Helmuth Reichel Silva – «Ein Dirigent sollte nicht zu viel reden»

Dirigent Helmuth Reichel Silva Foto: CEAC Universidad de Chile

Von Walter Krumbach

Die Auftritte des deutsch-chilenischen Dirigenten mit dem Orquesta Sinfónica Nacional de Chile in Santiago, Viña del Mar und Frutillar ließen in den letzten Jahren aufhorchen. Unter Helmuth Reichel Silvas Stab erklang Altbekanntes völlig neu, im wahrsten Sinne des Wortes unerhört. Im März gastierte der hochbegabte junge Musiker in Santiago. Der Cóndor traf sich mit ihm zum Gespräch.

Seine Zusammenarbeit mit dem Orquesta Sinfónica Nacional de Chile währt schon einige Jahre. Für seine Gastauftritte im März reichte Reichel Vorschläge für zwei Programme ein, die bezeichnenderweise ohne Änderungen angenommen wurden. Das war nicht das erste Entgegenkommen zwischen Dirigent und Orchester. «2016 waren sie so großzügig, mich einzuladen, um gemeinsam ein Programm zu spielen», erinnert er sich. «Wir haben uns beide von Anfang an miteinander wohlgefühlt», stellt er fest, «ich glaube, das war der Grund, weshalb dann später wieder eine Einladung kam.»

Konzerte in Frutillar als etwas Außerordentliches

Nach der erfolgreichen ersten Zusammenarbeit übernahm Reichel die Konzerte des Sinfónica Nacional in Frutillar: «Das war für mich etwas Außerordentliches, nicht nur weil die 9. Sinfonie Beethovens ein ganz besonderes Werk für alle Musiker ist, sondern weil mir in jenen fünf Wochen – auch in Santiago – viel anvertraut wurde.»

Bei seinen letzten Konzerten in Santiago standen vier Werke aus dem 20.  Jahrhundert (von insgesamt sechs Kompositionen) auf dem Programm. Daraufhin angesprochen, bemerkt er: «Ich mag generell alles, denke aber, dass es im 20. Jahrhundert eine Explosion an Schlüsselwerken gibt, die nicht sehr oft gespielt werden und dazu einen jungen Dirigenten ganz stark ansprechen.»

Musikhochschule Würzburg, Stuttgarter Philharmoniker, Opernorchester Gelsenkirchen

Helmuth Reichel Silva wurde in Santiago geboren. Mit der Musik beschäftigt er sich seit dem 5. Lebensjahr, als er begann, Geige zu spielen. Nach seiner Ausbildung am Conservatorio Nacional de Música studierte er an der Musikhochschule Würzburg. Zwischen 2007 und 2010 war er Mitglied der Stuttgarter Philharmoniker und des Opernorchesters in Gelsenkirchen.

Reichels ins Auge fallende Begabung ist jedoch das Dirigieren, der er in Deutschland den letzten Schliff gab. Für seine Leistungen heimste er namhafte Preise ein. So kam er 2015 im Dirigentenwettbewerb in Besançon in die Endrunde. Im Deutschen Dirigentenwettbewerb und dem Orchestra Prize der Jeunesses Musicales Conducting Competition in Bukarest wurde er Zweiter. Diese Auszeichnungen hatten zur Folge, dass er seitdem ständig Anfragen erhält, um in Europa, Asien und Amerika zu dirigieren.

Kontakt zu Chile sehr wichtig

Heute lebt Helmuth Reichel in Bamberg. Seine Hauptbeschäftigung sind die zahlreichen Gastauftritte, die er von der idyllischen bayerischen Stadt aus plant und als freier Dirigent wahrnimmt. Während seiner Ausbildung hatte er Gelegenheit, sämtliche Gebiete seines Metiers – Oper, Oratorien, Chor und Sinfonik – von Grund auf kennenzulernen und zu bearbeiten. Heute widmet er sich bevorzugt der Sinfonik: «Ich habe zwar Opern gemacht, aber es hat sich mit der Zeit so ergeben», stellt er fest, wobei ein Unterton der Zufriedenheit nicht zu überhören ist.

Wichtig bei dem Aufbau seiner Karriere ist ihm «der Kontakt zu Chile sehr, sehr wichtig, nicht nur, weil ich hier geboren bin, sondern weil es mir wichtig ist, hier regelmäßig mit den Klangkörpern zusammen zu arbeiten. Solange ich die Möglichkeit habe und solange Interesse besteht, mit mir zu arbeiten, ist es für mich ein großes Geschenk».

Disziplinierte Musiker in Japan

Gegenwärtig hat Reichel Verpflichtungen in Europa und Asien. «Ich versuche, alles auf eine natürliche, organische Art zusammenzuhalten», versichert er. Besonders gerne dirigiert er in Japan, «wo die Musiker sehr diszipliniert sind». Aber auch für die dortigen Kunstliebhaber hat er lobende Worte: «Wir haben in der Muza Kawasaki Symphony Hall mit der Tokio Symphony Orchestra ein Konzert gegeben. Es war beeindruckend, wie leise das Publikum war! Kein Geräusch während des ganzen Konzerts. Sie haben die Fähigkeit, zuzuhören und leise zu sein. Das ist eine Eigenheit ihrer Kultur. Diesen Respekt im Umgang mit anderen Menschen unmittelbar zu erleben war sehr interessant». Die Arbeit in Tokio war äußerst konzentriert. Reichel und das Orchester hatten lediglich zwei gemeinsame Proben vor dem öffentlichen Konzert.

Das ist bei der Leistungsforderung dieses Dirigenten viel zu wenig, möchte man meinen. Er besitzt nämlich die nicht alltägliche Fähigkeit, sich einer Partitur zu nähern und sie zu deuten, als sei sie ein nie gespieltes Werk. Das hat zur Folge, dass im Konzertsaal altbekannte Stücke erklingen, als habe man sie noch nie gehört. Gleichzeitig wahrt Reichel dabei, so paradox es klingen mag, einen absoluten Respekt vor dem Willen des Komponisten. Wie kann ein Interpret derartiges erreichen?

Welche Botschaft übermittelt der Komponist?

«Die wichtigste Frage, die ein Dirigent sich stellt, wenn er eine Partitur liest, ist, was für eine Botschaft übermittelt der Komponist, was hat ihn bewegt, so ein Werk zu schreiben», sagt er dazu. «Man muss dann eine komplette Analyse vornehmen». Damit meint er die Struktur, das «Skelett» des Stücks zu untersuchen. Je näher man an die Sprache des Komponisten kommt, das heißt, wie er sich ausdrückt, desto näher fühlt man sich seiner Botschaft. Und nun kommt die eigentliche Aufgabe des Dirigenten: «Wie bringe ich die Elemente ‘rüber, die für ihn wichtig sind. Dabei entsteht automatisch eine Interpretation», versichert er, «das lässt sich nicht vermeiden. Aber diese Interpretation entsteht eben mit dieser Absicht, den Komponisten weiterzuleiten».

Die Frage, was für eine Art von Musik wollen wir hier hören und warum, ist dabei unumgänglich: «Diese Frage führt einen bis ins tiefste des Herzens des Komponisten. Man muss seine Biographie und seine Briefe lesen, seine Zeit verstehen – alles untersuchen, was einem hilft, den Menschen hinter dem Werk kennenzulernen». Das bedeutet nicht, dass er vor dem Orchester allzu viel erklären muss: «Ein Dirigent sollte versuchen, nicht zu viel zu reden. Wenn man alles ausspricht, dann kann man einigen Schaden anrichten. Es ist wie in der Liebe: Wenn man jede Sekunde der geliebten Person genau beschreibt was man fühlt, dann kann man vieles kaputt machen!»

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