Hüter chilenischer Kaufmannstradition

Das Büro von Ricardo Mewes (52) strömt Geschichte aus: glänzende Edelholz-Wandvertäfelungen, Messinggriffe, Stuckdecken, ein Marmorkamin. Der Palast Bruna am Parque Forestal, in dem die Chilenische Handelskammer CNC untergebracht ist, zeugt von erfolgreicher Kaufmannstradition zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts. Traditionen, die für Männer wie Ricardo Mewes eine Verpflichtung sind. Der Zollagent und Unternehmer engagiert sich in leitenden Ämtern der Handelsverbände. Seit 2012 ist er Präsident der CNC.

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Ricardo Mewes ist das vierte Kind des deutschstämmigen Chilenen Eduardo Mewes (81), der 1968 die Zollagentur Mewes gründete. Insgesamt hat der Unternehmer sechs Kinder – fünf Töchter und einen Sohn, der in das Familienunternehmen einstieg.
Seit 1985 gehört Ricardo zur Geschäftsführung der Zollagentur Mewes. Eine seiner Schwestern folgte ihm fast 20 Jahre später: 2004 wurde auch Marlene Mewes Schnaidt Zollagentin bei Mewes.
Zollagenturen sind private Firmen, die von der staatlichen Zollverwaltung autorisiert sind und einen Teil ihrer Aufgaben bei der Abwicklung der Ein- und Ausfuhren von Waren übernehmen. In Chile ist es Pflicht, die Dienstleistungen einer Zollagentur bei Einfuhren im Wert über 1.000 US Dollar und bei Ausfuhren von mehr als 2.000 US Dollar in Anspruch zu nehmen. Insgesamt sind 260 Zollagenturen in den wichtigsten Handelsstädten verteilt: Santiago, Valparaíso, San Antonio und Talcahuano sowie in Los Andes und in Antofagasta.
Ricardo Mewes hat die Schule Sagrados Corazones Padres Franceses de Manquehue besucht. «Die Deutsche Schule Santiago hat mich nicht angenommen, weil niemand in unserer Familie Deutsch gesprochen hat», erzählt er. Doch beim Sport im Club Manquehue bauten die Kinder Mewes eine Verbindung zur deutschen Kultur auf.
Nach Abschluss der Schule schickte sein Vater ihn zunächst nach Deutschland, bevor er drei Jahre auf die chilenische Marineakademie ging. Anschließend studierte er Rechnungsprüfung und stieg mit diesem Abschluss auf Einladung seines Vaters in die Agentur ein, wo er Außenhandel, internationales Handelsrecht und See- und Lufttransport von der Pike auf lernte.
Im Jahr 1980 nahm er an einer öffentlichen Ausschreibung des chilenischen Zollamtes teil und wurde zum Zollagenten ernannt. «Das ist ein Examen, das einem akademischen Grad entspricht», erklärt Mewes. Voraussetzung sind Studien im Außenhandel – und ein einwandfreies polizeiliches Führungszeugnis, denn die Zollagenten sind «Ministros de Fé». Das bedeutet, dass der Staat ihnen ihm eigene Aufgaben in die Hand gibt, bei denen sie sich strikt an die jeweiligen gesetzlichen Bestimmungen halten müssen; in diesem Fall an die Zollgebühren und Ein- und Ausfuhrbestimmungen des Landes. Allseits bekannte «Ministros de Fé» sind die Notare.
Ricardo Mewes schloss als Bester seines Jahrgangs und mit Auszeichnung ab. Die Praxis in der Agentur Mewes hatte sicherlich dazu beigetragen. Kurze Zeit später lud ihn sein Vater dazu ein, auch in seiner zweiten Firma als Teilhaber einzusteigen: in das Unternehmen EIT Logistic S.A., das den Transport und die Lagerung von Waren betreibt. 20.000 Quadratmeter Lagerhallen unterhält es im Barrio Industrial Puerto Vespucio in Pudahuel, wobei es im Moment Pläne gibt, diese Kapazitäten zu verdoppeln.
Seit 30 Jahren ist EIT Logistic bereits am Markt, die Agentur Mewes existiert sogar schon seit 46 Jahren. «Etwas, worauf wir als Familienunternehmen stolz sind», sagt Ricardo Mewes. Beide Unternehmen zusammen beschäftigen 250 Mitarbeiter. Sein Vater ist mit 81 Jahren noch immer in beiden Geschäften aktiv.
Unterdessen steht ihm sein Sohn in nichts nach. Ricardo Mewes ist seit 29 Jahren verheiratet und hat sieben Kinder – vier Söhne und drei Töchter im Alter zwischen 27 und zehn Jahren. Der älteste Sohn ist Arzt, die beiden nächsten sind Betriebswirte, und eine Tochter ist Grafikdesignerin. Die anderen gehen noch zur Schule.
Die Familie lebt in Buin und gehört der Schönstatt-Bewegung an. Als im Jahr 2010 die Schönstatt-Weihestätte «Santuario Valle de María» in Buin Maipo eingerichtet wurde, war die Familie Mewes aktiv daran beteiligt.
Da Traditionen bei den Mewes groß geschrieben werden, hat auch der Urlaub ein jahrelanges Ritual: Jeden Februar zeltet die Familie auf einem Grundstück von Freunden am See Puyehue in der Region Los Lagos. «Ich habe gedacht, dass die Älteren vielleicht irgendwann nicht mehr mitkommen möchten, aber sie sind bis heute immer dabei, wenn sie es irgendwie einrichten können», erzählt Mewes. Er und seine Frau haben sich inzwischen einen Campingwagen geleistet, aber ansonsten ist alles wie immer.
Außer Camping hat Ricardo Mewes noch ein Hobby: Er hat sich eine Tischlerei-Werkstatt auf dem Grundstück in Buin eingerichtet. Rustikale Kleinmöbel aus einheimischem Wertholz im Haus der Familie stammen aus seiner Fabrikation.
Inzwischen hat er einen seinen Söhne mit der Begeisterung für die Verarbeitung von nativem Holz angesteckt: Er hat sich damit selbständig gemacht und beim CELAC-Gipfel 2012 in Santiago – dem Treffen der Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten – die Geschenke geliefert, die Präsident Sebastián Piñera an seine Amtskollegen übergab: Brillen mit Holzrahmen. «Ich habe daran mitgearbeitet», verrät Ricardo Mewes.
Es ist ihm anzumerken, dass er gerne mehr Zeit mit der Arbeit mit Holz verbringen würde. Sein derzeitiges Amt lässt das jedoch nicht oft zu. Schließlich ist er neben seinen Aufgaben bei der chilenischen Kammer für Handel, Dienstleistungen und Tourismus, wie die CNC offiziell heißt, auch noch als Zollagent tätig. Mit dem Engagement in den Handelsverbänden begann er vor rund 15 Jahren. Von 2001 bis 2003 war er Präsident der Kammer der Zollagenturen. Auch hier trat er in die Fußstapfen seines Vaters, der dieses Amt in zwei Perioden in den 80er und 90er Jahren ausgeübt hatte.
Seine Laufbahn bei der CNC begann er 2005 als Vizepräsident und 2010 als Präsident des Internationalen Komitees. Bei den Wahlen der CNC 2012 wurde er Präsident der föderalen Institution, die alle regionalen Handelskammern in Chile vertritt und zudem mehrere ausländische Handelskammern als Mitglieder hat.
Die 153 Jahre alte Handelskammer residiert seit 1995 in den hochherrschaftlichen Räumen des Palacios Bruna. Die Villa im italienischen Renaissance-Stil wurde 1916 von dem Salpeter-Unternehmer Augusto Bruna in Auftrag geben. In den 60er Jahren wurde der Palast von den USA gekauft und verwandelte sich in die Residenz ihres Botschafters und diente anschließend als Konsulat.
Der Name Bruna klingt Ricardo Mewes im Ohr nach. Seine Urgroßeltern väterlicherseits und mütterlicherseits waren aus Deutschland nach Chile ausgewandert. Sein Großvater väterlicherseits war Richter in Valdivia gewesen und wurde dann zum Vorsitzenden des Obersten Rechnungshofes von Chile ernannt. Jedoch weiß er nichts mehr über den Stammbaum seiner Familie.
«Das ist eine Aufgabe, die noch aussteht – mehr über die deutschen Vorfahren zu erfahren. Aber es ist eine komplexe Aufgabe, die Zeit braucht», meint Mewes. Bei ersten Forschungen stolperte er über eine Person mit den Nachnamen Mewes Bruna. Das machte ihn noch neugieriger, jetzt, wo er sein Büro im Palacio Bruna hat.

Petra Wilken

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