Helga von Baer, Sozialarbeiterin

Aktiv für die Armen

Helga von Baers Hauptanliegen war immer, ihre vier Töchter zur Selbstverantwortung zu erziehen. Die engagierte Frau ist sich selbst in ihrem Leben immer treu geblieben durch ihren unermüdlichen Einsatz für sozial schwache Menschen und für die Jugend.

Helga von Baer, Foto: privat

Ihr Vater kam 1939 aus Pommern über Hamburg als Landwirt nach Chile. Bevor er nach drei Jahren bei Los Angeles «seinen eigenen Fundo» pachtete, fand er eine Anstellung bei Familie Uslar in Yumbel. Helga ist in der Deutschen Klinik in Valparaíso geboren, weil ihr Großvater August Bolland müterlicherseits dort seine Import- und Export-Firma betrieb und ihre Mutter sich ihre zweite Geburt in familiärer Obhut besser vorstellte. Auf dem Lande aufgewachsen, kam Helga dann als Schulkind in das Internat der Deutschen Schule von Los Angeles, damals im zweiten Stock eines alten Hauses, in dessen erstem Stock der Schulbetrieb ablief. Helgas Eltern haben sich intensiv für die Erhaltung und das Gedeihen dieser Schule eingesetzt.

Die fünfte Klasse erlebte Helga als «homeschooling» auf dem Lande, und ab der sechsten Klasse ging sie in die deutsche Lotaschule. Danach besuchte sie bis zum Abschluss die «Große» Deutsche Schule Santiago, wo sie «in Pension» bei Oma lebte. Sommers verbrachte sie zu Hause auf dem Land und lernte das Reiten lieben. Auf ihrer Schulabschluss-Studienreise mit Lehrer Rolf Müschen in den Norden, wofür die Klasse sich das Reisegeld mit Kasperletheater verdient hatte, beeindruckte sie besonders das Hospital in Chuquicamata und das Museum des Padre La Paige in San Pedro de Atacama.

Im Hogar de Cristo von Los Angeles absolvierte Helga ein freiwilliges Praktikum zur Unterstützung und Arbeit mit Obdachlosen. Nur dank der daraus erfolgten Empfehlung des Erzbischofs wurde sie 1963 als erste Nichtkatholikin an der Universidad Católica in Santiago zum Sozialdienst-Studium angenommen.

In Lota mit Holanda wohnend ging sie oft in die Lotakirche. In der «Católica», wo sie jeden Tag zur «Misa» musste, kam ihr lutherischer Glaube ins Wanken. So ging sie hilfesuchend zu ihrem Konfirmationspfarrer Friedrich Karle. Durch diesen gelangte sie zu Pfarrer Richard Wagner, der ihr half, wieder zu ihrem Glauben zu finden.

Nach ihrem Staatsexamen 1967 bewarb sie sich um ein Stipendium nach Deutschland, das sie sich gegen das Argument «Sie kann ja schon Deutsch» erkämpfen musste. Nach einem Praktikum mit Geistlichen, Boy-Scouts und Männern und Frauen aus Arbeitersiedlungen, fuhr sie mit dem Stipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung nach Essen zum Sprachkurs. In der Heidelberger Gegend arbeitete sie dann mit einem Sozialarbeiter des Roten Kreuzes in der Betreuung verarmter deutscher Familien und später in Hamburg, wo sie an der Reeperbahn Sozialarbeit mit Kinder- und Jugendgruppen von 10-bis 18-jährigen Kindern unbekannter Väter leistete.

Zurück in Chile war sie als Sozialarbeiterin bei der Gewerkschaft und bei Mütter- und Jugendgruppen im Landwirtschaftsbetrieb der Familie Roth-Schleyer in Freire (Fundo Campamento) tätig. Diese Arbeit führt bis heute Elisabeth Roth fort. Nach der Heirat entschloss Helga sich, der Erziehung ihrer vier Töchter zu widmen. Außerdem unterstützte sie nach dem frühen Tod des Schwiegervaters mit vollem Einsatz ihren Ehemann Erik von Baer im landwirtschaftlichen Samenzuchtbetrieb. 

Ein weiterer wichtiger Teil von Helgas Wirken war immer die Lutherische Kirche Temuco. Im Jahre 2002 wurde sie in den Vorstand gewählt. Bei der kürzlich abgehaltenen Generalversammlung trat sie nach beinahe 20 Jahren von ihrem Posten zurück. Zehn Jahre lang war sie Erste Vorsitzende. Die wichtigsten unter ihrer Führung erlangten Fortschritte sind: Zur Unterstützung des Pfarrers suchte Helga in Deutschland beim Gustav-Adolf-Werk (GAW) Vikare, fand statt jenen aber junge Praktikanten und vor allem Praktikantinnen, die mit der Unterstützung des GAW erfolgreich in unserer Kirche mithalfen. Außerdem gelang es Helga den Consejo Sinodal der ILCH (Iglesia Luterana en Chile) davon zu überzeugen, dass die Motivation der Jugend entscheidend für das Weiterbestehen der Kirche ist. Der Synodalrat beschloss, dem GAW die Erneuerung von Puerto Fonck als ein einziges gemeinsames Projekt aller Gemeinden vorzuschlagen, anstatt die Hilfe unter den einzelnen Kirchen zu verzetteln. Dieses Projekt sorgte dafür, dass dort nun wieder jährliche Treffen der Kirchenjugend möglich sind.

Zu dieser Liste gehört noch ein sehr wichtiges Ereignis, für das auch Helgas Einsatz als Mitglied des Vorstands entscheidend war. Durch die zukunftsorientierte Atmosphäre und gute Stimmung, die unter Helgas Führung, sowohl im Vorstand wie auch beim Pfarrer herrschte, und der darauf fußenden kreativen Einstellung der Gemeinde und der Vorstandsmitglieder, ist die Gründung der Fundación Cocoliche angesteuert und unter Helgas Nachfolger zustande gekommen – ein Schritt, der dem legalen Kirchengefüge zu Gute kommt.

Ein Thema bedauert Helga aber sehr: Trotz großer Anstrengung und Überzeugungsarbeit ist es bisher leider nicht gelungen, die zwei Schwesterkirchen, ILCH und IELCH (Iglesia Evangélica Luterana en Chile) zusammen zu führen.

Zurückblickend kann man also sagen, dass Helga von Baer, geborene Jahn, und die Mitglieder der jeweiligen Vorstände in den letzten rund zwei Jahrzehnten einen weittragenden Einfluss auf die Lutherische Kirche in Temuco gehabt haben. Die Gemeinde steht in vieler Hinsicht gesund da und hoffentlich finden sich weiterhin Menschen wie Helga, die sich zum Wohle aller Institutionen unserer deutsch-chilenischen Gemeinschaft einsetzen.

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