«Ich bin ein Freund der Dezentralisierung»

Oliver Rotmann, Geschäftsführer Bosch Chile

Im Cóndor-Interview: Oliver Rotmann, Geschäftsführer Bosch Chile
Im Cóndor-Interview: Oliver Rotmann, Geschäftsführer Bosch Chile

 

Das Cóndor-Gespräch mit Oliver Rotmann war außergewöhnlich vielseitig: Es ging um Industrie 4.0 und Bach, seinen Vorsitz bei der deutschen Außenhandelskammer in Chile, der starken Zentralisierung in Lateinamerika sowie sein Appartement in Portugal – und den Geburtsort des Deutschen: Lima.

 

Von Arne Dettmann

Das mit der peruanischen Hauptstadt kam so: Oliver Rotmanns Großvater war in den 1920er Jahren in das südamerikanische Land ausgewandert und hatte dort bis zum zweiten Weltkrieg die Vertretung von Siemens, Krupp und Osram. Die Großmutter war als 18-Jährige ebenfalls emigriert – auf einem Schiff lernten sich die beiden kennen. Aus der Verbindung ging unter anderem ein Sohn hervor, der später eine Deutsche kennenlernte – das waren Oliver Rotmanns Eltern. «Ich bin also ein Alemancito in Peru aufgewachsen. Doch Deutschland kann ich natürlich auch nicht als mein Zuhause bezeichnen.»

Der heute 51-Jährige besuchete zunächst die Deutsche Schule Lima «Alexander von Humboldt». Dort gibt es – ebenso wie in Chile – eine deutsche Gemeinschaft mit evangelisch-lutherischer Kirche, deutschem Club und anderen Institutionen. Sein Abitur machte er allerdings in Bonn, nachdem die Familie 1983 nach Deutschland gegangen war, weil seine Mutter dort ihre neue Stelle bei der Konrad-Adenauer-Stiftung antrat.

 
Canon, Junkers, Bosch

Oliver Rotmann studierte anschließend Betriebswirtschaftslehre in Bamberg und kehrte 1994 nach Peru zurück, um dort vier Jahre lang bei der Auslandsvertretung von Canon zu arbeiten. Es folgte 1998 ein Wechsel zu Junkers Thermotechnik, ein Geschäftsbereich, der schon 1932 in die Robert-Bosch-Gruppe integriert worden war – in Chile vor allem als Hersteller von Wasserboilern bekannt.

Hier war er zunächst im Marketing tätig, ab 2003 dann für den Kundendienst und das Schulungswesen in Portugal und Spanien verantwortlich. In der Zeit lernte er die portugiesische Hauptstadt kennen und lieben: «Heimat? Ich habe meinen Platz gefunden.» Vor fünf Jahren kaufte er sich in Lissabon eine Wohnung, um später einmal im Ruhestand portugiesisches Flair samt Fisch, Meeresfrüchte und Kaffee sozusagen direkt neben der Haustür zu haben.

Im Jahr 2010 kam Oliver Rotmann nach Chile. Hier hatte der weltgrößte Hersteller von Automobilelektronik und -mechanik sein Geschäft seit 1958 über das Unternehmen Emasa abgewickelt. Doch im Jahr 2008 gründete der deutsche Konzern schließlich seine eigene Niederlassung. Zu den weiteren Geschäftsbereichen, die Bosch in Chile anbietet, zählen Sicherheitstechnik, Elektrowerkzeuge und seit Ende 2010 auch Haushaltsgeräte mit einer Verkaufsstelle in der Avenida Alonso de Córdova. «Damit ging für mich ein Wunsch in Erfüllung: Ich wollte immer schon für eine deutsche Firma in Lateinamerika tätig sein.»

 

Industrie 4.0

Die Robert Bosch GmbH wurde schon 1886 gegründet und ist heute mit einem Umsatz von mehr als 70 Milliarden Euro und weltweit 375.000 Mitarbeitern zwar ein Schwergewicht in der Automobilzulieferersparte, muss sich aber wie alle anderen Unternehmen den Herausforderungen stellen, wie Oliver Rotmann betont. «Die Branche ist im Umbruch, die Nachfrage nach Elektromobilität wird in den nächsten Jahren exponentiell zunehmen. Zudem ist die Industrie 4.0 stark im Kommen.»

Als ein Beispiel für intelligente Innovation nennt der Geschäftsführer der Bosch-Niederlassung in Chile das Start-Stopp-System, das bei schweren Lastkraftwagen in der Anglo-American-Kupfermine Los Bronces eingesetzt wird. Hält ein solcher Laster an, wird der Motor abgestellt und startet nach dem Stopp automatisch neu. Die Emissionen werden somit verringert, der Kraftstoffverbrauch reduziert.

Im chilenischen Bergbau und Bauwesen ist Bosch zudem über die Bosch Rexroth AG aktiv, ein Industrieunternehmen im Bereich Antriebs- und Steuerungstechnik. «Insgesamt wollen wir neue Geschäftsfelder erschließen und neue Business-Modelle entwickeln», erläutert Oliver Rotmann und nennt im Bereich Industrie 4.0 das sogenannte Data Mining, also die Nutzung großer Datenmengen, die über Sensoren an Fertigungsanlagen zur Verfügung gestellt werden, um beispielsweise den Wartungsbedarf von Maschinen vorherzusagen.

 

Vorsitzender der AHK Chile

Industrie 4.0 ist auch ein wichtiges Thema bei der Deutschen Industrie- und Handelskammer (Camchal), bei der Oliver Rotmann seit April dieses Jahres den Vorsitz innehat, nachdem er zwei Jahre lang im Vorstand und zwei Jahre lang als Vizepräsident mitgewirkt hatte. Aber es soll sich bei der AHK Chile nicht alles ausschließlich um Technik, Fortbildung und Handel drehen. «Ich bin ein großer Freund der Dezentralisierung, die starke Zentralisierung in Lateinamerika mit ihren Mega-Städten ist fast schon als eine Krankheit zu bezeichnen.» Die Provinzen werden dabei leider vernachlässigt, weshalb die Frage daher lauten müsste, wie die Camchal neue Mitglieder in den Regionen gewinnen könne.

Außerdem soll bei einem Strategie-Workshop Anfang dieses Monats darüber diskutiert werden, wie die AHK Chile auch für jüngere Mitglieder im Angebot attraktiver gestaltet werden kann. «Neue Generationen sind wichtig, damit die Kammer nicht zum Altherrenclub wird. Wir wollen uns überlegen, wie wir die Camchal zukünftig gestalten und positionieren sollten sowie die Kammer in 10, 20 Jahren aussehen soll.»

 

Motorrad und Beethoven

Wie Chile gegenwärtig aussieht, das hat Oliver Rotmann bereits erkundet: Einmal per Drahtesel, wobei ihn die Touren zum Cerro San Cristóbal führen, wo er sich oben angelangt mit einem Mote con huesillo nach sportlicher Aktivität stärkt. Zum anderen per Motorrad, mit dem er nicht nur ins Valle de Elquí und nach Viña del Mar fuhr, sondern gerne auch abseits der Straßen die Bergwelt entdeckt.

Zu seinen Lieblingsbeschäftigungen an den Wochenenden zählt zudem der Besuch klassischer Konzerte wie zum Beispiel von Johann Sebastian Bach – eine Leidenschaft, die ihm wahrscheinlich mit in die Wiege gegeben wurde: Die Urgroßmutter war Opernsängerin, er selbst ging als Kind in die Konzerte und erhielt zudem Klavierunterricht. «Das prägt.» Was ihm nun noch fehlt auf der musikalischen Liste, sei ein Besuch beim Teatro del Lago in Frutillar, und als Motorradziel die Abenteuerstraße Carretera Austral.

Und zum Schluss die Gretchenfrage für einen Deutschen, der in Lima geboren wurde und seit sieben Jahren in Chile lebt: Welcher Pisco Sour schmeckt besser, der peruanische oder der chilenische? Oliver Rotmann, der gerne Thomas Mann und Jean Paul Sartre gelesen hat, ist um eine gekonnte Antwort – und politisch korrekte – überhaupt nicht verlegen und lacht: «Die Chilenen haben den besseren Wein.»

 

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