Helmuth Biernoth – Lehrer an der Deutschen Schule Santiago

Im Einsatz für die Chemie

Helmuth Biernoth - Lehrer an der Deutschen Schule Santiago
Helmuth Biernoth

Vor 150 Jahren wurde das Periodensystem aufgestellt. Damit Schüler dieses verstehen und sich für die Chemie begeistern, verwendet der Lehrer Helmuth Biernoth gerne unkonventionelle Methoden.

Von André Wielebski

Helmuth Biernoth ist ein ruhiger Zeitgenosse. Er achtet auf seine Worte, spricht ruhig und überlegt. Doch bei einem Thema wird er für seine Verhältnisse richtig fuchsig: Wenn unbedacht über die Chemie gesprochen wird. «Manche Produkte werben mit dem Slogan „Keine Chemie“ – dabei ist alles an uns Chemie». Er erzählt die Geschichte, wie aus Salicylsäure, der seit Jahrtausenden bekannten natürlichen, fiebersenkenden Substanz aus der Weidenrinde, die den Magen angreift, das magenverträgliche Schmerzmittel Aspirin entwickelt wurde – dank Chemie.

Keine Frage: Biernoth vermittelt gerne seine Leidenschaft für Chemie. Daher forscht er in keinem Labor, sondern ist Lehrer für Mathematik und natürlich Chemie. Seit 2017 unterrichtet er an der Deutschen Schule in Santiago. Er wurde im bayerischen Ansbach geboren und wuchs in Hessen auf. Seine erste Auslandserfahrung als Lehrer sammelte er von 2001 bis 2006 in der Deutschen Schule in Lima. Er bewarb sich beim Deutschen Auslandsschulwesen für eine Stelle. Das erste Angebot kam aus Paris – aber das sei für seine Familie zu nah an Deutschland gewesen. «Wenn schon, denn schon», war das Motto. Dann kam das Angebot aus Lima. «Eine andere Kultur und Menschen aus diesem Kulturkreis kennenzulernen, neue Freunde finden und mit Kollegen über den Beruf und das Leben zu diskutieren – das reizt mich am Ausland», erklärt Biernoth.

Helmuth Biernoth: «Jetzt werden wir bald die ersten Chemie-Abiturienten überhaupt in Chile haben.»

Nach elf Jahren in Deutschland ging es vor zwei Jahren schließlich nach Chile. In Santiago angekommen, setzte er sich sofort an der DS Santiago für sein Lieblingsfach Chemie ein. Sein Ziel: Chemie sollte als Abitur-Qualifaktionsfach anerkannt werden. Ein Jahr später war die Anerkennung für das Fach da. «Jetzt werden wir bald die ersten Chemie-Abiturienten überhaupt in Chile haben», verkündet Biernoth stolz.

Dabei war er als Kind niemand, der mit Chemiebaukästen seine Ferien verbracht hatte. Mathematik und Chemie hatten lange Zeit zu gleichen Teilen sein Lehrerherz erobert. Doch eine Begegnung mit dem österreichischen Chemiedidaktiker Professor Viktor Obendrauf prägte seinen Werdegang. Obendrauf war dafür bekannt, dass er einen Weg fand, die großen, gefährlichen Experimente sicher in den Klassenraum zu transportieren. «Es soll nicht nur explodieren und qualmen, wenn der Tag der offenen Tür ist, sondern auch im alltäglichen Unterricht», sagt Biernoth.

Bis heute prägt dieses Denken seine Methoden. Er sagt von sich selbst, dass er ein Spielkind sei. So bastelte er eigenhändig verschiedene Kartenspiele auf Grundlage des Periodensystems, zum Beispiel Domino, Quartett oder Memory für den Unterricht. Auswendig kenne er alle Abkürzungen und Positionen der Elemente auch nicht. Das brauche er jedoch auch nicht, sagt er, schließlich sei das Periodensystem der «genialste Spickzettel der Welt». Biernoth versucht den Jugendlichen mit Unterhaltung und Wissen das Fach näherzubringen.

Leider immer noch frustrierte Schüler anstatt Faszination Chemie im Unterricht

«In keinem Fach haben die Schüler eine positivere Erwartung als in Chemie», sagt er, «doch innerhalb eines Jahres sind viele frustriert.» Der leider noch immer – auch in Chile – vorherrschende Chemie-Unterricht sei zu wenig an der Lebenswelt und den Fragen der Schüler orientiert oder die Schüler verlieren den Zugang, weil ihnen die Theorie übergestülpt wird, anstatt sie altersgemäß zu entwickeln. «Das tut weh», sagt Biernoth. Denn er möchte nicht nur Wissen vermitteln, sondern die Faszination Chemie weitergeben.

«Das Schönste an mein Beruf ist es zu sehen, wie ich Jugendliche begeistern kann, wie sie mitdenken und eigene Hypothesen entwickeln.» Um das zu erreichen, bewegt sich Biernoth auch außerhalb seiner Komfortzone. «Ich war lange Zeit unsicher bei Experimenten. Schaffe ich das mit meinen zwei linken Händen? Klappt das? Das ist mit der Zeit besser geworden. Man darf keine Angst haben.»

Von der Millionenstadt Santiago schnell in die Berge

Die Angst zu überwinden ist für Biernoth ein grundsätzlicher Entwurf für ein glückliches Leben. «Man muss manchmal Risiken eingehen, um glücklich zu sein. Ich stelle mir das Leben in einer Wellenform vor, mit Auf und Ab. Um das Glück zu erleben, ist es wichtig, dass man sich traut. Dass man auch Phasen mit Angst und Sorgen zulässt und durch die Täler schreitet», erklärt er. Apropos Täler durchschreiten: Biernoth ist ein begeisterter Wanderer. Gerade das schätzt er an Chile und Santiago. «In welcher Millionenstadt ist man so schnell in den Bergen?», fragt er. Einem anderen Hobby kann er in Santiago nicht nachgehen: Tischtennis. Bereits mit 16 war er Tischtennistrainer in Deutschland. Hierbei kam erstmalig der Wunsch auf Lehrer zu werden.

Doch der Arbeitsmarkt für Lehrer damals in Deutschland war schlecht. So arbeitete Biernoth zunächst als Rettungssanitäter. Bis sein Chef, der ehrenamtlich dort tätig und hauptberuflich Lehrer war, sagte: «Du willst Lehrer werden? Dann mache es!»

Biernoth studierte an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Justus Liebig war einer der größten Chemiker Deutschlands – Schicksal? Ende 2020 endet seine Zeit in Chile. Dann kehrt er mit Tochter und Frau zurück nach Deutschland. Besonders eine Sache möchte er bis dahin an seinem Chemie-Unterricht noch verbessern: mehr Struktur. «Manchmal spanne ich den roten Faden nicht genug – dann ist der Unterricht weniger strukturiert als es für die Schüler gut wäre.» Helmuth Biernoth denkt viel nach – über die Chemie, aber auch über das Leben..

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