag unter anderem daran, dass es 2015 mehr geregnet hat als in den Vorjahren, deshalb ist mehr Wasserkraft da.

Gleichzeitig ist der Anstieg des Stromverbrauches etwas gesunken, da sich das wirtschaftliche Wachstum verlangsamt hat. Dazu kamen geringere Preise für Öl und Gas, und es sind mehr erneuerbare Energien ins Netz gegangen. Eine Fluktuation bei den Energiepreisen ist nicht gut für die Industrie. Wasserkraft trägt zur Stabilisierung der Preise bei.

Wasserkraft-Projekte haben in Chile aber auch viele Gegner.

Man kann Wasserkraftprojekte scheusslich machen. Wir bauen Laufkraftwasserwerke, die hier «central de pasada» heißen. Es gibt also keinen Staudamm, es wird kein Land überschwemmt und wir verwenden höchste Umwelt- und Qualitätsstandards, die RP Global durch seine langjährige Erfahrung aus Europa mitbringt. Bei unseren Projekten wird meist ein Rohr unterirdisch verlegt, und auf der Trasse wächst anschließend Gras darüber. Gut gemachte Wasserkraft sieht man nicht. Bei unserem Kraftwerk in der Araucanía geht die Trasse nicht durch Mapuchegebiet. Die Stromlinien gehen allerdings immer durch Mapuchegebiet. Das ist nicht zu vermeiden.

Ist es ein Risiko, in der Araucanía zu bauen?

Wir haben gerade vergangene Woche mit zwei Mapuche-Häuptlingen ein zweieinhalbstündiges Gespräch geführt. Das ist sehr angenehm verlaufen. Wir haben über einen Development-Fund gesprochen, mit dem soziale Projekte finanziert werden sollen. Auch wenn unsere Kraftwerke nicht durch Mapuche-Land gehen, bei ihnen geht das Konzept von Territorium viel weiter. Deshalb müssen die Gemeinschaften immer einbezogen werden. Ein gutes Verhältnis gehört mit dazu. Selbst chilenische Banken beziehen das in ihren Risiko-Check bei der Vergabe von Krediten mit ein.

Wie sehen Ihre weiteren Pläne aus?

Wir haben derzeit zwischen Santiago und Puerto Montt ein Portfolio von Projekten in der Phase zwischen Entwicklung und Beginn der Bauphase, der Plan ist in den nächsten fünf bis sieben Jahren in Chile über 100 MW in Betrieb zu haben. In Zukunft wollen wir auch größere Projekte zwischen 20 und 30 MW bauen, da die Entwicklungskosten nahezu gleich hoch sind, egal ob ich 3 MW oder 30 MW bauen will.

Herr Linsenmeyer, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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